Digitale Bibliotheken

Wo Zeit und Raum belanglos sind – Sigrun Eckelmann über virtuelle Forschungsumgebungen

Sigrun Eckelmann; © privatSigrun Eckelmann; © privatWie können sich Wissenschaftler rund um den Globus interdisziplinär vernetzen? Wer fördert und finanziert virtuelle Forschungsumgebungen? Welche Herausforderungen sind zu meistern? Was bringt die Zukunft? – Sigrun Eckelmann von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gibt Antworten.

Frau Eckelmann, was versteht man unter E-Science?

E-Science steht für Enhanced Science und bedeutet verbesserte oder erweiterte Wissenschaft. Der Begriff wird vorrangig im anglo-amerikanischen Raum gebraucht. In Deutschland reden wir eher von virtuellen Forschungsumgebungen. Gemeint sind netzbasierte Plattformen, die das kollaborative Arbeiten von Wissenschaftlern ermöglichen.

Welche Vorteile bieten virtuelle Forschungsumgebungen den Wissenschaftlern?

Sie bieten Wissenschaftlern über den gesamten Arbeitsprozess hinweg eine organisatorische und technische Unterstützung – vom Erheben und Sammeln von Daten, über die Bearbeitung unter Anwendung unterschiedlichster Methoden, bis hin zur Erstellung von Texten. Außerdem können Wissenschaftler ganz unterschiedlicher Disziplinen zeit- und ortsunabhängig zusammenarbeiten. Da treffen etwa südamerikanische Biologen auf osteuropäische Informatiker, wenden die Methoden des jeweils anderen Faches an und gelangen zu völlig neuen Forschungsfeldern und Ergebnissen.

Förderung und Herausforderungen

Welche Projekte fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) in diesem Bereich?

Eingang der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG); © DFGDie DFG fördert derzeit rund 30 sehr unterschiedliche Projekte. In einem Projekt geht es etwa darum, botanische Daten im Gelände zu sammeln und in einer zentralen Datenbank verfügbar zu machen. Bei einem anderen Projekt steht die interdisziplinäre Betrachtung von chemischen Prozessen im Vordergrund sowie ihre Auswirkungen auf Architektur, Gebäude, Baugeschichte und Bauchemie.

Welche Herausforderungen stellen sich bei der Umsetzung von virtuellen Forschungsumgebungen?

Organisatorische Fragen – etwa rund um Zugriff und Zugriffsberechtigungen – stellen eine große Herausforderung dar. Schwierig ist auch die Frage, wie virtuelle Forschungsumgebungen dauerhaft finanziert werden können, damit sie nicht in dem Moment wieder absterben, in dem die Projektfinanzierung beendet ist. Die Technik hingegen ist das geringere Problem.

Vom Meistern riesiger Daten-Ungetümer

Wer finanziert in Deutschland?

Kleinere, fachspezifische Projekte werden auf Bundesebene vorrangig von der DFG finanziert. Dagegen hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) bei seiner Finanzierung den Fokus auf große Basisstrukturen gelegt. Das BMBF fördert etwa das D-Grid-Projekt oder eSciDoc, Basisplattformen, an denen weitere Tools angedockt werden können.

Können Sie den Begriff D-Grid erläutern?

Logo der D-Grid-Initiative des BMBF; © BMBFD-Grid ist die deutsche Variante der Grid-Technologie. Sie ermöglicht die ortsunabhängige Datenverwaltung und Datenverarbeitung. Ursprünglich wurde sie in den Naturwissenschaften eingesetzt, da diese mit riesigen Datenmengen arbeiten. Daran angedockt gibt es einzelne, fachdisziplinär orientierte Grids, wie etwas das Text-Grid für textbasierte Forschungen im geisteswissenschaftlichen Bereich oder das Astro-Grid für die Astronomie.

Wo steht Deutschland?

Welches Land hat im Bereich der virtuellen Forschungsumgebungen die Vorreiterrolle eingenommen? Wo steht Deutschland?

In den USA und England begann die Entwicklung ungefähr 2004. Bei der DFG hatten wir 2008 unsere erste Ausschreibung. Allerdings fördert die DFG die sogenannten themenorientierten Informationsnetze bereits seit dem Jahr 2000, und diese sind eine klare Vorläuferform der virtuellen Forschungsumgebungen. Wir sind also sehr gut aufgestellt. Allerdings war das im angloamerikanischen Raum lange nicht richtig bekannt.

Werden in virtuellen Forschungsumgebungen Ergebnisse im Open Access, also für jeden zugänglich, bereitgestellt?

Logo von eSciDoc; © eSciDoc.orgDie Forschungsumgebungen umfassen den gesamten Forschungsprozess, von der Datenaufnahme bis hin zur Publikation. Der größte Teil davon ist ein interner, privater Prozess und wird nicht im Open Access bereitgestellt. Keiner gibt gern unfertige Arbeitsergebnisse heraus. Wenn es um Publikationen geht, ist das etwas anderes. Die können und sollen im Open Access bereitgestellt werden.

Vernetzung weltweit?

Kann in Zukunft über die virtuellen Forschungsumgebungen ein großes Netzwerk entstehen, das Wissenschaftler vom ganzen Globus miteinander verbindet?

Die Ansprüche an virtuelle Forschungsumgebungen sind je nach Fachdisziplin so unterschiedlich, dass ich mir ein einziges gemeinsames Netzwerk nur schwer vorstellen kann. Der Weg könnte allerdings dahin gehen, dass man mit Modulen arbeitet, die Wissenschaftler ihren Bedürfnissen anpassen können, um nicht alle Elemente von Grund auf neu entwickeln zu müssen. So könnten in der Tat virtuelle Forschungsumgebungen verwandter Disziplinen oder Themen in Netzwerken zusammengeschlossen werden. Aber wie so ein Netzwerk konkret genutzt wird, das hängt von den Menschen ab und von den Themen. Das wird immer sehr individuell und unterschiedlich aussehen.

Verena Hütter
führte das Gespräch. Sie arbeitet als freie Autorin und Redakteurin in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Dezember 2010

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema