Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

Meine schönsten Berlinerlebnisse im Juli 2011
Zur Feier des 60jährigen Bestehens des Goethe-Instituts
Von Jutta Bechstein-Mainhagu

Treu der Devise der Madame de Stael, „Berlin ist keine Stadt, sondern ein Ort, an dem Menschen leben“, wollte ich dieses Mal nur meine Partner und Freunde besuchen.

Du kommst vom Flughafen direkt zu uns, hatte Thibaut de Ruyter, der junge französische Kunstkritiker gesagt. Er lebt mit seiner Frau, der deutsch-österreichischen Künstlerin Barbara Breitenfellner im Stadtteil Kreuzberg, dem „bourgeoiseren“ Teil. In der Folge werde ich nur solche Berliner Wohnungen sehen. Hohe, weiße Wände, große Fenster ohne Gardinen und Stors, neue Holzböden, auf denen man barfuss läuft, alle Türen geöffnet. Auch die Küche ist eine zwanglose Zeile mit Borden, auf denen Dosen und Tüten stehen und die es erlaubt, plaudernd und zwanglos so ganz nebenbei mit dem Vorhandenen, wie man mir ausdrücklich sagt, ein köstliches Menu zu zaubern: Sushis zur Vorspeise, Fischsuppe mit Fischeinlage und selbstgemachten Croutons, danach ein Kaiserschmarrn wie ich ihn noch nie gegessen habe.

Spät am Abend wird noch ein Künstlerpaar und ein Chinese erwartet, die in der Wohnung wohnen werden, wenn Thibaut und Barbara am nächsten Morgen sehr früh beruflich nach Nizza fliegen, wo Thibaut eine Ausstellung betreut. Nach zehn Jahren in Berlin, ist sein deutsch-französisches Netzwerk enorm. Sein Geld verdient Thibaut aber immer mehr mit Frankreich, denn Berlin hat kein Geld, und die Franzosen kürzen seine Honorare mit dem Hinweis darauf, dass er in dieser Stadt billig lebt. Das ist bitter. Soll man der Karriere halber wieder weg gehen, auch wenn das Leben so viel angenehmer und ruhiger ist als im stressigen Paris?

Wir sprechen über Projekte. Barbara zeigt mir eine der letzten Ausgaben von „Lettre International“, die viele ihrer Bilder übernommen hat. Sie wird nächstes Jahr zwei Ausstellungen in Frankreich haben, davon eine in Poitiers, und natürlich nach Bordeaux kommen (wo sie auch schon ausgestellt hat). Mit Thibaut sprechen wir über Literatur. Welchen Jirgl soll er zuerst lesen? Mir gibt er Arno Schmidt „Über die Unsterblichkeit“ mit. Thibaut habe ich kennen gelernt, als er das Vorwort zu Rolf Dieter Brinkmanns „Rom, Blicke“ geschrieben hat. Seither schreibt er wunderbar geistreiche Kritiken für „mein“ literarisches Bulletin und Internetportal Courrier littérature allemande. Er hat einen guten Geschmack, Heiner Müller, Alexander Kluge, aber auch Chotjewitz, Autor und ehemaliger RAF-Anwalt. Von Thibaut erfahre ich, dass der Verlag Robert Laffont in seiner bekannten „Bouquin“-Reihe ein großes Berlinbuch plant, das dasselbe Format wie der Istanbulband haben soll, d.h. tausende von Seiten, und insbesondere eine große literarische Anthologie. Das ist mein Spezialgebiet. Ich habe schon immer Berlinautoren ausfindig gemacht und immer wieder insbesondere diejenigen, die ins Französische übersetzt wurden in Bibliographien erfasst. Thibaut wird den Kontakt zu Laffont herstellen. Er fragt mich auch, ob Yoko Tawada, die ich, wie er meiner Rundmail entnehmen kann, morgen sehen werde, über Berlin geschrieben hat. Ich werde sie morgen fragen.

Yoko empfängt mich sehr herzlich in ihrer Charlottenburger Wohnung. Wir sind wie alte Freundinnen und lachen viel zusammen. Wie die französische Restaurantbesitzerin in Bordeaux Yoko entsetzt gefragt hat, „Was, Sie sprechen Deutsch ? Das ist ja ganz furchtbar!“.

Später, nach der zweimonatigen Residence in Bordeaux, als sie ihr Buch „Schwager in Bordeaux“ in französischer Sprache vorstellte, sagte Yoko: Ich habe Sehnsucht nach Bordeaux. Und erklärend fügte sie hinzu: „Ich liebe die hanseatischen Städte. Sie haben einen diskreten Charme und Schönheit. Sie sind zuverlässig. Du kennst Hamburg nicht. Hamburg ist die schönste Stadt Deutschlands.“ Sie hat dort über zwanzig Jahre gelebt und ist vor ca. fünf Jahren, wie viele andere Künstler nach Berlin gezogen. „Jetzt“, sagt Yoko, „ist Hamburg nach hanseatischer geworden, und noch schöner.“

Sie zeigt mir stolz alle Sammelbände, die in der ganzen Welt über ihr Werk erscheinen (L’oreiller occidental-oriental de Yoko Tawada; Yoko Tawada: Poetik der Transformation, Beiträge zu dem Gesamtwerk). „Ich bin keine Schriftstellerin für ein großes Publikum“, sagt sie mir. „Ich habe wenige Leser, die auf die ganze Welt verstreut sind.“ Sie reist fast immer mit dem Goethe-Institut und wird in allen Universitäten begeistert empfangen. Der Umgang mit Sprache und Fremdsein sind ihre Themen. Sie schenkt mir ihr letztes Buch, „Abenteuer der deutschen Grammatik“. Ich lese „ Die Zweite Person. Als ich dich noch siezte, sagte ich ich und meinte damit mich. Seit gestern duze ich dich, weiß aber noch nicht, wie ich mich umbenennen soll“. Die Wände ihrer Wohnung sind voller Bücher. Das Meiste scheint auf Japanisch zu sein, eine Sprache, in der Yoko auch schreibt und wofür sie viele hochdotierte japanische Literaturpreise erhielt. In Deutschland ist sie unter anderem Goethe-Preisträgerin des Goethe-Instituts.

Ob sie denn eine Berlingeschichte geschrieben habe, frage ich sie. Sie zeigt mir sofort stolz ihren neuesten japanischen Roman. Es sind zwei Eisbären darauf, der Berliner Bär! Sie konnte offensichtlich nicht auf Deutsch über die Stadt schreiben, in der sie lebt. Das Buch wird aber schon ins Französische übersetzt, von einer in Frankreich lebenden Japanerin natürlich! Aber Bernard Banoun, ihr treuer französischer Übersetzer und Förderer, wird es Korrektur lesen.

Bernard ist jetzt als Professor an die Sorbonne benannt worden und hat sich sofort um Schriftstellerresidenzen in Paris bemüht. Yoko wird nächstes Jahr im März einen Monat in Paris sein und wir werden uns natürlich in Bordeaux sehen. Danke für das Kommen, schreibt sie mir als Widmung zum Abschied in das Buch, und sie sagt es immer wieder, als ich gehe. Wir werden nicht lange getrennt sein, aber zur großen Goethe-Feier am nächsten Tag kann sie nicht kommen, obwohl sie natürlich eingeladen ist. Sie wird an der Universität Greifswald lesen.

Am nächsten Tag erwartet mich eine Überraschung in der französischen Botschaft. Gegen 11 Uhr rufe ich an und frage Micheline Bouchez, ob sie evtl. Zeit zum Mittagessen hätte. Sie ist meine französische Korrespondentin in Deutschland, aber sie ist natürlich sehr viel mehr als ich. Sie leitet das „Bureau du Livre“, und in Frankreich ist das ein Begriff. Jeder weiß, was das ist: die Förderung des französischen Buches. Mein Arbeitsbereich heißt: Förderung der deutschen Literatur im frankophonen Raum“. Das ist spezieller und erlaubt dadurch vielleicht eine größere Vertiefung, hat aber nicht das Prestige und die finanzielle Ausstattung. Aber ich bin auch nicht Diplomatin und vor allem bin ich in Bordeaux, und nicht in Paris!

Micheline stellt mich allen vor und wir essen in dem sehr schönen Restaurant der französischen Botschaft am Pariser Platz, gleich neben dem Brandenburger Tor. Sie legt mir ihre Überraschung auf den Tisch: die Sonderbeilage der FAZ „60 Jahre Goethe-Institut“. Sie hat darin den Artikel „Mein erstes deutsches Wort war Amboss. Vom Goethe-Institut in Lille zur Französischen Botschaft in Berlin: Meine deutsch-französische Liaison“ geschrieben und sie zeigt mir stolz meinen Namen. Sie erwähnt mich sehr ausführlich und schreibt am Ende, „in Berlin und Bordeaux sind wir uns einig.“ Ich habe Dich vorher nicht gefragt, sagt sie mir, sondern Dein Einverständnis vorausgesetzt. Später zeigt sie mir oben in ihrem Büro die Mail von Jürg Altweg, von der FAZ, der sie um diesen Artikel gebeten hatte. Die Redaktion sei begeistert gewesen. Der Artikel ist persönlich, witzig und geistreich. Ich sehe aber auch, dass Paris nicht erwähnt ist.

Micheline wird auch am Abend der Feierlichkeiten mein Cicerone sein. Durch sie werde ich wichtigen Persönlichkeiten vorgestellt, und vor allem Gottfried Langenstein, dem äußerst sympathischen neuen Direktor von Arte.

Copyright: Bettina Siegwart
Jutta Bechstein-Mainhagu mit dem Pressesprecher Christoph Mücher (Foto: Bettina Siegwart)

Es ist ein bewegender Abend für mich. Ich treffe alte Bekannte und verehrte Persönlichkeiten wie den Suhrkamp-Verlegersohn Joachim Unseld, die Autoren Michael Kleeberg und Moritz Rinke, später beim Anstellen am Buffet, spreche ich mit Fadhel Jaibi, dem tunesischen Festredner und erzähle ihm von einem Residenzprojekt zwischen einem deutschen, französischen und evtl. tunesischen Comiczeichner. Er ist begeistert und versichert mir seine Unterstützung. Ich stelle mich selber Horst Harnischfeger, dem ehemaligen Generalsekretär des Goethe-Instituts vor (schließlich bin ich seit 39 Jahren bei Goethe!). Christoph Mücher, der Pressesprecher, lässt Fotos von uns beiden machen. Er freut sich, dass die Gewinnerin des Wettbewerbs „Meine schönste Goethe-Geschichte“ noch so jung aussieht. Schön ist das Gespräch mit Dr. Beer und seiner Frau. Er ist vor 11 Jahren von seinem letzten Posten, dem Goethe-Institut Paris in den Ruhestand gegangen. Ich erinnere mich, dass er bei Hugo Friedrich, dem großen deutschen Romanistin und Montaignespezialisten in Freiburg promoviert hatte.

Der „Montaigne“ von Zweig war meine Reiselektüre im Flugzeug gewesen. Ich wollte mich auf das Interview im Goethe-Institut vorbereiten und den Ausdruck „Esprit des lieux“ (der Geist, der an einem Ort weht) näher erklären. Dabei wollte ich für mich selber weit ausholen, denn Bordeaux ist die Stadt Montaignes, Montesquieus und Mauriacs. Mich interessierte plötzlich die Beziehung zwischen Hölderlin (der in Bordeaux gelebt hat und der das Thema meiner schönsten Goethe-Geschichte ist) und Montaigne, der für mich den Ort prägt. Hatte Hölderlin etwas von Montaigne gewusst? Sicherlich nicht. Wie könnte man sie kennzeichnen? Hölderlin, der Göttliche (Zitat aus Menschenbeifall: „An das Göttliche glauben die allein, die es selber sind“), der mit einem heiligen Ernst das Absolute suchte. Montaigne, in einer ganz anderen Weise in der antiken Kultur verwurzelt wie Hölderlin, der zutiefst menschliche, der fast „Allzumenschliche“ (ich muss Nietzsche wieder lesen!): Beide stellen in ihrer Art das Universelle dar.

Während des Festakts und der Reden von Präsident Lehmann, Außenminister Westerwelle und dem tunesischen Theatermann und engagierten Revolutionär Fahel Jaibi verstehe ich, warum ich den ersten Preis und diese Reise nach Berlin gewonnen habe (oder warum die Losfee diesen Artikel auf wunderbare Weise gezogen hat). Es ist die Freiheitssehnsucht von Friedrich Hölderlin, und sein magisches Aufleben in Bordeaux an einem der wichtigsten Tage der Weltgeschichte (mehr möchte ich im Augenblick nicht verraten. Man muss die Geschichte ganz naiv lesen).

Es ist ein sehr schöner Abend. Die Musik, gespielt vom Ensemble Modern, ist hervorragend, das erste und das letzte Stück (von Ligeti) begeistern mich besonders.

Etwas Magisches haftet, wie meiner Hölderlingeschichte, auch einer anderen Begegnung an diesem Abend an. Nach langem Zögern setzte ich mich auf einen Stuhl. In Anbetracht des enormen Andrangs (1200 Personen von 2000 waren erschienen) hatte man uns Goethe-Kollegen gebeten, erst einmal stehen zu bleiben. Was ich auch tue, dann setze ich mich, stehe aber bald aus schlechten Gewissen wieder auf und suche mir letztlich doch noch ein freies Plätzchen. Wie immer stelle ich mich vor, und ich spreche meinen Nachbar auf Französisch an. Das ist ja interessant, sagt er. Warum sprechen Sie mit mir Französisch? Es war so eine Intuition von mir. Er ist Simultandolmetscher in Deutsch und Französisch. Und er ist Buchautor, wie sich im weiteren Gespräch ergibt, in Bordeaux verlegt. Schon wieder Bordeaux! Sein Buch heißt „Pourquoi Sartre?“ Er ist also auch Philosoph, von der Ausbildung her, und Präsident der Sartre-Gesellschaft.

Am Abend kommen wir dann, auch mit Micheline, auf die DDR zu sprechen. Ich erzähle, dass ich gerade das in Frankreich sehr erfolgreiche Buch von Maxim Leo „Histoire d’un Allemand de l’Est“ (Haltet Euer Herz bereit. Eine ostdeutsche Familiengeschichte) gelesen habe und erstmals die enorme Affinität zwischen Frankreich und der DDR wirklich verstanden habe: der Widerstand gegen den Nationalsozialismus, die Rolle der Kommunisten und die Konstruktion einer nationalen Identität aus dem Geist des Antifaschismus. Es ist aber noch viel mehr, sagt Micheline ganz begeistert und wirklich in Form. Alles erinnerte und an Frankreich, die abgebröckelten Fassaden, die Stellung der Frau, die Erziehung der Kinder. Vincent von Wroblewsky, denn so heißt mein Tisch- bzw. Gesprächspartner, wird nachdenklicher.

Weißt du, sagt er mir, dass ich vor ein paar Jahren in Frankreich auf viel Protest gestoßen bin, als ich gesagt habe, dass die DDR sich mit den jüdischen, kommunistischen Gründungsvätern etwas vorgemacht hat. Denn, wie Du schon oder auch sagst, haben ja in der DDR proportional dieselben Menschen wie in Westdeutschland gelebt. Ich habe damals das Buch „Etre juif en RDA“ geschrieben. Ja, genau daran erinnere ich mich vage. Ich hatte den ganzen Abend gesucht, wo ich seinen Namen schon gelesen hatte.

Am Ende verabreden wir uns noch für nächstes Jahr in Bordeaux (er also auch, wie alle meine Gesprächspartner in Berlin!). Er hat ein Projekt, bei dem ich ihm mit meinen Kontakten helfen soll. Es gab in Bordeaux einen berühmten Tour-de-France-Fahrer und -Gewinner. Ein deutscher Soldat hat dessen Fahrrad als Maskottchen nach Berlin gebracht, Vincent hat es gekauft und möchte es jetzt wieder den Freunden und dem Verein des Tour-de-France-Gewinners in Bordeaux schenken und dann die ganze Geschichte aufschreiben.

Im Flugzeug lese ich dann ausführlich die Sonderbeilage der FAZ und insbesondere den Artikel des spanischen Kollegen vom Instituto Cervantes in Berlin: „Ein Ort der Freiheit“. Er beschreibt darin unter anderem, wie er als Schüler mit Beklemmung eine Holocaust-Ausstellung im Goethe-Institut entdeckt hatte und wie er erst später mit Respekt zu folgender Einsicht gekommen war: „Sie verwandelten, ständig um intellektuelle Ehrlichkeit bemüht, die Übung von Kritik und Selbstkritik in Kulturpolitik (…). Dadurch konnten sie das Misstrauen anderer Länder beruhigen“.

Während des Fluges geht mir der ganze Abend durch den Kopf, all’ die festlichen Menschen, der herrliche Blick von der Gemäldegalerie auf den nächtlichen Potsdamer Platz, ich fühle mich glücklich und privilegiert und denke immer wieder an alte und vor allem verstorbenen Kollegen, die das alles nicht mit erleben durften.

Erst am zweiten Tag wache ich morgens auf und stelle fest, dass etwas gefehlt hat. Aus gegebenem Anlass war viel von Freiheitsbewegungen die Rede, und von der traditionellen Rolle des Goethe-Instituts als Ort der Begegnung (und evtl. der Opposition), fast der ganze, schöne Goethe-Film „Planet Goethe“, der am Abend vorgeführt wurde, stellte das heraus. Von Europa war aber nie die Rede. Vermutlich ist das in Deutschland eine Selbstverständlichkeit. So will ich es einmal interpretieren.

Von Jutta Bechstein-Mainhagu, Goethe-Institut Bordeaux, 08. Juli 2011