Auf der Höhe der Forschung: Das nestor-Handbuch zur digitalen Langzeitarchivierung

Auf welchem Stand sich die internationale Fachwelt bei der Suche nach Strategien zur langfristigen Aufbewahrung von digitalen Daten befindet, kann man nun in einem deutschsprachigen Handbuch nachlesen, das laufend aktualisiert wird.
Mammutprojekte zur Digitalisierung von Büchern, Dokumenten, Noten, Bildern etc. sorgen dafür, dass das kulturelle Erbe in zunehmendem Maße online verfügbar wird. Damit sinken die Barrieren für den Zugang zu Informationen, doch gleichzeitig steigt der Druck, eine Lösung für die Langzeitarchivierung digitaler Daten zu finden.
Seit Jahrzehnten beschäftigen die vielen noch ungeklärten Fragen in diesem Bereich Bibliothekare, Archivare und Kuratoren in aller Welt. Über den aktuellen Stand der internationalen Fachdiskussion kann man sich nun auch in einer deutschsprachigen Publikation informieren. Sie wird von einem Team aus Mitarbeitern von nestor, dem Kompetenznetzwerk Langzeitarchivierung und Langzeitverfügbarkeit digitaler Ressourcen für Deutschland, von Praktikern aus dem Bereich sowie von Hochschulpartnern herausgegeben.
Erstmals ins deutscher Sprache
Im Frühjahr 2007 erschien die erste Version der "Kleinen Enzyklopädie der digitalen Langzeitarchivierung". "Das Handbuch soll im deutschsprachigen Raum einen Überblick über das breite Thema der Langzeitarchivierung geben. Es ist für Professoren und Ausbilder sowie für Studierende gedacht, aber auch für Praktiker, die mit dem Thema zum ersten Mal in Berührung kommen", erläutert die Mitherausgeberin Dr. Heike Neuroth. Doch nicht nur Einsteiger profitieren von dem gesammelten Wissen: "Jeder, der sich mit einigen Themen genauer beschäftigen möchte, findet hier Anregungen und weiterführende Literatur."
Im angloamerikanischen Raum gibt es für ein solches Handbuch einige Vorbilder. Doch die Vertreter von nestor wurden in der Vergangenheit so häufig nach einer einschlägigen Einstiegslektüre in deutscher Sprache gefragt, bis der vielfach formulierte Wunsch vom Kompetenznetzwerk in ein Projekt umgesetzt wurde. "Uns geht es auch darum, die internationale Diskussion in die deutschsprachige Community hineinzutragen."
Gebündeltes Fachwissen
Knapp 20 Fachleute haben sich bislang für das Handbuch engagiert und meist in Teamarbeit Aufsätze zu den technischen und rechtlichen Aspekten der Langzeitarchivierung geschrieben. "Wir haben so viele Experten im deutschsprachigen Raum, dass es Sinn machte, die Verantwortlichkeiten über bestimmte Themen aufzuteilen", sagt Neuroth.Es geht unter anderem um Probleme bei der Datenmigration, um Möglichkeiten der Systememulation, um Bemühungen zur Standardisierung, um die Entwicklung von Zertifizierungsverfahren, um Grenzen der Substanzerhaltung und um Fragen zur Erhaltung der Benutzbarkeit. Zudem werden Aus- und Weiterbildungsangebote sowie nationale und internationale Kooperationen bei der Langzeitarchivierung digitaler Objekte vorgestellt.
Langzeitarchivierung als internationales Projekt
"Ohne internationale Kooperationen würde dieses Handbuch nicht existieren", betont Heike Neuroth, die in der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB) die Abteilung "Forschung und Entwicklung" leitet."Zwar brauchen wir uns in Deutschland mit unseren Entwicklungen nicht zu verstecken, doch die Langzeitarchivierung ist ein internationales Thema. Ein Land allein kann technisch, finanziell, politisch und von den Standards her nichts ausrichten – das funktioniert nur im Wechselspiel. Darum kann unser Handbuch nur so gut sein, wie es auch internationale Entwicklungen beobachtet und reflektiert."
Ein Dokument, das lebt
Dafür bietet das nestor-Handbuch genug Raum, denn es ist als lebendes Dokument konzipiert, das permanent aktualisiert und ergänzt werden kann. Es steht als PDF-Datei im Internet und ist – auf Wunsch auch kapitelweise – kostenlos einseh- und herunterladbar. "Es war uns wichtig, dieses Handbuch unter Open-access-Bedingungen zur Verfügung zu stellen", erklärt Heike Neuroth.In der ersten Version sind noch nicht alle avisierten Themen bearbeitet, so dass die Ergänzung des Handbuchs eine der großen Herausforderungen für das Herausgeberteam darstellt. Besonders schwierig wird das für die Bereiche Geschäftsmodelle und Kosten sein. "Dazu gibt es leider auch im internationalen Umfeld noch keine verlässlichen Informationen." Offen sind auch noch Themen aus dem Museumsbereich, für die noch Fachleute als Autoren gesucht werden.
Heike Neuroth wünscht sich jedenfalls, dass sich die "Kleine Enzyklopädie der digitalen Langzeitarchivierung" als ein Medium für die Lehre an Hochschulen etabliert: "Damit wir sie in Zukunft mit Hilfe der Studierenden in Deutschland, Österreich und der Schweiz weiter optimieren können." Und so wird man im nestor-Handbuch hoffentlich in nicht allzu ferner Zukunft die Lösung für die bislang noch ungeklärten Fragen der Langzeitarchivierung digitaler Daten finden können.
arbeitet als freie Publizistin in Bonn.
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März 2008











