Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

„Ja!“
Von Ursula Obers-Kraft

Anreisetag am Inlandsinstitut in München. Es ist 6:30 Uhr, die ersten (JapanerInnen) stehen geduldig vor der noch verschlossenen Institutstür. Keiner wird zusammen mit mir eintreten, denn auf der Tür steht, dass erst ab 7:00 Uhr geöffnet ist. Und an diese Angaben hält man sich.

Wenig später sitzt eine der Japanerinnen vor mir – ich werde ihr erklären, wo sie untergebracht ist. Der Text wird bis abends bei jedem Teilnehmer immer der gleiche sein: „Sie haben ein Zimmer im Wohnheim; das ist nicht weit weg von hier, nur zwei Stationen mit der U-Bahn…“ und so fort. Ich spreche langsam und deutlich und frage nach jedem zweiten Satz, ob sie denn verstanden habe. Es kommt immer ein entschiedenes „Ja!“. Ich kann nicht genau sagen warum, aber ich habe das Gefühl, sie versteht dessen ungeachtet kein Wort von dem was ich sage. Also flechte ich – im gleichen Tonfall und in der gleichen Geschwindigkeit ein „wie spät ist es“ ein – und werde mit einem entschiedenen „Ja!“ belohnt. Na – dann werde ich wohl doch den Kollegen holen, der des Japanischen mächtig ist – denn so kann ich die Frau nicht ziehen lassen, sie weiß ja gar nicht wohin.

Gleiches Institut – gleicher Anreisetag: Eine Gruppe von Griechen steht vor mir, eine junge Frau umringend, die das Institut erst in mehreren Monaten nach erfolgreich bestandenem „Großen Deutschen Sprachdiplom“ wieder verlassen soll. Anwesend sind: Vater, Mutter, der Bruder der Mutter, der in Deutschland – allerdings in Köln - lebt, aber der sich mit den Deutschen auskennt. Dann natürlich die jüngeren Geschwister der Teilnehmerin und – per Mobiltelefon verbunden – auch die Großmutter, die ja schließlich auf dem Stand der Information gehalten werden will und der jedes gesprochene Wort sofort durchgegeben wird. Das von mir vorgeschlagene Zimmer wird erst akzeptiert als ich beteuern kann, dass es sich um eine sichere Gegend in München handelt, das Zimmer auf einem Stockwerk liege, das im Brandfall schnell geräumt werden kann, keine Männer das gleiche Badezimmer benutzen, München eine verhältnismäßig geringe Kriminalitätsrate hat und der für das Wohnheim zuständige Zivildienstleistende ein vertrauenswürdiger Mann ist.

Mittlerweile ist es früher Abend geworden – die Stunde der Chinesen. Wie im Bilderbuch treten diese nie in weniger als Vierergruppen auf – soweit man das in dem undurchdringlichen Rauchdunst sehen kann, in dem sie sich bewegen. Ich kann die Herren davon überzeugen, dass die Zigaretten zumindest in meinem Büro ausgemacht werden. Der von mir aus gutem Grunde quer zur Zimmertür aufgestellte Tisch, den bisher noch jeder als Begrenzung er- und anerkannt hat, ist von den chinesischen Teilnehmern im Sturm genommen: einer beugt sich über meine Schulter, um in meinem Dokument zu lesen, der andere sieht sich interessiert die Unterlagen an, die sich weiter noch auf meinem Tisch befinden. Weil ich es nicht leiden kann, wenn jemand hinter mir steht während ich vor mir jemand anderem den Weg zum Wohnheim erkläre, scheuche ich die beiden wieder hinter meine persönliche Barrikade – und fange mit meinem Text noch einmal an.

Zwei Tage nach dem Anreisetag steht ein junger Amerikaner vor mir und erklärt, dass er unmöglich in seinem Quartier bleiben könne: Der Duschvorhang sei zu durchsichtig – man bzw. Frau könne seine Umrisse beim Duschen sehen – er müsse unbedingt auf der Stelle eine andere Unterkunft bekommen.

Gleich danach steht der Zivi aus dem Wohnheim mit einem Schrank von einem Kerl vor mir – ein Zypriote mit 2 x 2 Metern Minimum. Er hatte am Abend das leckere bayerische Bier gekostet – und brauchte im Anschluss drei Zimmertüren, die er praktischerweise eingetreten hatte, um in sein Bett zu finden.

Mittlerweile arbeite ich schon lange nicht mehr in der Unterkunftsverwaltung. Und trotz der Strapazen, die diese Beschäftigung mit sich bringt, vermisse ich diese kleinen Anekdoten und den Trubel am Inlandsinstitut.
Von Ursula Obers-Kraft