Digitale Bibliotheken

„Digitalisierung taugt nicht für die Ewigkeit“

Dr. Martin Luchterhand; Copyright: Landesarchiv BerlinDr. Martin Luchterhand; Copyright: Landesarchiv BerlinDie Euphorie über die Chancen der Digitalisierung ist groß. Dr. Martin Luchterhandt, Oberarchivrat im Landesarchiv Berlin, warnt jedoch davor, die Digitalisierung als Allheilmittel anzusehen.

Herr Luchterhandt, der Segen der Digitalisierung wird vielerorts und vor allen von den Bibliotheken gepriesen. Sie stehen ihr hingegen einigermaßen skeptisch gegenüber. Wieso?

Für mich ist das ein geteilter Segen. Ich bin nicht allgemein skeptisch, was die Digitalisierung angeht. Meine Skepsis bezieht sich darauf, wie Digitalisierung heute genutzt wird, darauf, was wir mit ihr erreichen wollen.

Was macht Sie da skeptisch?

Die Digitalisierung hat enorme Vorteile für die tagtägliche Nutzung von Archivmaterial oder Bibliotheksbeständen, aber für die langfristige Speicherung taugt sie nicht. Es ist ja auch allen bewusst, dass digitale Medien sich schnell verändern und sehr unstabil sind. Ihre Körperlosigkeit eröffnet ganz phantastische Möglichkeiten bei der Nutzung, doch die elektronischen Medien sind eben nicht von Dauer, oder anders: wenn man sie erhalten will, kostet das enorm viel Aufwand. Digitalisate sind insofern ein sehr luxuriöses Medium.

Können Sie den Aufwand beschreiben?

Für digitale Medien gilt: Alles, was nicht regelmäßig betreut wird, wird irgendwann nicht mehr zur Verfügung stehen. Alle Gelder, die wir jetzt in die Digitalisierung hineinstecken, sind verloren, wenn wir nicht ständig Aufwand nachschießen, um die erreichte Leistung zu erhalten.

Wenn Sie heute beispielsweise ein Dokument einscannen, dann benutzen Sie dabei Standards, die in 20 Jahren veraltet sind. Um das Dokument aber in 20 Jahren noch anschauen zu können, müssen Sie die entsprechende Hard- und Software vorhalten.

Es sind ständig Anpassungen nötig. Und wenn Sie nur einmal nachlassen, dann tritt ein Schaden ein. Das sieht man jetzt beispielsweise bei den technischen Problemen, mit denen die Birthler-Behörde zu kämpfen hat, wenn sie alte, elektronische Aufzeichnungen der Stasi nutzen will.

Werden die laufenden, dauerhaften Kosten der Digitaltechnik allgemein unterschätzt?

Digitalisierung im Landesarchiv Berlin; Copyright: Landesarchiv BerlinZum einen kennt man diese Kosten noch gar nicht genau und zum anderen geht man aber stillschweigend davon aus, dass dieses Geld dann schon da sein wird. Der schwedische Archivar Jonas Palm hat versucht, die Kosten hochzurechnen. In seinem Artikel „The Digital Back Hole“ untersucht er dabei die bekannten Faktoren: Wie entwickeln sich Preise von Techniken? Was kostet das Erhalten von einem Terabyte Daten? Wie viel Betreuung ist nötig? Das Fazit: Die Kosten steigen. Für dieses Problem hat noch niemand eine Lösung, aber die Technik wird in der Zwischenzeit fröhlich weitergenutzt und ein großer Teil unserer Wirtschaft beruht darauf.

Was ist Ihrer Meinung nach zu tun?

Es muss mehr an die Dauer gedacht werden. Ich muss mir bei jeder Anwendung überlegen: Will ich das auch später noch haben. Und wenn ja: Welche Lösung gibt es, die auf Dauer stabil ist? Welche Sicherung habe ich parallel noch, wenn ich das digitale Medium vielleicht einmal verlassen möchte oder muss?

Was schlagen Sie also konkret vor?

Für Archivalien oder Kulturgut empfiehlt es sich, zweigleisig zu fahren. Wir brauchen beide Medien: Man sollte den Film als Speichermedium und die Digitalisierung für die tägliche Nutzung des Materials verwenden.

Auf jeden Fall sollte man die beiden Zwecke – bequeme Nutzung und Langzeitarchivierung – trennen. Kein Verfahren kann beides optimal leisten: Der Film wird bei der Nutzung als zu spröde empfunden und die Digitalisierung taugt nicht für die Ewigkeit.

Was sind die Vorteile vom Mikrofilm?

Digitalisierung im Landesarchiv Berlin; Copyright: Landesarchiv BerlinWas Sie an Geräten brauchen, um Mikrofilme lesen zu können, ist denkbar einfach. Im Grunde reichen sogar eine Lupe und eine Lichtquelle. Diese bescheidene Technik ist schnell herstellbar, wenn das nötig ist. Hingegen kann man sich zahlreiche Situationen vorstellen, in denen Sie mit Digitalisaten nicht weiterkommen. Was machen Sie in einem schlecht ausgestatteten Land mit einer Festplatte voller schöner, farbiger Digitalisate?

Also: zurück zum Mikrofilm?

Ja, wenn es ums Speichern geht. Der Mikrofilm war jahrzehntelang die einzige Technik, um etwas zu reproduzieren. Eine althergebrachte Technik ist aber nicht allein deshalb schlecht, weil sie schon so lange verwendet wird. Es ist falsch, sie so einfach zu ersetzen.

Sinnvoller, als die Filmtechnik über Bord zu werfen, ist es, sie der Digitalisierung an die Seite zu stellen. Ich plädiere dafür, das Medium Mikrofilm bei den Planungen mitzuberücksichtigen – und eben nicht ausschließlich auf Digitalisierung zu setzen.

Geschieht das in anderen Ländern bereits mehr als bei uns?

Nein, eigentlich nicht. Diesen Gegensatz zwischen digitalen und analogen Medien haben wir weltweit. In den USA beispielsweise ist die Euphorie für die Digitalisierung noch größer. Aber in verschiedenen Ländern gibt es auch eine starke Lobby für die Mikroverfilmung – in der Schweiz beispielsweise. Die Schweizer haben wie wir in Deutschland ein Sicherungsverfilmungskonzept mit einem zentralen Aufbewahrungsort für geschützte Mikrofilme. In diesem Bereich kooperieren wir mit den Schweizern.

Ist die zunehmende Digitalisierung für Sie ein Grund für Horrorvisionen?

Ach, wissen Sie, ich begegne diesem Problem mit einem gesunden Berufzynismus: Wir Archivare leben ja ständig damit, dass Kulturgut verloren geht. Wir können ohnehin – aufgrund der Masse – immer nur Reste bewahren. Das gilt auch für die digitalen Medien. Es ist für mich eine Gewissheit, dass vieles, was wir jetzt digital haben, in 15 bis 20 Jahren in dieser Form nicht mehr da sein wird. Einfach, weil das Bewahren zu aufwändig ist, weil sich Interessen und die politischen Rahmenbedingungen geändert haben, weil es nicht mehr unterhalten werden kann. Und dann sind diese schönen, bunten Wolkenschlösser eben nicht mehr vorhanden. Das ist ein normaler Prozess. Das kann man ganz undramatisch sehen. Aber man darf sich eben auch nichts vormachen. Zu denken, dass das, was man digitalisiert, damit für alle Ewigkeiten zur Verfügung steht, ist Augenwischerei.

Dagmar Giersberg stellte die Fragen.
Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion

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August 2008

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