Bibliotheken im Porträt: Bremen

In Zukunft ohne Theke – neue Ideen aus der Stadtbibliothek Bremen

Stadtbibliothek Bremen West; © Stadtbibliothek BremenStadtbibliothek Bremen West; © Stadtbibliothek BremenEs braucht eine Menge Fantasie, um in Zeiten leerer kommunaler Kassen neue Angebote für die sich stets wandelnden Bedürfnisse der Bibliotheksnutzer zu kreieren. Dem Team der Stadtbibliothek Bremen gelingt dies seit vielen Jahren.

Eine Bibliothek mit acht Zweigstellen, 535.000 Medieneinheiten, 55.000 angemeldeten Nutzern, 13.400 Öffnungsstunden sowie 3,5 Millionen Ausleihen, 1,3 Millionen Besuchern und 1.700 Veranstaltungen pro Jahr: So beeindruckend diese Zahlen klingen mögen, kann man die große Innovationskraft der Stadtbibliothek Bremen an ihnen nur indirekt ablesen.

Effizienz trotz Kürzungen

Selbstverbuchungssytem in der Zweigstelle Vegesack; © Stadtbibliothek BremenDabei ist es genau diese Kraft, mit der es der Stadtbibliothek gelingt, ihre Dienstleistungen für die Bremer Bürger beständig weiter auszubauen. „Unsere oberste Maxime ist es, das Steuergeld, das wir bekommen, so effizient wie möglich einzusetzen“, sagt Barbara Lison, die die Bibliothek seit 1992 leitet. „Auch wenn wir heute im Vergleich zum Jahr 2000 nur noch 85 Prozent des Geldes zur Verfügung haben, so haben wir unsere Dienstleistungen doch in den letzten zehn Jahren deutlich gesteigert. Dafür ist viel Fantasie und Gehirnschmalz nötig.“

Mit beidem scheint ihr Bibliotheksteam bestens ausgestattet zu sein, wie ein Blick auf die neuesten Projekte zeigt. Die Bibliothek setzt laut Lison „auf eine Dichotomie von digitaler und realer Präsenz“: Die Prioritäten liegen also zum einen auf der Erweiterung der Online-Angebote, zum anderen auf der attraktiven Ausgestaltung der Standorte der Bibliothek.

Digitale Bibliothek – auch für Kinder und Jugendliche

Website des Raben Kessi; © Stadtbibliothek BremenDie digitalen Services der Stadtbibliothek Bremen gehen über die mittlerweile üblichen Angebote wie die elektronische Ausleihe deutlich hinaus. Besonders stolz ist man in Bremen auf rabe-kessi.de, eine Website für Kinder rund um das Maskottchen, den Raben Kessi, die seit 2009 online ist. Auf anregende Weise sind hier Informationen über die Stadtbibliothek sowie über das Leben mit Büchern kindgerecht aufbereitet. Die Internetseite ist in Zusammenarbeit mit einer Agentur entstanden und wird von Werkstudierenden im Haus beständig weiterentwickelt. Nach Auskunft der Direktorin wird sie „gut genutzt“.

E-Lounge-Screen; © Stadtbibliothek BremenAuch für die Jugendlichen wächst das digitale Angebot. Mit der „e-Lounge“ ist ein Pilotprojekt gestartet, bei dem eine virtuelle Zweigstelle der Bibliothek mit finanzieller Unterstützung von Eltern und dem Ortsbeirat in die Bremer Oberschule Ronzelenstraße verlegt wurde. Seit Ende Oktober 2010 können dort im Lounge-Bereich alle virtuellen Angebote abgerufen werden, die in den Zweigstellen der Bibliothek zur Verfügung stehen. Darunter sind auch Datenbanken oder das Munzinger Länder- und Personenarchiv, die aus lizenzrechtlichen Gründen nicht frei über das Internet zugänglich sind. Das Pilotprojekt wird Mitte 2011 evaluiert – und gegebenenfalls auf andere Schulen ausgeweitet.

Bibliothek ohne Theke

Lernstudio der Stadtbibliothek Bremen; © Stadtbibliothek BremenEin weiterer Fokus der Bremer Stadtbibliothek liegt auf der weiteren Modernisierung der Bibliotheksstandorte. „Wir versuchen, den Bedürfnissen unserer Besucher so weit wie möglich zu entsprechen“, betont Barbara Lison. Und so gibt es nun in der Zentralbibliothek ein Lernstudio mit leicht verstellbarem Mobiliar und einem Graffito an der Wand.

Doch die Pläne gehen noch weiter. Und da mittlerweile fast alle Zweigstellen mit Selbstbedienungsfunktionen ausgestattet sind, werden die Gestaltungsspielräume für den Ort Bibliothek größer. „Wir wollen keine Theke mehr, sondern eine Empfangszone, die sich auch als Kommunikationszone besonderer Qualität eignet“, sagt Lison.

Krimibibliothek der Stadtbibliothek Bremen; © Stadtbibliothek BremenDoch auch diejenigen, die eine eher traditionelle Bibliotheksatmosphäre schätzen, kommen in Bremen auf ihre Kosten. Sie können sich zum Lesen in die Krimibibliothek zurückziehen, die im alten Besprechungszimmer der Polizei untergebracht ist. Dort sitzt man im Ledersessel am gekachelten Kamin. Hier findet man den deutschsprachigen Kriminalroman von seiner Geburtsstunde bis heute: etwa 4.500 Titel, darunter diverse handsignierte Erstausgaben, sowie Sekundärliteratur. Die Krimibibliothek ist einer der Gewinner des Wettbewerbs „365 Orte im Land der Ideen 2009“.

Profilierung auf Kundenmilieus

Barbara Lison; © Stadtbibliothek BremenIn Zukunft soll die Arbeit in Bezug auf die Kundenmilieus noch intensiviert werden. Dafür hat die Stadtbibliothek Bremen in Kooperation mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg im Oktober 2010 ein groß angelegtes Projekt zum Thema „Sinus-Milieus“ gestartet. „Wir wollen genauer klären, welche Milieus wir mit welchen Angeboten erreichen“, erläutert Barbara Lison. „Das hilft uns auch dabei, unsere Bestände in diese Richtung konkreter zu profilieren.“

Die größte Herausforderung sieht die Direktorin aber weiterhin darin, die Dienstleistungen der Bibliothek trotz geringer werdender finanzieller Mittel weiter zu steigern. „Aber ich sag ja immer: Ohne Feind erschlafft die Tugend.“

Dagmar Giersberg
arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2011

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