Bibliotheken im Porträt: Hessen

Viel genutzt und international ausgezeichnet

Universitätsbibliothek, Copyright: Universitätsbibliothek Frankfurt am MainDie Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg in Frankfurt am Main zählt mit ihren umfangreichen Beständen und Sammlungen zu den größten und am meisten genutzten wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland. Einige ambitionierte Projekte brachten es sogar zu Weltruhm.

Als der Arzt Johann Christian Senckenberg sich 1763 entschloss, sein Vermögen – nach drei unglücklich ausgegangenen Ehen – einer Stiftung zur Verfügung zu stellen, ahnte er sicher nicht, dass die Universitätsbibliothek seiner Heimatstadt einmal seinen Namen tragen würde. Wie sollte er auch, denn in Frankfurt am Main gab es seinerzeit noch gar keine Universität.

Die Johann Wolfgang Goethe-Universität wurde erst im Jahr 1914 gegründet. Doch das Medizinische Institut, das von Senckenbergs Stiftung getragen wurde und zu dem neben einem Botanischen Garten, einer naturhistorischen Sammlung, einem chemischen Laboratorium und anatomischen Hörsaal auch eine umfangreiche Bibliothek gehörte, war eines der Gründungsinstitute der Universität.

Neuer Träger: das Land Hessen

Den Namen „Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg“ trägt die Bibliothek im Übrigen erst seit dem 1. Januar 2005. An diesem Tag ging die Trägerschaft der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main sowie der Senckenbergischen Bibliothek nach über 500 Jahren von der Stadt Frankfurt an das Land Hessen über.

Ursprünglich war die Institution eine wissenschaftliche Stadtbibliothek. Mit der Gründung der Universität übernahm sie zusätzlich auch die Literaturversorgung der Hochschule. Obwohl ein Großteil der Bestände im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen war, gewann die Bibliothek nach 1946 unter Direktor Hanns Wilhelm Eppelsheimer wieder rasch an Bedeutung – vor allem, weil sie seitdem besondere überregionale Aufgaben wahrnimmt.

Ein Schwerpunkt: Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft

Lesesaal der Geisteswissenschaften, Copyright: Universitätsbibliothek Frankfurt am MainSo betreut die Bibliothek im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Systems der überregionalen Literaturversorgung elf Sondersammelgebiete – darunter „Allgemeine und Vergleichende Literatur- und Sprachwissenschaft“, „Deutsche Sprache und Literatur“, „Biologie, Botanik und Zoologie“, „Israel und Judentum“ sowie „Theater und Filmkunst“. Im Rahmen der „Sammlung Deutscher Drucke“ sind die Frankfurter für den Zeitraum von 1801 bis 1870 zuständig und stellen im nationalen Konsortium „Digizeitschriften“ die wichtigsten germanistischen und linguistischen Zeitschriften elektronisch bereit. Zurzeit sind „Virtuelle Fachbibliotheken“ für Germanistik, Linguistik, Judentum/Israel, Biologie und Theater-/Medienwissenschaft im Aufbau.

Zudem besorgt die Bibliothek die Bibliographie der Deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft (Eppelsheimer/Köttelwesch), die unter Germanisten heute als BDSL bekannt ist. Seit 2004 gibt es neben der gedruckten Ausgabe auch eine Internetdatenbank, die alle Nachweise ab 1985 verzeichnet und vierteljährlich ein Update erhält. In naher Zukunft soll dort, wo es möglich ist, vom bibliographischen Nachweis ein direkter Link zu den elektronisch verfügbaren Volltexten führen. Komplettiert wird die BDSL seit vielen Jahren durch die ebenfalls in der Frankfurter Unibibliothek erstellte Bibliographie Linguistischer Literatur (BLL).

In Hessen: Arbeit für den Verbund

Die Universitätsbibliothek übernimmt zudem eine Reihe von zentralen Aufgaben für die hessische Bibliothekslandschaft. Unter anderem besorgt sie die Redaktion der Hessischen Bibliographie. Zudem ist sie die Zentrale für das Hessische BibliotheksInformationsSystem (HeBIS), dem die Bibliotheken des ganzen Bundeslandes angeschlossen sind. Über das Portal hebis.de sind sowohl die Literaturrecherche als auch die anschließende Bestellung innerhalb des Verbundes komfortabel möglich – und sogar eine verbundübergreifende Fernleihe.

Digital: Sondersammlungen im Netz

In zahlreichen Projekten arbeitet die Bibliothek mit der Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Digitalisierung ihrer außergewöhnlichen Bestände und deren Bereitstellung via Internet. Wichtige Digitalsammlungen sind zum Beispiel die „Flugblätter 1848 im Internet“, die „Jiddischen Drucke“ sowie die „Porträtsammlung Friedrich Nicolas Manskopf“.

Online frei zugänglich sind auch die rund 70.000 Bilder des Archivs der Deutschen Kolonialgesellschaft. Die Bilder, die zwischen 1884 und 1918 entstanden sind, wurden digitalisiert und zweisprachig erschlossen. Damit entstand Deutschlands größte digitale Fotosammlung aus den ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika und dem pazifischen Raum, die international vielfältig genutzt wird.

Innerhalb des Projekts „Compact Memory“ werden die wichtigsten jüdischen historischen Zeitschriften und Zeitungen des deutschsprachigen Raums, die bis 1938 erschienen sind, im Internet zur Verfügung gestellt. 26 Zeitschriften – etwa die Allgemeine Zeitung des Judenthums, Die Welt oder Der Jude – mit insgesamt ca. 300.000 Seiten sind bereits online zugänglich. Das Online-Archiv wurde von der UNESCO in die Sammlung „World Digital Heritage“ aufgenommen.

Im Bereich Nutzung: Nummer 1

7,1 Millionen Medieneinheiten und über 14.000 Zeitschriftenabonnements kann die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg zu ihrem Bestand zählen – und jährlich kommen über 120.000 Einheiten hinzu. Bemerkenswert ist auch das Archivzentrum der Bibliothek mit dem Schopenhauer-Archiv, dem Franz-Lennartz-Literaturarchiv sowie den Nachlässen der „Frankfurter Schule“.

Im jüngsten bundesweiten Leistungsvergleich, dem von der Bertelsmann Stiftung und dem Deutschen Bibliotheksverband erhobenen Bibliotheksindex, erreichten die Frankfurter in der Gruppe der „Zweischichtigen Universitätsbibliotheken“ einen guten fünften Platz. Im Bereich „Nutzung“, für den sowohl die Zahl der physischen Bibliotheksbesuche als auch die Gesamtzahl der Ausleihen erhoben wurden, war die UB sogar bundesweiter Sieger. Von all dem hat Johann Christian Senckenberg, der sich zeitlebens für die Verbreitung des (medizinischen) Wissens eingesetzt hat, nicht einmal träumen können.

Dagmar Giersberg, cleevesmedia
Redakteurin und Publizistin, Bonn

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

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November 2005

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