Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

Die 54er Crew – 02.-11. November 1954 in Seeshaupt
Von Helmut Klopfer

Die Aktiven

(d.h. 1974 noch im Dienst) Trudel BREUNINGER
Helmut KLOPFER
Hanno MARTIN
Klaus NEUSER

Die einst Aktiven

(1974 bereits ausgeschieden) Dieter BRAUN
Thomas NIESE
Gertraud STEPPAT
Fritz STEPPAT

Die Freunde

(Kurs-Dozenten)
Helmuth BRÜCKMANN
Ehepaar CLOSS
Ehepaar GEORGE
Ehepaar GRIESBACH


(dito für Verwaltung)
Gertrud HENSCHE
Jutta Lohr

Man sagt, es beginne das Alter für den, der sich erinnere. Dies soll uns doch nicht schrecken, auf jenen Tag zurückzublicken, der uns vor nun genau zwanzig Jahren zum ersten Male miteinander bekanntmachte. Gleich, wie jung oder wie gereift wir uns fühlen, zwei abgeschlossene Jahrzehnte erwachsenen Lebens sind Anlass genug zu einem Blick zurück – zurück zu einem Weg vom Bahnhof Seeshaupt zum Seehotel, Koffer (freilich wohl leichtere als später) schleppend über zwei, drei Kilometer, eine Strecke, die uns BRÜCKMANN zuvor als zehnminütigen Spaziergang geschildert hatte… War dieser Anfang Zeichen für das Ungewisse, das uns erwartete, für das Schwierige, das uns als allzu leicht zu Bewältigendes erschienen war? Heute mag und kann das jeder für sich beantworten; doch an jenem 2. November 1954 kamen uns, die wir meist gerade das Studium in einer für fast alle bedrückenden Nachkriegszeit beendet hatten, diese Gedanken nicht.

Da war es schon sehr viel interessanter, dass Trudel BREUNINGER mit einem VW anreiste und ihre Gunst bald hier, bald da im Mitfahrenlassen zum Ausdruck brachte; oder dass NEUSER und STEPPAT bereits mit einigen ersten Erzählungen über den Unterricht bei CLOSS und GRIESBACH und über das Büro im Verein mit den Damen HENSCHE und LOHR aufzuwarten hatten; oder dass Bekanntschaft mit dem ersten ‚Dienstwagen’ dieses eingetragenen Vereins, dem hochbetagten hölzernen JOHANN GOTTFRIED – der zeitweise verschämt in einem Schuppen Kochels abgestellt war – gemacht und festgestellt wurde, dass er nur von der rechten Tür her zu besteigen war. Wie muss sich die BREUNINGER in ihrem Luxusgefährt gefühlt haben!

Doch, täusche ich mich, vergoldet’s die Erinnerung: ich meine, es war von Anfang an ein gutes, freundschaftliches Band um uns, eine Atmosphäre, die Gruppe schuf. Dass dies in erster Linie Verdienst der beiden Chefs war, erkennen wir heute; und dass wir heute dafür wie für vieles Spätere DORA SCHULZ nicht mehr ansprechen können, ist eine bittere Erfahrung. Umso unvergesslicher wird sie uns aus diesen Tagen bleiben, in denen sie zusammen mit GRIESBACH erst Manuskriptseiten des späteren Dauerbestsellers enthüllte, aber uns auch mit Konkurrenzdrucksachen wie jener des singenden Rektors Lapper bekanntmachte, kurzum uns in zehn Tagen das beibrachte, von dem wir lange zehren sollten.

BRÜCKMANN, souveräner Leiter im grauen Flanell, nahm uns in Zucht: erinnern wir uns der Kurzvorstellung, die jeder von sich am ersten Tage in Seeshaupt geben musste, ans Pflichtreferat, ans leidige Protokoll, an die Lehrprobe! Aber auch an die liebenswürdigen Abendunterhaltungen, an unsere ewig gleichen Fragen: wo gibt’s denn eigentlich Goethe-Institute im Ausland? Und an die unvergessliche, geheimnisschwangere und geduldig wiederholte Antwort BRÜCKMANNs, mit großzügiger Geste über die Weltkarte streichend: „Sie hängen wie reife Pflaumen an den Bäumen: man muss nur schütteln!“ Diese weise Beurteilung der Goethe-Zukunft erschien uns wohl zu jener Zeit dunkel-traumhaft, doch wer vermochte der mit bunten Nadeln gespickten und solcherart verheißungsvollen Landkartenwelt gänzlich zu misstrauen? Nicht einmal MARTIN, der Philosoph vom Dienst, brachte das fertig, sondern stellte dafür seinerseits in einem Referat Geschäftsführung und Verwaltungsrat des Unternehmens mit mathematischen Formeln vor unlösbare Rätsel, wo er doch schlicht den Relativsatz hätte abhandeln sollen.

Erinnerungen: Gertrud HENSCHEs Handtasche, die das Monatsbudget des Vereins barg und uns die Fahrtkosten zu tragen half; Jutta LOHRs Diktatblock, einziger der gesamten Geschäftsstelle; Oberst Fehns Dackel, gefürchtet wie sein Herr: meine Bemerkung bei Kronprinz Rupprechts Tod: „Nun ist auch Bayern eine Republik“ muss in diesen Ohren wie die Parolen der Roten Zellen auf uns Heutige gewirkt haben! Erinnerung auch an jene, die später nicht ins Goethe-Institut eintraten, an Lauterbach aus Farchant zum Beispiel, der in der mittäglichen Novembersonne ein Bad am Hotelstrand nehmen wollte, es dann aber beim Fußbad beließ. Erinnerung auch an den einzigen gemeinsamen Ausflug auf den Herzogstand: NIESE, STOLTZ und KLOPFER spurteten in sagenhaften 95 Minuten zum Gipfel und wurden dennoch auf den letzten Metern noch von BRAUN auf den zweiten Platz verwiesen und mit fußkranken Völkerwanderern abqualifiziert.

Schließlich der Abschied, die Ungewissheit: würde man angestellt werden, würde man vielleicht tatsächlich ins Ausland kommen? Ein abschließender BRÜCKMANN, auf die Frage nach etwaigem Verdienst im erträumten Bangkok, Porto Alegre oder Kairo: „Sie werden nicht mit zerrissenen Hosen herumlaufen müssen“.

So blieb auch beim Scheiden von Seeshaupt alles so vage, wenig klar und ein bisschen geheimnisvoll, wie es der Kofferweg zu Anfang gewesen war – das dem Goethe-Institut wohl innewohnende Prinzip. Doch hat’s auch nur einen von denen, an die sich diese Erinnerung richtet, gereut? Unvorstellbar, wenn wir zusammenfassen, wo wir in diesen zwanzig Jahren waren, welch erfüllte zwei Dezennien uns zuteil geworden sind; von Frankreich über Venezuela bis Brasilien, von Schweden über Libyen, Ägypten Togo bis Kamerun, von – last not least – Reichenhall, Murnau und Kochel über die Türkei, den Irak, Pakistan bis Thailand führen unsere Spuren. Und so mag denn dies, was als Erinnerung begann, mit dem Dank an den enden, der uns mit Gottes Hilfe un durch seinen eigenen realistischen Optimismus auf den Weg dieser zwanzig Jahre schickte, mit einem herzlichen, aufrichtigen und freundschaftlichen Dank an Helmuth BRÜCKMANN.
Von Helmut Klopfer, Kochel, 15. April 2011