Kein heimlicher Schatz – die Heidelberger Bibliotheca Palatina ist online

Mit der Heidelberger Bibliotheca Palatina ist nun eine der wertvollsten Sammlungen deutschsprachiger Handschriften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit vollständig digitalisiert und komfortabel im Internet zugänglich.
Wer vor wenigen Jahren einen Blick in eine der deutschsprachigen Palatina-Handschriften werfen wollte, musste dafür gute Gründe – etwa ein dringendes Forschungsanliegen – haben. Nur wenigen Forschern war es vergönnt, eine der kostbaren Handschriften aus den klimatisierten Tresoren der Universitätsbibliothek Heidelberg in genaueren Augenschein zu nehmen.
„Früher hat vielleicht zweimal im Monat ein ausgewiesener Wissenschaftler Zugang zu einer unserer Handschriften bekommen“, erklärt Maria Effinge. Heute wird nach Auskunft der Leiterin der Abteilung „Handschriften und Alte Drucke“ in der Unibibliothek Heidelberg online pro Monat über 8.000 Mal auf die Bestände zugegriffen. „Jeder Forscher, aber auch jeder interessierte Laie kann sich jetzt alle wunderbaren Details der Handschriften jederzeit auf jedem internetfähigen Computer anschauen.“
Empfindliche Kostbarkeiten im Tresor
Der Ausgangpunkt zur Digitalisierung der Bibliotheca Palatina war 1999 ein Projektantrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). „Damals war es noch schwierig, sich mit der Idee, Handschriften zu digitalisieren, durchzusetzen“, erinnert sich Maria Effinger. Kritiker hatten zum einen die Sorge, dass die fragilen Codices unter den physischen Strapazen der Digitalisierung sowie unter dem Lichteinfluss leiden könnten. Zum anderen war das Misstrauen gegenüber der neuen Präsentationsform groß.
„Es hat eine Menge Überzeugungsarbeit gebraucht, um einen Paradigmenwechsel zu schaffen“, sagt Effinger. „Heute wird eine mittelalterliche Handschrift zum Glück nicht mehr als ein Besitz im Tresor gesehen, der für den normalen Bibliotheksbenutzer unsichtbar ist.“
Schonende Digitalisierung
Seit Mitte 2009 sind die 848 Codices Palatini germanici über das Internet zugänglich. Die berühmte Büchersammlung bietet reichhaltiges Quellenmaterial für eine Vielzahl von Disziplinen. Dazu gehören der Heidelberger Sachsenspiegel und der Codex Manesse, aber auch biblische Texte, medizinische Traktate und vieles mehr.
Im Rahmen eines von der Manfred-Lautenschläger-Stiftung finanzierten Projekts wurden in nur drei Jahren insgesamt etwa 270.000 Seiten mit rund 7.000 Miniaturen digitalisiert und für die Online-Nutzung aufbereitet. Im Digitalisierungszentrum der Universitätsbibliothek Heidelberg haben zwei hochauflösende Digitalkameras Seite für Seite gescannt. Gearbeitet wurde an Kameratischen nach dem „Grazer Modell“. An ihnen können Handschriften sehr schonend digitalisiert werden, denn das Original wird beim Scannen nicht berührt.
Nach der Digitalisierung wurden die Bilder in das dem technischen Standard für die Langzeitarchivierung entsprechende TIFF-Format umgewandelt und so nachbearbeitet, dass die Farbgebung soweit wie möglich dem Original entspricht.
Präsentation mit Liebe zum Detail
Die Online-Präsentation der digitalisierten Seiten lässt kaum Wünsche offen. Eine Vorschaufunktion ermöglicht die schnelle Orientierung innerhalb einer Handschrift. Jede einzelne Seite kann per Zoomfunktion mehrfach vergrößert werden, so dass alle Details – etwa für eine genaue Analyse der Buchmalerei oder schwer lesbarer Textteile – sichtbar werden. Jede Seite kann ausgedruckt, jede Handschrift als pdf-Datei auf den eigenen Rechner geladen werden. Den Manuskripten ist zudem eine wissenschaftliche Beschreibung beigefügt, die Informationen zum Aufbau, zum Schreiber, zur Provenienz und zum Bildschmuck enthält.
Darüber hinaus wurden im Verlauf des Projekts alle 7.000 Miniaturen aus den Palatina-Handschriften genau beschrieben. Damit sind sie heute über die Heidelberger Bilddatenbank HeidICON etwa nach Schlagworten, ikonographischen Motiven, Autoren und Textgruppen recherchierbar.
Sichtbar in der ganzen Welt
Besonderen Wert legt die Universitätsbibliothek Heidelberg darauf, dass ihr digitales Angebot gut vernetzt ist. Ihre Handschriften sind daher nicht nur im nationalen Nachweisinstrument „Manuscripta mediaevalia“ erfasst, sondern auch in internationale Projekte wie zum Beispiel MICHAEL (Multilingual Inventory of Cultural Heritage in Europe) oder die Europäische Digitale Bibliothek EUROPEANA eingebunden.
„Es ist toll, dass es uns gelungen ist, diese Schätze unbeschadet aus den Tresoren ans Licht zu holen und sie digital in einer so guten Qualität für alle verfügbar zu machen“, sagt Maria Effinger. „Die vielen positiven Rückmeldungen zeigen: Wissenschaftler aus aller Welt sind begeistert, dass sie unsere Handschriften nun erforschen können – ganz ohne Antrag, ohne Reise und ohne Handschuhe.“
arbeitet als freie Publizistin in Bonn.
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Februar 2010
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