Voices

Rede des Präsidenten Klaus-Dieter Lehmannde

Sehr geehrte Damen und Herrn, die folgenden Reden werden ins Englische und Französische, bzw. die Festrede ins Englische und Deutsche übersetzt. Auf Ihren Sitzen finden Sie dazu das notwendige technische Equipment, das ich Sie bitten möchte, nach dem Festakt einfach auf Ihren Plätzen liegen zu lassen.

Sehr geehrter Herr Außenminister,
Sehr geehrte Exzellenzen,
Sehr geehrte Frau Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages,
Sehr geehrter Herr Genscher,
Sehr geehrte Frau Staatsministerin Pieper,
Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete des Deutschen Bundestages,
Sehr geehrter Herr Staatssekretär Schmitz,

Liebe Frau Limbach, lieber Herr Hoffmann,
Lieber Festredner Herr Jaibi,
Liebe Freunde, Partner und Mitarbeiter des Goethe-Instituts,
Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich heiße Sie alle sehr herzlich willkommen zur Geburtstagsfeier des Goethe-Instituts. 60 Jahre Goethe-Institut, das ist ein großartiges Jubiläum, eines, das man mit Freunden und Weggefährten fröhlich feiern will und kann, weil es ein Tag der großen Dankbarkeit gegenüber all denjenigen ist, die aus dem Goethe-Institut das gemacht haben, was es heute ist: ein in der ganzen Welt anerkannter Kulturbotschafter, Sprachvermittler, Bildungsträger, Impulsgeber, Ermöglicher, Partner, Förderer; einer, der Glaubwürdigkeit genießt, der Unabhängigkeit besitzt und dem man zutraut, dass er das Bild Deutschlands in seiner kulturellen und intellektuellen Eigenständigkeit und Eigenwilligkeit verbindet mit der Offenheit zum kulturellen Dialog und der Bereitschaft, sich auf andere einzulassen.

Ralf Dahrendorf, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, hat 1970 als entscheidende Leitsätze für die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik formuliert: „Was wir geben, ist nur so viel wert wie unsere Bereitschaft zu nehmen. Offenheit für andere ist daher ein Prinzip unserer Auswärtigen Kulturpolitik“. Das gilt bis heute unverändert.

Überhaupt ist der Status des Goethe-Instituts, das schon zwei Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland seine Arbeit aufnahm und dann später durch einen Rahmenvertrag mit dem Auswärtigen Amt als das Kulturinstitut mit eigener Rechtspersönlichkeit bestätigt wurde, einzigartig. Für die junge Bundesrepublik war das eine ungewöhnliche Entscheidung: die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik in die Hände einer unabhängigen Organisation zu legen und nicht der staatlichen Zuständigkeit unmittelbar zu unterstellen.

Nicht verschweigen sollte man in diesem Zusammenhang, dass es eine wirkliche Stunde Null und einen völligen Neuanfang zunächst nicht gab. Es gab personelle und inhaltliche Kontinuitäten zu einer Vorgängereinrichtung. Schon 1923 war in München eine „Deutsche Akademie“ gegründet worden, die 1932 als Aufgabenstellung die Fortbildung ausländischer Deutschlehrer als Arbeitsinhalt formuliert hatte. Sie trug bereits 1933 unaufgefordert den neuen politischen Verhältnissen Rechnung und säuberte den Senat von politisch missliebigen Persönlichkeiten. Zwar wurde der Grundsatz, die Auslandsarbeit der Deutschen Akademie nicht in die Nähe politischer Propaganda zu rücken, im Großen und Ganzen beibehalten, gleichwohl wurde die Deutsche Akademie politisch vereinnahmt. Man wollte 1945 trotzdem zunächst daran anknüpfen. Aber offensichtlich waren die Kräfte im kulturellen Umfeld der Nachkriegszeit stark genug, sich davon zu emanzipieren und die personellen und finanziellen Kontinuitätslinien nicht durchzuziehen. Nur dadurch konnte es einen glaubhaften Neubeginn geben.

Das war für das neue demokratische Deutschland ein entscheidender Schritt, der in der Welt verstanden wurde. Willy Brandt wertete die Außenkulturpolitik durch sein Bild von der dritten Säule der Außenpolitik weiter auf. Nach zehn Jahren gab es bereits 54 Auslandsinstitute und 17 Inlandsinstitute, nach zwanzig Jahren 111 Auslandsinstitute und 20 Inlandsinstitute. Daraus wurde eine Erfolgsgeschichte. Heute gibt es 150 Institute in 92 Ländern, mit 2870 Mitarbeitern, davon 2110 im Ausland.

Die Erfolgsgeschichte enthielt nicht nur Kapitel über die Leichtigkeit des Seins, sondern auch Kapitel über die Mühen der Ebenen, nicht immer war das Bild der dritten Säule der Außenpolitik bestimmend, sondern auch das des fünften Rades am Wagen.

Während es in den 50er- und 60er-Jahren darum gegangen ist, wieder Sympathie für ein neues Deutschland in der Welt zu wecken, waren in den 70er- und 80er-Jahren die gesellschaftlichen Debatten innerhalb Deutschlands auch Thema für die Auslandsarbeit des Goethe-Instituts. Dann kamen nach dem Mauerfall die Aufgaben der Osterweiterung. Lieber Herr Genscher, das war Ihre Zeit als Außenminister, in der sie uns die Neugründungen in diesem Teil der Welt ermöglichten. Lang dauerten die Verhandlungen mit China. Dann 1988 konnten Sie das Kuckucksei Goethe-Institut in das Pekinger Nest legen. Es hat sich prächtig entwickelt. Heute geht es verstärkt darum, in den zahlreichen Krisenregionen der Welt Begegnungen zu schaffen, zivilgesellschaftliche Entwicklungen zu stärken und Infrastruktur für Kultur und Bildung zu etablieren. Glücklich bin ich deshalb über die Zusage von Fadhel Jaibi, dem Theaterregisseur aus Tunesien, heute zu unserem Jubiläum zu reden. Er hat die Diktatur Ben Alis in seinem Heimatland erlitten, seine Stücke wurden verboten oder zensiert. Sein letztes Stück „Amnesia“ von 2010 beschreibt den Sturz eines Despoten und nimmt die aktuelle Entwicklung quasi vorweg. Er war aktiv bei den Demonstrationen im Zentrum von Tunis dabei.

Die Diskursfähigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die sechzig Jahre Goethe-Institut und auch die Erkenntnis, dass sich Kultur nicht zum Wettbewerb der Systeme eignet, sondern zum gleichwertigen kulturellen Austausch. Schon in den 60er-Jahren war die Erkenntnis unter den Institutsleitern deutlich gewachsen, dass es nicht um „Häppchenkultur“ gehen kann, wenn man Deutschland im Ausland präsentiert, auch nicht um einseitigen Kulturexport, etwa nach dem Zeitungszitat „Bach im Busch“, sondern um das Aufspüren des lokalen Bedarfs, um intellektuelle Auseinandersetzung, um partnerschaftliches Arbeiten. Das moderne Deutschland – auch in seinen Widersprüchen – war Leitlinie einer offenen emanzipatorischen Grundhaltung. Die großen Autoren, Künstler und Philosophen waren für Deutschland auf den Podien des Goethe-Instituts in der Welt, aber auch die jungen Neuentdeckungen. Sie vermittelten die aufregende Zeit eines kulturellen Aufbruchs. Natürlich gab es auch Skandale. Kultur ist nicht unpolitisch und nicht gefällig, sondern durchaus widerständig. So lösten der Auftritt von Golo Mann im Goethe-Institut 1964, bei dem er die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie thematisierte oder die Ausstellung von Klaus Staeck mit provokanten Plakaten zu Franz Josef Strauß in London 1974 oder der Vortrag von Rudolf Augstein in Paris zu tagespolitischen Ereignissen, mittlere politische Erdbeben zu Hause aus. Das Publikum in den europäischen Städten war dagegen hellauf begeistert, dieses lebendige Deutschland zu erleben und an den Entwicklungen aktiv teilzuhaben. Die Zeiten, in denen sich Hildegard Hamm-Brücher als Staatsministerin im Auswärtigen Amt noch 1986 schützend vor die Arbeit des Goethe-Instituts stellen musste, weil die „milde Aufsässigkeit gegen den vorauseilenden Gehorsam“ immer wieder zu innenpolitischen Auseinandersetzungen führte oder Fritz Raddatz in Die Zeit stichelte, die Politik wolle lieber „Heino statt Heine“, sind vorbei. Die Arbeit des Goethe-Instituts ist kein innenpolitisches Thema mehr, höchstens dann, wenn es um die Finanzausstattung geht. Da gab es die sehr schwierige Zeit von Ende der 90er Jahre bis 2004, in der wegen der drastischen Schließungen das Goethe-Netz zu zerreißen drohte, aber auch die anschließende sehr positive Entwicklung während der Großen Koalition. Meine Vorgänger im Amt, Hilmar Hoffmann und Jutta Limbach, kennen die Wirkung dieser Wechselbäder, sie haben sich aber auch kräftig dagegen gestemmt – zum Nutzen der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Heute kann das Goethe-Institut aufgrund seines weltweiten Engagements, aber auch wegen der tief greifenden Strukturreformen eine eindrucksvolle Bilanz vorlegen.

Es gibt inzwischen längst eine fraktionsübergreifende Allianz der Kultur- und Bildungspolitiker sowie der Außenpolitiker im Deutschen Bundestag, die Kanzlerin spricht mit Stolz von der Visitenkarte der deutschen Kultur im Ausland, der Außenminister sieht in der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik keinen Luxus, sondern kluge, weitsichtige Politik und setzt auf das Goethe-Institut und der Bundespräsident sagt einfach: Goethe-Institute leisten Hervorragendes für Deutschland, das kann man nicht genug betonen.

Bei all den Auseinandersetzungen und Diskussionen über die richtige Kulturpolitik, letztlich blieb das Modell Goethe-Institut in seiner Substanz unangetastet. Das Bild eines gefestigten pluralistischen Deutschland, das viel über das eigene Selbstverständnis nachgedacht hat, die Kontaminierung aller Lebensbereiche durch den Nationalsozialismus reflektiert hat, die Wiedervereinigung als kulturelles Ereignis begriffen hat, dieses Deutschland hat das Vertrauen der Welt gewonnen. Künstler, Wissenschaftler, Kulturakteure, Politiker aus Deutschland und unseren Gastländern machten die Goethe-Institute zu Frei- und Dialogräumen, zu prägnanten Lernorten, die überzeugen konnten und noch immer überzeugen, vielleicht so gar mehr als je zuvor. Der Kulturdialog gibt Orientierung, ermöglicht Alternativen statt Fixierung, Prozesse statt Stillstand.

Die Basis für die Auswärtige Kulturpolitik ist ihre Akzeptanz im eigenen Land. Außen und Innen sind keine getrennten Welten mehr. Und Deutschland ist inzwischen auch Einwanderungsland geworden. Deshalb ist das Goethe-Institut gleichermaßen in Deutschland für Prozesse der Integration tätig, übernimmt Verantwortung für den europäischen Kulturraum und erschließt das kreative Potential in Entwicklungs- und Schwellenländern. Die Arbeit in Krisenregionen nimmt dabei einen immer größeren Anteil ein. Die Entwicklungen in der arabischen Welt dokumentieren die Kraft sozial und kulturell motivierter Bewegungen. Dort haben wir über Jahre Filmemacher, Kulturjournalisten, Verleger und Kulturakteure ausgebildet und Festivals und Workshops veranstaltet. Das ist nichts Missionarisches, sondern das Ermöglichen von kulturellen Ausdrucksformen, die vorhanden sind, aber keine Chancen zur Verwirklichung haben. Das gilt auch für Afrika südlich der Sahara, für Südostasien oder China. Es ist Basisarbeit, die besonders jungen Menschen zugute kommt. Diese Arbeit, die in erster Linie Bildungsarbeit ist und zivilgesellschaftliche Strukturen ermöglicht, bedarf einer stärkeren finanziellen Unterstützung. Gerade die nicht-formelle, praxis- und berufsbezogene Bildung setzt Potentiale frei und ermöglicht die Stärkung von Verantwortung und kultureller Teilhabe. Unsere Arbeit lebt von der Hoffnung, dass sich eine Tür zur Dialogbereitschaft öffnet. Sie lebt aber auch von der Kraft und dem Optimismus einer Lerngemeinschaft, die weiß, was sie will und kann, und versteht, was das Gegenüber will und kann.

Es ist eine große Freude für uns, dass unserer Einladung so viele aus dem Inland und dem Ausland folgen konnten. Es ist eine große Freude, dass wir mit ihnen zu einer gemeinsamen Sprache gefunden haben, nicht nur im Sinn des sprachlichen Verstehens, sondern im Sinn gleicher Positionen, auch mit der Bereitschaft, Unterschiede anzuerkennen.

Sie alle haben uns bereichert, persönlich und in unserer Arbeit. Zuhören, zulassen, nachdenken – Gemeinsames zustande bringen, der Kunst freie Entfaltungs- und Gestaltungsmöglichkeiten sichern, Dinge benennen, enttabuisieren, Prozesse anstoßen, sich mit Kopf, Bauch und Sinnen auf Begegnungen einlassen. Und so sprechen auch viele Zitate von der Liebe zur deutschen Sprache oder vom Lob für das Goethe-Institut. Dabei möchte ich mit einem besonders liebenswerten Fundstück beginnen. Mohan Agashe, der das Konzept des Berliner GRIPS-Theaters in Indien etablierte, erzählte mir, wie erstaunt er bei seinem ersten Deutschlandbesuch war, als er hörte, dass der Beutel, in dem die Deutschen ihre Seife, Zahnpasta und andere Hygieneartikel aufbewahren, Kulturbeutel hieß. Was für eine Kulturnation, die auch dort noch die Kultur ausstrahlen lässt. Eine Sprachschülerin aus Montreal sagt, in der deutschen Sprache kann man baden oder Momoka Tanaka aus Tokio meint zum Goethe-Institut, Deutschland liegt gleich um die Ecke oder Volker Schlöndorff, für Goethe lass ich mich vierteilen, oder Lars Gustafsson, Goethe – mein vertrauter Freund – hat mich mit seiner Dichtung und Sprache wieder glücklich gemacht, oder Günter Grass, die Leistungen des Goethe-Instituts gehören mit zu den schönsten Errungenschaften der Bundesrepublik, oder Nadine Gordimer, das Goethe-Institut ist zu einem relevanten Faktor des afrikanischen Kulturlebens geworden, oder Uwe Timm, Goethe-Leiter, je eigenwilliger und leidenschaftlicher sie sind, umso bereichernder sind sie, oder der rumänische Philosoph Andrei Plesu, Deutsch hat mein Leben verändert, ich habe nicht mehr verstanden, wie ich ohne diese Aquisition habe überhaupt leben können, oder der thailändische Germanist Chetana Nagavajara, den von der Ehrfurcht vor der deutschen Sprache spricht und von der Weisheit der deutschen Grammatik, oder der ägyptische Video-Künstler Mohamed Shoukry, danke mein Freund, unsere kulturelle Freundschaft ist einer der wichtigsten Einflüsse für unsere Revolution. Das sind einige Beispiele.

Ich sage das nicht aus „einem Kreisen um uns selbst“ oder einer Selbstbezüglichkeit des Goethe-Instituts. Das Goethe-Institut erkennt aus den Zitaten eher eine Erwartung, was es im nächsten Jahrzehnt leisten muss und sieht eine Verpflichtung, sich mit all seiner fachlichen und menschlichen Kompetenz einzubringen.

Dank an Sie alle, die Autoren, die Übersetzer, die Künstler, die Kulturakteure aller Sparten, die Wissenschaftler, die Redakteure, die kulturellen Einrichtungen im In- und Ausland, Dank für die Unterstützung durch das Parlament und die Regierung, Dank den vielen Partnern und Kulturmittlern, Dank den Mitgliedern des Präsidiums und der Mitgliederversammlung des Goethe-Instituts sowie den Mitgliedern unserer hochkarätigen Beiräte. Mit all diesen Persönlichkeiten verfügt das Goethe-Institut über einen ungemein fruchtbaren intellektuellen und kulturellen Humus. Dank den eigenen Kolleginnen und Kollegen im Programm- und Sprachbereich, im Bibliotheks- und Informationsbereich, im Verwaltungsbereich – in der Zentrale und in allen Instituten des Inlandes und unserer Gastländer. Hier seien insbesondere die unersetzlichen und hoch motivierten Ortskräfte genannt. Was in den letzten Jahren trotz tief greifendem Organisationsumbau und großer weltweiter Sonderprogramme auf den Weg gebracht worden ist, einschließlich der Neugründungen, ist bewundernswert.

Wir wünschen uns weiterhin diese Zuwendung, Unterstützung und Sympathie für eine wirkungsvolle Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik.

Sehr geehrter Herr Außenminister, es ist uns eine Ehre und Freude zugleich, dass Sie den heutigen Anlass durch Ihre Rede nobilitieren. Wir sind gespannt auf Ihre Ausführungen und die damit verbundenen Perspektiven.

Lieber Herr Minister, Sie haben das Wort.

Ihnen allen danke ich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen einen anregenden Abend, einen Abend unter Freunden.
05.07.2011
Es gilt das gesprochene Wort