„Moderne Wissensgesellschaften tendieren nicht zur Nostalgie“

Chancen und Grenzen der Bibliotheken im Internet – im Gespräch erläutert Professor Dr. Ulrich Johannes Schneider, der Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig, welche Rolle Bibliotheken im elektronischen Zeitalter zukommt.
Herr Professor Schneider, was ist für Sie die grundlegendste Veränderung, die das Internet für die Bibliotheken gebracht hat?
Im Internet rücken Bibliotheken weltweit zusammen, ihre Kataloge können miteinander verglichen werden, wenn sie nicht bereits in Verbundkataloge integriert sind. Dieser Prozess geht weiter. Die gesamte Buchproduktion der letzten 500 Jahre wird sichtbarer als je zuvor – ein Riesenangebot für Neugierige.
Der große Nutzen von Online-Katalogen ist wohl unbestritten. Sie haben kritisiert, dass es in Deutschland keinen einheitlichen Katalog der nationalen Bibliotheksbestände gibt. Gibt es Aussicht auf Besserung?
Ich bin zuversichtlich, dass es bald einen praktikablen „Weltkatalog“ gibt, bezweifele aber, dass die bisher geleistete formale und sachliche Erschließung in ihrer ganzen nationalen und kulturellen Diversität mitrepräsentiert werden wird. Weil Katalogisate mit unterschiedlichen bibliografischen Standards nur vereinigt werden können, wenn man sie auf das Wesentliche reduziert, verlieren wir Qualität, sobald wir Masse gewinnen. Ein vermutlich unvermeidlicher Verlust.
Sie haben im Kontext der Massendigitalisierung von Texten von einer „Verdoppelung der Welt der Texte“ gesprochen. „Verdopplung“ klingt nicht eben positiv. Ist sie Ihrer Meinung nach nicht sinnvoll?
Digitalisierung ist sinnvoll, weil damit Texte erreichbarer werden, darunter sogar die seltenen und raren Stücke, wie beispielsweise die Leipziger Handschriften der ältesten Bibel der Welt.
Gegenwärtig operieren die Digitalisierungsstrategien der öffentlichen und privaten Unternehmungen aber noch ohne große Rücksicht auf Nachfrage, es wird von Bibliotheken zu wenig mit Wissenschaftlern und Verlagen zusammengearbeitet. Wir stehen vor der aktuellen Aufgabe, das Weltschrifterbe in seiner neuen digitalen Erreichbarkeit effektiv zu vermitteln. Die digitale Sekundärform darf kein Selbstzeck sein.
Von Ihnen stammt auch das Bild der Leser, die in einem Ozean digital fotografierter Bücher ertrinken. Die Klage, dass die Buchwelt unüberschaubar groß ist, ist wohl so alt wie der Buchdruck. Warum ist die Masse heute so problematisch?
Es war immer schon eine Frage der Bildung, mit vorliegenden Informationen umzugehen. Das Internet stellt eine neue Herausforderung dar: Wo sind die guten Portale, wer bietet verlässliche Auskunft, wie oft werden Seiten aktualisiert? Das sind Fragen, die Nutzer wie ich selber stellen, denn wir wollen im Internet – vor allem im unzensierten und lizenzfreien Internet – den Austausch von Meinungen und Informationen qualitätsvoll halten.
Es gibt eine Reihe von vorbildlichen Unternehmungen im Bereich der Geisteswissenschaften wie www.clio-online.de oder www.iaslonline.de. Es braucht noch mehr seriöse Leute, um wenigstens Teile des Internets zum Bildungsinstrument umzugestalten.
Was hat sich mit der zunehmenden Digitalisierung für die Bibliotheksarbeit geändert und wie wird sie sich weiter verändern?
Bibliotheken werden immer mehr zu Lieferanten von elektronischen Ressourcen, deren Anteil an den zur Verfügung gehaltenen Medien stetig steigt. Bibliotheken werden zu Kompetenzzentren für Online-Recherche. Und Bibliotheken werden immer weniger katalogisieren, denn das wird bald zentral erledigt. Das sind gewaltige Änderungen, die auch im Bereich des Personals durchschlagen werden.

Wo stoßen die Bibliotheken im Internet an ihre Grenzen?
Viele elektronische Ressourcen sind zu teuer, um überall angeboten werden zu können. Das ist eine objektive Grenze der momentanen Marktlage. Eine andere Grenze liegt in der traditionellen Berufsauffassung der Bibliothekare, die sich schwertun, die Internet-Angebote zu evaluieren und zu vermitteln. Die Entwicklung des Internet ist für viele zu schnell.
Verändern elektronische Bücher die Lesekultur?
Allerdings, denn das Aufnehmen von Informationen über den Bildschirm funktioniert anders als über Papier. Um das komplexe Thema schlaglichtartig zu beleuchten: Studierende heute haben oft keine Ahnung, wie groß das Wissensangebot der gedruckten Medien ist, weil sie im Internet immer irgendeine Auskunft finden.
Wenn Lesen bedeutet, kritisch zu rezipieren, muss man jedes aktuelle Wissensangebot relativieren können, und diese Kultur, die eine Kultur der langsamen und gründlichen Orientierung ist, droht verloren zu gehen, wenn Trefferlisten die Textlektüre ersetzen.
In einem Interview haben Sie gesagt, das Buch sei immer schon ein Notbehelf gewesen. Inwiefern?
Das Internet hat eindeutige Vorteile im Bereich der enzyklopädischen Literatur: Alles, was man bislang nachschlagen musste, von der Einwohnerzahl Haitis bis zum Kuchenrezept, kann man im Internet erheblich leichter finden. Und die Aktualisierungsrate beispielsweise eines Wikipedia-Artikels ist unglaublich viel schneller als im gedruckten Bereich.
Der riesige Bereich des Nachschlagewissens wird im Internet wesentlich besser bedient, auch durch Einbindung von audiovisuellen Medien etc. – Bücher werden in diesem Segment keinen Markt mehr konstituieren können.
Wie sieht die Bibliothek der Zukunft – vielleicht in 50 Jahren – aus? Werden gedruckte Bücher dann noch genutzt oder sind sie dann Museumsstücke?
Ich denke, dass schon viel früher das Buch zum Nischenprodukt mutiert. Keinesfalls wird es verschwinden, weil es immer Menschen geben wird, die Bücher lieben – aus praktischen oder ästhetischen Gründen. Ich selber gehöre dazu.
Aber die Vorteile der elektronisch gestützten Kommunikation, Informationsdistribution und -präsentation, die heute schon offensichtlich sind, weisen sehr bestimmt in die Zukunft. Und wenn wir als Museen solche Orte bezeichnen, in denen wir uns über vergangene Taten und Verluste, die Kämpfe und Leidenschaften der Menschen früherer Jahrhunderte unterrichten, dann werden die gedruckten Bücher tatsächlich zu musealen Elementen in Bibliotheken, die dann vermutlich Lern- und Informationszentren heißen. Moderne Wissensgesellschaften tendieren nicht zur Nostalgie, was ineffiziente Techniken angeht.
Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.
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Oktober 2008











