Deutsche Bibliotheken im Porträt: Nordrhein-Westfalen

Literatur zur Geschichte des deutschsprachigen Judentums: Die Germania Judaica in Köln

Copyright: Herby Sachs / version - Die Leiterin der Germania Judaica, Frau Dr. Annette HallerDie Germania Judaica wurde gegründet, um mit Informationen über das Judentum gegen Antisemitismus zu kämpfen. Damit ist sie ist zwar eine Spezialbibliothek, aber keineswegs nur für Spezialisten.

Die Stadtbibliothek Köln – untergebracht in einem Gebäude aus grauem Beton mit roten Streben, die die großen Fensterfronten gliedern – präsentiert sich bewusst modern. Im Erdgeschoss warten die vollautomatischen Rückgabeterminals, auf großen Bildschirmen prangen die aktuellen Bestsellerlisten und im Videokonferenzstudio kann man mit Geschäftspartnern aus der ganzen Welt kommunizieren.

Etwas entfernt von Trends und Technik findet man – im dritten Geschoss der Zentralbibliothek – eine Sammlung für Spezialisten und andere Interessierte: die Germania Judaica, die Kölner Bibliothek zur Geschichte des deutschen Judentums.

Kampf gegen Vorurteile: Die Anfänge der Bibliothek

Die Gründung der Germania Judaica wurde von einer Welle des Antisemitismus, der sich in den 1950er-Jahren in Schändungen von jüdischen Friedhöfen und antisemitischen Schmierereien an Gebäuden in Köln äußerte, angestoßen. Auf Initiative von Kölner Bürgern wurde die Germania Judaica 1959 als privater Verein gegründet, um die Öffentlichkeit über die Geschichte des Judentums in Deutschland zu informieren. Denn die Gründungsväter – unter anderen der Schriftsteller Heinrich Böll – hofften, dass eine intensive Informationsarbeit den Vorurteilen den Nährboden entziehen könne.

In den Anfangsjahren hatte der Verein Germania Judaica neben dem Aufbau der Bibliothek noch ein zweites Standbein: Es wurden Veranstaltungen, Seminare und Vorträge zur jüdischen Kultur in Deutschland angeboten. Dazu fehlen jedoch seit den 1970er-Jahren die finanziellen Mittel. Seit 2006 wird die Bibliothek ausschließlich von der Stadt Köln finanziert.

Beginnend mit der Frühen Neuzeit: Sammelschwerpunkte

Die Germania Judaica ist eine wissenschaftliche Spezialbibliothek zur Geschichte des deutschsprachigen Judentums. Gesammelt werden vorwiegend Publikationen ab der Frühen Neuzeit. Mit einem Bestand von etwa 85.000 Bänden ist die Bibliothek die größte dieser Art in Europa.

Schwerpunkt der Sammlung ist die Geschichte des deutschsprachigen Judentums ab dem 18. Jahrhundert – mit Themen wie der Emanzipation der Juden, der Geschichte der jüdischen Gemeinden und der Verfolgung im Nationalsozialismus. Zudem beherbergt die Germania Judaica im Herzen Kölns auch Material zur allgemeinen jüdischen Geschichte und Kultur, zur Geschichte Israels und Palästinas sowie zur Darstellung von Juden in Literatur und Film.

Auch der Tatsache, dass die jüdische Kultur in Deutschland nach 1945 weiter- und in den letzten Jahrzehnten wieder auflebt, trägt die Bibliothek Rechnung. Hier finden sich neben Zeugnissen der Arbeit in den jüdischen Gemeinden Deutschlands beispielsweise auch Romane zeitgenössischer deutsch-jüdischer Schriftsteller.

Digitalisierung: Sicherung von und Zugang zu seltenen Beständen

Besonders wertvoll ist die Sammlung der Periodika: Neben den etwa 80 laufenden Abonnements aktueller Zeitungen lagern über 500 deutsch-jüdische Zeitungen und Zeitschriften im Magazin der Germania Judaica – wie etwa die ersten Ausgaben der Allgemeinen Zeitung des Judentums aus dem Jahre 1837.

Dieser Schatz ist eine der Grundlagen für das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt „Jüdische Periodika im deutschsprachigen Raum“. Zusammen mit der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg in Frankfurt am Main, die ebenfalls über einen beachtlichen Bestand an jüdischen Zeitschriften und Zeitungen verfügt, sowie mit dem Lehr- und Forschungsgebiet „Deutsch-Jüdische Literaturgeschichte“ an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen wurden mehr als 100 jüdische Periodika der Jahre 1806 bis 1938 digitalisiert. Sie sind heute unter compactmemory.de kostenlos im Internet zugänglich.

Kompetenter Ansprechpartner: Kontakte in alle Welt

Die Bibliothek unterhält Kontakte zu allen Institutionen zur jüdischen Geschichte in Deutschland und im Ausland und bietet den Suchenden daher noch eine Fülle von Informationen über jüdische Archive wie das Leo Baeck Institute, Bibliotheken und Forschungseinrichtungen. Alle drei Jahre veröffentlicht die Germania Judaica eine Erhebung über laufende Forschungsprojekte zur deutsch-jüdischen Geschichte und zum Antisemitismus.

Die Kölner Bibliothek zur Geschichte des deutschen Judentums ist damit der richtige Ansprechpartner für alle, die sich mit der jüdischen Kultur beschäftigen möchten – und ist damit weit mehr als eine Bibliothek.

Dagmar Giersberg
arbeitet als freie Publizistin in Bonn

Copyright: Goethe-Institut, Internet-Redaktion
August 2006

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