Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

Interview mit Jutta Bechstein-Mainhagu

Jutta Bechstein-Mainhagu war die Gewinnerin der "schönsten Goethe-Geschichte" und hat die Reise zur 60 Jahr Feier in Berlin im Juli 2011 gewonnen. Im Interview spricht sie über ihre Aufgaben, was man in Bordeaux nicht verpassen sollte und über ihre "schönste Goethe-Geschichte".

Worum geht es in Ihrer „schönsten Goethe-Geschichte“?

In meiner „schönsten Goethe-Geschichte“ geht es um eine Veranstaltung über Hölderin, die am Tag des Berliner Mauerfalls in Bordeaux stattgefunden hat und die eine außergewöhnliche Beziehung zur Deutschen Kultur aufwies. Hölderlin, einer der größten deutschen Dichter, hat 1802 für einige Monate in Bordeaux gelebt und dort eines seiner schönsten Gedichte geschrieben, „Andenken“. Auf die Empfehlung des Liedermachers Wolf Biermann, den das Goethe-Institut Bordeaux 1989 eingeladen hatte, hielt der Professor Jean-Pierre Lefebvre einen ausgezeichneten Vortrag über „Hölderlin in Bordeaux“. Hölderlin hat von der Freiheit geträumt und von der Französischen Revolution. Während der Professor seinen Vortrag hielt, fiel in Berlin die Mauer. Manchmal glaube ich an einen „Esprit de lieu“, an den „Geist eines Ortes“, denn dass in dem Moment, in dem eine der größten Umwälzungen in der Weltgeschichte stattfindet, von diesem freiheitsliebenden deutschen Dichter in Bordeaux gesprochen wurde, hat mich sehr berührt.

Warum haben Sie sich entschieden, über dieses Ereignis zu schreiben?

Ich habe 20 Jahre lang immer wieder daran gedacht, dass ich diese Geschichte gerne einmal aufschreiben würde. 2009, zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls, hatte ich eine Praktikantin aus der ehemaligen DDR und habe ihr die Geschichte erzählt. Sie hat mich ermuntert und ich habe die Geschichte aufgeschrieben, zuerst auf Französisch. In Frankreich wurde sie dann auch in einer Literaturzeitschrift veröffentlicht.

Sie arbeiten im Goethe-Institut in Bordeaux. Was sind Ihre Aufgaben?

Copyright: Bettina Siegwart
Jutta Bechstein-Mainhagu auf der 60 Jahr Feier in Berlin im Juli 2011 (Foto: Bettina Siegwart)
Zur Gründung des Instituts 1972 hat man mich mit dem Aufbau der Bibliothek betraut. Seit der Umstrukturierung des Instituts, leite ich ein literarisches Verbindungsbüro, das die Förderung der deutschen Literatur im gesamten frankophonen Raum unterstützt. Hauptsächlich arbeite ich mit Multiplikatoren wie Verlegern, Übersetzern, Bibliothekaren und Buchmessen zusammen und gebe mehrmals im Jahr einen literarischen Newsletter heraus, der auch unter dem Titel Courrier Littérature allemande im Internet erscheint. Die Kritiken der Bücher werden fast nur noch von den besten jungen französischen Nachwuchsübersetzern und Goldschmidt-Preisträgern geschrieben. In Frankreich gibt es 180 Buchmessen mit großen Publikumsveranstaltungen. Ich versuche zumindest mit den größten zusammenzuarbeiten und natürlich die Präsenz deutscher Autoren zu fördern. Außerdem organisiere ich Literaturveranstaltungen und mache Fortbildungsveranstaltungen für französische Bibliothekare, z.B. Einführungen in die Deutsche Literatur. Zudem geben wir Tipps, wie man einen Grundbestand Deutscher Literatur, meist natürlich in französischer Übersetzung, in einer Stadtbibliothek aufbaut. Dann leihen wir noch literarische Ausstellungen an Stadtbibliotheken aus, die wir zum Teil auch selber konzipiert haben.

Wer kommt ins Goethe-Institut Bordeaux?

Die Bibliothek ist jetzt eine deutsch-französische Bibliothek. Sie wird von den Franzosen voll subventioniert und von einer jungen deutschen Bibliothekarin geführt, die eine Angestellte der Universität Bordeaux ist. In diese Bibliothek kommen Deutschlerner, Studenten aller Wissensrichtungen, weil Deutsch ein Wahlfach gerade für Elitestudien ist und ein allgemeines Publikum. Mir war es immer wichtig, dass auch Personen kommen, die kein Deutsch sprechen. Es muss versucht werden alle anzusprechen und das ist eigentlich das Schwerste. Jedes Jahr kommt eine neue Generation und man muss immer wieder neue Ideen haben, die Leute zu interessieren.

Wie erlebt man den 60-jährigen Geburtstag des Goethe-Instituts in Bordeaux?

Ehrlich gesagt, denken wir in Frankreich momentan mehr über das 50-jährige Bestehen des Goethe-Instituts in Frankreich, in Paris nach. Hauptsächlich bereiten wir uns gerade auf dieses Jubiläum vor. Aber wir werden auf alle Fälle über die 60 Jahre in unserem Newsletter berichten und auch die 60 Jahre Goethe-Website benennen.

Was sollte man in Bordeaux unbedingt sehen, wenn man zu Besuch kommt?

Bordeaux ist eine wunderschöne Stadt. Sie ist Weltkulturerbe und war eine große Handelsstadt. Sehenswert sind die renovierten Quais, eine Verschönerung, die die Stadt ihrem Bürgermeister und französischem Außenminister Alain Juppé verdankt , die Patrizierhäuser und ein sehr schönes Museum für zeitgenössische Kunst, das in einem alten Gewürzspeicher am Hafen untergebracht ist. In Bordeaux gibt es nicht nur ein aufgeklärtes Bürgertum, das auch einen großen Bezug zu Deutschland hat, da sich im 18. und 19. Jahrhundert viele Patrizierfamilien aus Hamburg, Lübeck und Bremen in Bordeaux angesiedelt hatten, die Stadt hat sich in den letzten Jahren auch vollkommen verjüngt. Und natürlich die Umgebung, die Weinberge, die Strände, die höchste Düne Europas, die „Dune du Pila“.

Worauf haben Sie sich in Berlin am meisten gefreut?

Da ich Berlin schon kenne, habe ich mir für diese Berlinreise vorgenommen, meine beruflichen Kontakte zu besuchen, also Übersetzer, Journalisten, Schriftsteller. Gestern habe ich erfahren, dass eine große Berlinanthologie in Frankreich herausgegeben werden soll. Und auch andere Projekte sind schon wieder angesponnen worden.



Jutta Bechstein-Mainhagu (63) ist Buchhändlerin, Auslandskorrespondentin und Verhandlungsdolmetscherin. Seit der Gründung des Goethe-Instituts Bordeaux 1972 hat sie dort die Bibliothek geleitet und betreut jetzt ein literarisches Verbindungsbüro. Sie hat zwei Auszeichnungen bekommen. 1989 die Palmes Académiques, eine der höchsten Auszeichnungen Frankreichs für Verdienste um das französische Bildungswesen und 1999 das Bundesverdienstkreuz.