Erlebnisse, Anekdoten, Berichte und Erinnerungen – Geschichte erzählt

Das Große Porträt – er malt und malt und malt
Von Jens Dirksen

Thomas Grochowiak, 97 Jahre alt und der Mitbegründer der Künstlergruppe „junger westen“ – ein Atelierbesuch

Kuppenheim. Ein Maler und sein Jahrhundert: Als Thomas Grochowiak zur Welt kam, im kalten Recklinghausen vom Dezember 1914, hatte der Kaiser seine Truppen in Marsch gesetzt. Mit 25 Jahren trug Grochowiak selbst die Uniform, als Hitlers Wehrmacht die halbe Welt in Scherben schlug. Aber weil er gerade 97 geworden ist, kann Grochowiak auf eine bewegte Malerkarriere in friedlichen, demokratischen Zeiten zurückblicken: Mitbegründer des „jungen westens“ im Revier, der die abstrakte Malerei etablierte, Mit-Leiter der Ruhrfestspiele, Direktor der Städtischen Museen Recklinghausen und der Galerie Schloss Oberhausen, Präsident des Deutschen Künstlerbundes und das älteste Mitglied des Goethe-Instituts bis heute.

Aber Grochowiaks Blick klebt nicht am Rückspiegel. Im Gegenteil. In seinen Augen funkeln Weltfreude und Lust auf Neues. Schon macht der sehnige Mann im munterbunt gestreiften Hemd einen Ausfallschritt und holt aus, mit Dirigentenschwung, weit vornübergebeugt – das schwere, nasse Papier, auf das er malt, liegt auf dem Boden. Auf der Staffelei würde die feuchte Tuschfarbe, die sich nun langsam ihren Weg sucht, herunter triefen. „Sie müssen so, und so und so...“, macht er. Die Blechwände der Zwei-mal-zwei-Meter-Malkoje im Atelier sind hüfthoch, sonst wäre längst alles vollgespritzt. Die Freundesbriefe. Die Manuskripte. Das Allgemeine Künstlerlexikon von der Höhlenmalerei bis heute, das natürlich auch Thomas Grochowiak aufführt. Oder die Rotkohl- und Rollmops-Gläser für Pinsel jeder Stärke, die hier herumstehen

Hier, das ist ein Erbstück seiner Frau, die alte Kofferfabrik von Kuppenheim bei Baden-Baden, wo die Sonne das Gemüt mehr wärmt als anderswo. Hier wurden im 19. Jahrhundert die Übersee-Koffer für Auswanderer gezimmert. Nun ist es ein Grochowiak-Museum, gesammelte Werke von 1932 bis heute, jeden ersten Sonntag im Monat ist freier Eintritt und der Maler mittenmang. „Sehen Sie mal hier“, sagt er, „eine Hommage an Debussy, die habe ich gottseidank nie verkauft!“

Thomas Grochowiak hat ja längst ausgesorgt. Er könnte eine ganze Galerie von Orden tragen, schon Heinrich Lübke hat ihm das Große Bundesverdienstkreuz verliehen. Grochowiak hat eine liebevolle Gefährtin an seiner Seite, er verbringt die dunklen Monate in seinem Gartenatelier im andalusischen Fuengirola.

Antwort: Und warum malt er immer noch? „Ich wäre unglücklich ohne meine Bilder“, sagt er. Und: „Malen hält fit, man ist abends kaputt, als wäre man den ganzen Tag gegangen, man geht ja auch mit, überm Bild, vor und zurück. Ich habe sogar in der Kriegszeit gemalt. Es hat mich empört, wenn Kollegen behaupteten, sie hätten unter den Nazis Malverbot gehabt. Die Malerei hat mir im Krieg sogar das Leben gerettet, ich wurde abgestellt, um den Kommandanten was zu zeichnen, zu malen, manchmal auch ein Wandbild fürs Offizierscasino. Ich musste nie so richtig an die Front, obwohl ich feldtauglich war.“

Wie das angefangen hat mit der Malerei? Sein Zeichenlehrer an der Oberrealschule in Recklinghausen entdeckte ihn. Schüler Grochowiak sollte sich die Bilder im Folkwang angucken, da ist er die 28 Kilometer nach Essen geradelt. Er sieht die „Brücke“-Maler, den „Blauen Reiter“, Expressionismus erster Güte.

Werbeleiter bei Althoff

Seine ersten Bilder sind abstrakt, in den 30er Jahren malt er dann mehr jene enten- und idyllehaltigen Szenen, die ihn später über den Krieg retten sollten. Und wie lernt man Malerei, Herr Grochowiak? „Es ist Handwerk dabei“, sagt er, „aber es lernt sich auch von selbst. Es ist gut, sich gute Lehrmeister zu suchen. Aber in dem Moment, wo Sie sich belehren lassen, nehmen Sie sich auch ein Stück von morgen, Sie rauben sich selbst ein Stück von dem Neuen, das sie in die Welt bringen könnten.“

Er, der Sohn eines Zechen-Betriebsrats, der von den Nazis 1933 sofort gefeuert wird, kann eh nicht zur Akademie. Er geht beim Warenhaus Althoff in die Lehre, das später zu Karstadt „arisiert“ wird. Dekorations- und Plakatmalerei. Er steigt auf, wird Werbeleiter. „Nach dem Krieg wollte ich das aber nicht mehr, immer der Druck, der Kampf um die Verkaufsparolen, das ging oft nächtelang – immer Ideen haben müssen, schrecklich! Immerhin: Durch die Arbeit in der Werbung habe ich überzeugen gelernt.“

So wurde der Maler Grochowiak das, was man heute Kulturmanager nennt. Ist da nicht manchmal der Künstler zu kurz gekommen? „Ja, natürlich“, blickt er auf seine schmalen Hände, „ich hab jahrelang gar nicht gemalt. Wenn man malt, muss man das ganz tun, zwischendurch malen geht nicht, da kommt nichts Gutes zustande.“ Aber das ist der Maßstab, wie bei dem einzigen Bild, das ihn je zu Tränen gerührt hat: „Der Isenheimer Altar in Colmar, das ist äußerster Expressionismus, da kommen alle unsere Expressionisten gar nicht ran!“

Manchmal jedoch spürt auch dieser Maler aus Leidenschaft, dass sich bei ihm doch „allmählich ein bisschen Langsamkeit, ja Müdigkeit einschleicht“. Aber das sind Augenblicke. Dann denkt er wieder nach vorn. „Schade“ sagt er, „die wenigen Jahre, die ich mir noch wünsche, ausdenke, ausmale, reichen nicht, um die technischen Mittel des Computerzeitalters so zu beherrschen, dass ich die Kunst damit noch voranbringen könnte. Ich bräuchte einfach mehr Zeit dazu als mit den Farben.“

Spricht’s und greift wieder zum Pinsel.

Zitat: Malen hält fit, man ist abends kaputt, als wäre man den ganzen Tag gegangen.

Von Jens Dirksen