Digitale Bibliotheken

„Nicht Wolkenkuckucksheim“ – die Deutsche Digitale Bibliothek

Ute Schwens; © privatUte Schwens; © privatDas kulturelle Erbe aus deutschen Archiven, Bibliotheken und Museen soll über das Internet für jeden überall und jederzeit erreichbar sein. Das ist die Vision hinter der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB), die das Bundeskabinett am 2. Dezember 2009 beschlossen hat. Ute Schwens von der Deutschen Nationalbibliothek erläutert den Stand der Dinge in einem ehrgeizigen Projekt.

Frau Schwens, Sie leiten die Fachgruppe zum Projekt mit dem Arbeitstitel „Deutsche Digitale Bibliothek“. Wann wurde diese Initiative ins Leben gerufen?

Erste Überlegungen zur Schaffung einer Deutschen Digitalen Bibliothek gehen auf das EU-Programm Informationsgesellschaft 2010 – kurz: i2010 – aus dem Jahr 2005 zurück. Darin wurde beschlossen, auf europäischer Ebene alle Anstrengungen zu unternehmen, um den Zugang zu den europäischen Beständen aus Archiven, Bibliotheken und Museen in digitaler Form anzubieten.

Im Dezember 2005 haben die Kulturvertreter der EU-Mitgliedstaaten vereinbart, dafür zu sorgen, dass die nationalen Bestände in die geplante European Digital Library kommen. Das war sozusagen die Geburtsstunde der Deutschen Digitalen Bibliothek.

europeana.eu als Vorbote

ddb_pos3: Logo der europeana.eu; © europeana.euDiese European Digital Library ist die heutige europeana.eu ...

Genau. Für Deutschland haben der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie die Kultusministerkonferenz die Vorbereitungen übernommen. Auf politischer Ebene ist die Arbeitsgruppe „Digitalisierung von Kulturgut“ mit Vertretern aus Bund und Ländern mit dem Thema befasst. Mittlerweile gibt es ein Eckpunktepapier, in dem Grundsätze zur Schaffung einer Deutschen Digitalen Bibliothek verabredet wurden. Außerdem liegen zwei Studien vor: Die eine beleuchtet den Ist-Stand im Bereich Digitalisierung, die andere nimmt eine grobe Kostenschätzung vor.

Neben der Arbeitsgruppe auf politischer Ebene gibt es noch eine Fachgruppe, die Sie leiten ...

Ja. Die oben genannte Bund-Länder-AG hat eine Gruppe von Experten zusammengerufen. Die Fachgruppe setzt sich aus Vertretern von 13 Einrichtungen aus den Bereichen Bibliothek, Archiv, Museum, Denkmalschutz und Film zusammen. Und wie immer, wenn Bund- und Länder-Interessen sowie die Interessen verschiedener „Communities“ zusammenkommen, gibt es sehr intensive Diskussionen.

Das grobe technische Konzept steht

Website der europeana.eu; © europeana.euWas haben Sie bislang erreicht?

Wir haben seit Sommer 2007 an einem organisatorischen und technischen Konzept für eine Deutsche Digitale Bibliothek gearbeitet. Mittlerweile hat es für das von uns erarbeitete Konzept eine technische Machbarkeitsstudie gegeben. Zudem haben wir uns bereits sehr konkret Gedanken dazu gemacht, wie eine Benutzeroberfläche für das Portal aussehen könnte. Außerdem wurde eine Studie durchgeführt, die zeigt, was potenzielle Nutzer von der DDB erwarten.

Also: Das Bild dessen, was geschaffen werden soll, ist nun da. Und wir wissen, dass sich dieses Bild technisch realisieren lässt. Wir reden also nicht von Wolkenkuckucksheim.

Was soll die Deutsche Digitale Bibliothek denn leisten?

Das Portal soll präsentieren, was Deutschland an digitalen Inhalten zu bieten hat. Es soll ein Aushängeschild werden – technisch modern und leicht zu benutzen. Gleichzeitig wird es die Schnittstelle zur europeana.eu.

Verantwortung für die dauerhafte Finanzierung

Das Bundeskabinett hat mit seinem Beschluss vom 2. Dezember die Finanzierung der Deutschen Digitalen Bibliothek gesichert. Was umfasst die dauerhafte Finanzierung?

Irgendjemand muss organisieren, dass digitale Inhalte in das Portal hineinkommen. Standardisierungsarbeit, die Entwicklung technischer Werkzeuge und Ähnliches mehr müssen erledigt werden. Dafür müssen Aufträge an Firmen und andere kompetente Einrichtungen vergeben werden. Es muss Öffentlichkeitsarbeit geben. Und der zukünftige Portalbetreiber braucht einen festen Ansprechpartner. Für all das brauchen wir eine kleine Geschäftsstelle.

Entwicklung eines Prototyps

Und was passiert bis 2011?

Mit Mitteln aus dem Konjunkturprogramm des Bundes werden wir einen Prototypen entwickeln lassen. Mit dem Fraunhofer Institut für Angewandte Informationssysteme (IAIS) wird über die Projektkoordination verhandelt, um die erwarteten Funktionalitäten eines solchen Zugangsportals voranzubringen. Über den möglichen Portalbetreiber wird ebenfalls gesprochen.

Wie muss man sich den Prototypen vorstellen?

Unser Plan ist, dass bereits der Prototyp sehr viele Inhalte enthält. Bei der ersten Entwicklungsphase sollen alle großen Einrichtungen mit viel Inhalten mitmachen. Nur so können wir wirklich testen, ob alles funktioniert, wie eine Recherche läuft, wie die Feingliederung der Rechercheergebnisse aussehen kann und so weiter.

Und wenn die erste Entwicklungsphase abgeschlossen ist?

Dann möchten wir einen möglichst großen Kreis von weiteren Institutionen ansprechen. Bis dahin werden wir einen Geschäftsgang festgelegt haben. Und wir werden diesen Institutionen Tools bereitstellen, damit sie ihre Daten mit relativ geringem Aufwand in die DDB integrieren können.

Für den Kulturstaatsminister Bernd Neumann ist die DDB ein „Jahrhundertprojekt in der digitalen Welt“ – und für Sie?

Für mich ebenfalls. Erstens versuchen wir das Unterfangen zu realisieren und dennoch Urheber- und andere Rechte zu wahren. Zweitens werden erstmals die digitalen ‚Schätze’ nicht nur einer Sparte, sondern von Bibliotheken, Archiven, Museen, aus dem Filmbereich und dem Denkmalschutz zusammengeführt und miteinander über das Rechercheportal in Beziehungen gesetzt. Das ist ein ehrgeiziges Projekt.

Dagmar Giersberg
führte das Gespräch. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

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Dezember 2009

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