Deutsche Bibliotheken im Porträt: Nordrhein-Westfalen

„Schock Deine Lehrer – lies ein Buch“: die Stadtbibliothek Brilon als außerschulischer Lernort

Leselatte; Copyright: colourbox.comLeselatte, Bilderbuchkino, Büchereiführerschein, Sommerleseclub: Das sind nur einige der zahlreichen Angebote, die die Stadtbibliothek Brilon zur Leseförderung macht. Seit Jahren arbeitet die Bibliothek in diesem Bereich ebenso konsequent wie ideenreich und holt dabei Kindergärten und Schulen mit ins Boot.

Brilon? Dieser Name klingt in nicht eben vielen Ohren vertraut. Rund 28.600 Einwohner hat die Kleinstadt, die im Bundesland Nordrhein-Westfalen, knapp 50 Kilometer südlich von Paderborn auf der Landkarte zu finden ist. Eine Stadt ohne nennenswerte Sehenswürdigkeiten, ohne herausragende Töchter und Söhne.

Unter Bibliotheksexperten ist Brilon jedoch längst ein Begriff. Die Stadtbibliothek Brilon steht seit Jahren in Fachkreisen für ihr großes Engagement im Bereich der Leseförderung. 2004 belegte sie den zweiten Platz beim bundesweiten Wettbewerb „Bibliothek des Jahres“. 2005 erhielt sie für ihre Projekte „Leselatte“ und „Sommerleseclub“ den Leseförderungspreis „AusLese“, der von der Stiftung Lesen und der Commerzbank-Stiftung vergeben wird.

Schon ab dem Kindergarten

Mit ihren Bemühungen um eine optimale Förderung im Bereich der Lese- und Sprachkompetenz setzt die Bibliothek bereits bei den Allerkleinsten an. Schon Kindergartengruppen entdecken die Bibliothek spielerisch – zusammen mit Jim Knopf und dem Lokomotivführer Lukas.

An die gleiche Altersgruppe richtet sich auch das „Bilderbuchkino“. Dieses Angebot fördert die kreative Auseinandersetzung mit vorgelesenen Inhalten – etwa einfach, indem Kinder dazu basteln. Das geht übrigens auch zu Hause, denn die Stadtbibliothek stellt alles Notwendige in einer ausleihbaren Kiste zusammen: Bilderbücher, Diareihen, Bastelvorschläge, Hörbücher und Spiele zu beliebten Kinderbuch-Figuren wie dem kleinen Eisbären, Findus und Pettersson oder Felix.

Für jedes Alter die optimale Förderung

Brilon-Vorschulkinder: Unter dem Motto 'Reise nach Lummerland' bietet die Stadtbibliothek Einführungen in die Nutzung der Bücherei für Vorschulkinder an; Copyright: Stadtbibliothek BrilonInformationen dazu, wie Eltern die Lese- und Sprachkompetenz ihrer Kinder schon von klein auf fördern können, gibt die von der Bibliothek entwickelte „Leselatte“, eine 90 Zentimeter lange, farbig illustrierte Messlatte aus Hartplastik. Messen können sich an ihr Kinder mit einer Körpergröße von 60 bis 150 Zentimeter, also etwa im Alter von 0 bis 10 Jahren. Für die Größe von 90 Zentimeter ist dort zu lesen: „Langsam begreifen Kinder kleine Szenen mit zwei oder drei Personen. Kurze, einfache Geschichten sind jetzt spannend. Tipp: Die Handlung aber bitte noch mit eigenen Worten erzählen.“ Im Beiheft zur Latte werden für jede Altersstufe zudem noch mindestens vier konkrete Buchtipps gegeben.

Die Latte hängt in Brilon nicht nur in Kinderzimmern, sondern auch in den Räumen von Krabbelgruppen, in Kindergärten, Schulen sowie in Wartezimmern von Hebammen, Ärzten oder Logopäden. Für die Zukunft sucht die Bibliothek einen Sponsor, mit dessen Hilfe die Leselatte den Familien aller in Brilon geborener Kinder überreicht werden könnte. Türkische und englische Sprachfassungen sind bereits in Planung.

Stufe für Stufe zu mehr Informationskompetenz

Die Bibliothek arbeitet eng mit den Schulen der Stadt zusammen. Im Laufe ihrer Schulzeit besuchen alle Briloner Kinder und Jugendlichen mindestens zweimal die Stadtbibliothek. Dafür sind im hier entwickelten „Spiralcurriculum Lese- und Informationskompetenz“ Klassenveranstaltungen für die unterschiedlichen Jahrgänge vorgesehen. So werden die Schülerinnen und Schüler systematisch mit den Möglichkeiten der Bibliothek vertraut gemacht.

Für die Grundschulklassen steht neben einer Piraten-Entdeckungsreise, die die Kinder zusammen mit Astrid Lindgrens Messerjocke und Blutsvente durch das Land „Bibliothekarien“ führt, der Bibliotheksführerschein auf dem Programm. Den erhalten die Kinder, nachdem sie ihr Wissen über die Stadtbibliothek in einem 20-seitigen Prüfungsheft unter Beweis gestellt haben. Bei jedem Bücherei-Besuch gibt es einen Stempel in den Führerschein; beim zehnten Besuch wartet eine Überraschung.

Die Angebote für die weiterführenden Schulen zielen darauf, Techniken des Wissenserwerbs und der Recherche einzuüben. Stufenweise geht es von den ersten kleinen Rechercheaufgaben („Entdecke die Bibliothek als Ort des Wissens“, 5. Klasse) über die Recherche zu einem konkreten Thema („Rechercheprofi – Unterricht in der Bibliothek“, 7. Klasse) bis hin zur systematischen Informationssuche für das Schreiben einer Facharbeit („Info-Kompetenz-Training“, 10./11. Klasse).

Ferien im Club

Seit 2002 lockt der Sommerleseclub (SLC) unter dem Motto „Schock Deine Lehrer – lies ein Buch“ Schülerinnen und Schüler selbst in den Ferien in die Bibliothek. Alle Mitglieder des Clubs erhalten einen Clubausweis und ein LeseLogbuch. Während der Sommerferien lesen die Jugendlichen im Alter von 10 bis 16 Jahren Bücher, die von den Bibliothekaren vorgeschlagen werden. Gelesene Bücher werden im LeseLogbuch dokumentiert und mit Hilfe einer Bewertungskarte von den Jugendlichen beurteilt.

Am Ende der Sommerferien werden alle Clubmitglieder zu einer Abschlussparty eingeladen. Dort gibt es neben einem kleinen Geschenk auch Zertifikate, die von allen Briloner Schulen als außerschulisches Engagement zur Förderung der Lesekompetenz anerkannt werden. Das heißt ganz konkret: Die mündliche Mitarbeitsnote in Deutsch wird heraufgesetzt und es gibt einen Vermerk auf dem nächsten Zeugnis.

Die Idee zum Sommerclub, der komplett aus Sponsorengeldern finanziert wird, stammt aus den USA. Dort spricht die Public Library Los Angeles mit ihrem „Teen Reading Club“ schon seit etlichen Jahren die Jugendlichen gerade in dem Alter an, in dem erfahrungsgemäß das Leseinteresse einbricht. In Brilon lassen sich pro Jahr rund 300 Jugendliche zum Mitmachen und Lesen motivieren. Und: Der Erfolg des Projekts zieht mittlerweile weite Kreise. In diesem Sommer soll es den Leseclub in elf weiteren Stadtbibliotheken in Nordrhein-Westfalen geben. Dort ist Brilon also bestens bekannt.

Dagmar Giersberg
Redakteurin und Publizistin, Bonn

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion

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September 2005

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