Deutsche Bibliotheken im Porträt: Thüringen

Fünf Jahre nach dem Brand – die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar

Rokokosaal der Anna Amalia Bibliothek; © Fotograf: Maik Schuck, Quelle: Klassik Stiftung WeimarRokokosaal der Anna Amalia Bibliothek; © Fotograf: Maik Schuck, Quelle: Klassik Stiftung Weimar2004 brannte die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar; 50.000 Bücher wurden vernichtet. Noch mehr Bände gingen zu DDR-Zeiten unter anderem aus Devisenmangel verloren. Die über 300-jährige Geschichte der Bibliothek ist auch ein Spiegel deutscher Historie.

„Die nächste Gruppe für den Rokokosaal bitte!“ Eine Dame in blauer Uniform öffnet zwei Flügeltüren. 25 Besucher schlurfen mit großen Filzpantoffeln so schnell es geht herbei. Die Zeit hier im Herzstück der Herzogin Anna Amalia Bibliothek ist kostbar; die Tickets für die Besichtigung sind lange im Voraus ausgebucht. Staunende Blicke wandern durch den Saal. Wer ihn bislang nur von Panoramafotos kennt, ist überrascht, wie klein er ist. Wie fast alles in Weimar präsentiert sich der Rokokosaal in einem sympathischen menschlichen Maß.

Brennende Anna Amalia Bibliothek; © Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

Die Restaurierung des Saals lässt den Brand vom September 2004 vergessen. Schon meint man wieder, gleich könnte der Bibliotheksdirektor Goethe eintreten, während Schiller, Herder oder Wieland sich einen Lederrücken aus dem Regal pflücken. Nur die gelichteten Bücherreihen erinnern an die Katastrophe. Das Feuer war kurz vor der Sanierung des maroden Gebäudes durch einen elektrischen Defekt ausgelöst worden. Flammen loderten aus dem Dachstuhl des historischen Stammgebäudes und verkohlte Buchseiten flogen über die Stadt. Unwiederbringlich verbrannten 50.000 Bücher und 37 Gemälde. Weltweitem Entsetzen folgte eine beispiellose Welle der Hilfsbereitschaft im In- und Ausland.

Die Zwischenbilanz der Restaurierungen

Sonderlesesaal; © Sabine TentaKein Wunder, dass heute der Andrang für den Rokokosaal groß ist. Aus konservatorischen Gründen werden jährlich nur 90.000 Besucher eingelassen. „Im ersten Jahr nach der Wiedereröffnung 2007 hätten wir 500.000 Tickets verkaufen können“, sagt der stellvertretende Direktor der Bibliothek, Jürgen Weber. Seine Bilanz fünf Jahre nach dem Brand: Über 7.600 Bücher sind restauriert und rund 6.500 wiederbeschafft worden. Dafür wurden circa zehn Millionen Euro ausgegeben. Bis 2015 sollen auch die restlichen 20.000 Bücher restauriert werden. Als nächstes steht die Rettung der „Aschebücher“ an. So werden die verkohlten Buchblöcke ohne Einband genannt, die aus dem Schutt der zweiten Galerie geborgen worden waren. Da, wo einst 50.000 Bücher und die Musikaliensammlung von Herzogin Anna Amalia unter dem Dach standen, ist heute ein Sonderlesesaal eingerichtet.

Historisches Gebäude, Rückansicht; © Sabine Tenta

Helles Parkett und eine funktional reduzierte Möblierung bilden einen scharfen Kontrast zum Rokokosaal, der durch die ovale Deckenöffnung zu sehen ist. Während man in den darunter liegenden Etagen eine möglichst originale Wiederherstellung anstrebte, hat man im Sonderlesesaal die Brandspuren konserviert: Die Balustrade der Deckenöffnung ist verkohlt, die Balken der Decke rauchgeschwärzt. Hier oben entlarvt sich auch die Illusionsmalerei der Kopie von „Genius des Ruhms“. Das Gemälde samt Rahmen ist ebenso aufgemalt wie der reich verzierte Stuck. Ein Glaskasten trennt die eindrucksvolle Dokumentation der Brandnacht vom restlichen Raum, wo die kostbarsten Stücke der Bibliothek, wie Handschriften, alte Karten und Inkunabeln, studiert werden können.

Von der Feudal- zur Forschungsbibliothek

Bücher-Kubus des Studienzentrums; © Sabine TentaDie unterschiedlichen Namen der Anna Amalia Bibliothek spiegeln nicht nur ihr wechselndes Selbstverständnis, sondern auch deutsche Geschichte wider. Als „Herzogliche Bibliothek“ wurde sie 1691 gegründet und 1815 zur „Großherzoglichen Bibliothek“ umgetauft. Einen wesentlichen Einschnitt erfuhr die Feudalbibliothek 1766. Herzogin Anna Amalia betrieb den Umzug der Sammlung aus dem Stadtschloss zum heutigen Standort. „Von nun an musste man nicht mehr die Stadtwachen überwinden, um ein Buch auszuleihen“, sagt Jürgen Weber, „sondern es gab eine Bibliothek mit einer Benutzungsordnung und man hatte einen geordneten Eintritt.“ Weber betont, dass Anna Amalia erstmals einen festen Etat eingerichtet habe, der von Goethe als Bibliotheks-Direktor noch einmal ausgebaut worden sei: „Als Goethe starb, gehörte die Bibliothek zu den zehn größten in Deutschland.“

1918 dann wieder ein neuer Name mit neuen Aufgaben: Die „Thüringische Landesbibliothek“ musste ein Pflichtexemplar von allem aufnehmen, was in Thüringen gedruckt wurde, „auch graue Literatur, Firmenschriften und so weiter“, so Jürgen Weber. Im Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945 gab es zwar „kein Geld, um Karteikarten zu kaufen, aber dennoch eine Verdopplung, teilweise Verdreifachung der Neuzugänge“. Denn die Bibliothek hatte laut ihrem stellvertretenden Direktor „eine zentrale Rolle in der wirtschaftlichen Ausbeutung der jüdischen Familien.“ Heute bemüht sich die Bibliothek, die ehemaligen Besitzer ausfindig zu machen: „Für 3.000 Bände haben wir es bisher geschafft.“

Devisenmangel plündert den Bestand

Jürgen Weber; © Sabine TentaEinen radikalen Wechsel im Bestand gab es in der DDR. Die Institutionen in der Klassiker-Stadt Weimar wurden neu geordnet; 1969 erfolgte die Umbenennung in „Zentralbibliothek der deutschen Klassik“. Nun konzentrierte man sich auf den Zeitraum der Jahre zwischen 1750 und 1850. „Damit verbunden war ein Ausstoß von Büchern, von denen man meinte, die gehören nicht hierher“, weiß Jürgen Weber. „In Wahrheit ging es aber auch um Devisenbeschaffungen.“

„Palettenweise“ hätte man die Bücher aus den Regalen genommen und in den Westen verkauft. Darunter waren viele theologische Werke und die komplette Sammlung mit historischer Amerikaliteratur. Rund 70.000 Bücher gingen laut Webers Schätzungen verloren. Im Gegenzug habe man Bücher aus anderen DDR-Bibliotheken nach Weimar verfrachtet, wenn es zum Schwerpunkt passte. „Dass ein Forschungszentrum entsteht, ist eine gute Idee gewesen, aber der Weg dorthin war nicht gut.“ Eine weitere Etappe im Wandel der Anna Amalia Bibliothek von der Feudal- zur Forschungsbibliothek war 2005 die Eröffnung des Studienzentrums: Das Stammhaus wurde um zusätzliche Gebäude und ein unterirdisches Tiefmagazin erweitert.

Die jüngste Umbenennung erfolgte 1991 zum 300sten Geburtstag: Seitdem trägt die Bibliothek den Namen ihrer größten Förderin Herzogin Anna Amalia. Ihre Büste befindet sich im Rokokosaal. Mit geneigtem Kopf stehen die Besucher vor ihr, jeder presst einen Audioguide ans Ohr. Kaum sind die letzten Erläuterungen verklungen, wird die Audienz im Rokokosaal auch schon beendet. Freundlich, aber energisch leitet die Dame vom Aufsichtspersonal die Gruppe heraus: „Die nächsten Besucher warten!“ 

Sabine Tenta
arbeitet als freie Journalistin unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2009

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