Bibliotheken in Deutschland – Fachdiskussion

Praxisnahe Ausbildung zum Informationsspezialisten

Uta Krauß-Leichert; Copyright: Stefanie Rex/HAW HamburgUta Krauß-Leichert; Copyright: Stefanie Rex/HAW HamburgSeit dem Wintersemester 2005/06 werden an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg zwei Bachelor-Studiengänge für angehende Informationsspezialisten angeboten. Ute Krauß-Leichert, die Leiterin des Departments Information, zieht für uns eine erste Bilanz.

Frau Professorin Krauß-Leichert, Ihr Department bietet die Bachelor-Studiengänge "Bibliotheks- und Informationsmanagement" sowie "Medien und Information" an. Wie sind Ihre Erfahrungen mit diesen gestuften Studiengängen?

Unsere neuen Studiengänge sind sehr gut angenommen worden. Wir haben mehr Bewerber, als wir aufnehmen können. Und die Zahl der Bewerber ist in den neuen Bachelor-Studiengängen genauso hoch wie in den früheren Diplom-Studiengängen.

Außerdem haben wir sehr positive Erfahrungen mit den ersten Jahrgängen der Bachelor-Studenten gemacht. Sie sind sehr zielstrebig und leistungsorientiert. Unser erster Jahrgang macht im Sommersemester seinen Abschluss – und es gibt kaum Studierende, die nicht innerhalb der Regelstudienzeit von drei Jahren fertig werden.

Wie viele Studierende haben Sie zurzeit?

Wir haben pro Jahrgang 60 Studenten im Studiengang "Bibliotheks- und Informationsmanagement" und 70 im Studiengang "Medien und Information".

Gibt es aus Ihrer Sicht Probleme mit den Bachelor-Studiengängen?

Ich sehe vor allem ein Problem: Die Möglichkeit, ins Ausland zu gehen, ist in den gestuften Studiengängen eingeschränkt. Das liegt daran, dass die Inhalte sehr stark aufeinander aufbauen und der Studienplan sehr straff ist.

Wenn man in sechs Semestern fertig werden soll, dann verbringt man nicht einfach mal ein Semester im Ausland, denn vielfach ist die Vergleichbarkeit der Studieninhalte nicht gegeben und darum können nicht alle Module, die woanders absolviert werden, angerechnet werden. Wir haben jedenfalls den Eindruck, dass früher mehr Studierende ins Ausland gegangen sind.

Welchen Stellenwert hat die Praxisnähe in der Ausbildung?

Lerngruppe an der HAW; Copyright: Stefanie Rex/HAW HamburgEinen sehr hohen! Es gibt in beiden Bachelor-Studiengängen ein halbjähriges Praktikum. Dieses Praxissemester wird mit einer Veranstaltung, die sich "Berufsfeldanalyse" nennt, sehr intensiv vorbereitet. Während der Praxiszeit werden die Studierenden mit einem Kolloquium begleitet. Für diejenigen, die nicht in der näheren Umgebung sind, machen wir dieses Kolloquium per Mail.

Am Ende des Praxissemesters gibt es dann noch eine Veranstaltung, in der die Erfahrungen ausgewertet werden. Außerdem laden wir jedes Jahr die Institutionen, die Praktikumsplätze anbieten, zu einer Ausbildertagung ein.

In einigen Praxisprojekten der letzten Jahre ging es um die Entwicklung von eLearning-Strukturen. Welche Rolle spielt eLearning in Ihren Studiengängen?

Sehr viele unserer Module bieten eLearning-Elemente an. Allerdings machen wir kein reines eLearning. Es gibt Präsenzphasen und daneben einige Angebote auf eLearning-Basis, in denen sich die Studenten Inhalte selbst erarbeiten. Ich würde daher eher von "blended learning-Angeboten" sprechen.

Ihr Department unterhält eine Reihe von engen Kontakten ins Ausland …

Ja, wir sind Mitglied von einem großen eLearning-Konsortium, dem Baltic Sea Virtual Campus. In diesem Projekt arbeiten Hochschulen der Ostseeanrainerstaaten zusammen, um eLearning-Module zu entwickeln.

Daneben haben wir Partner, mit denen wir im Rahmen des Erasmus-Programms kooperieren – das sind Universitäten in Spanien, Dänemark, Frankreich, Niederlande und Norwegen.

Was ist für Sie das Besondere an Ihren Studiengängen?

Besonders stolz bin ich auf die Praxisnähe unserer Studiengänge und auf unsere gute Vernetzung. Im Bereich Bibliotheken verfügen wir – weit über den Hamburger Raum hinaus – über sehr gute Kontakte. Und wir haben sehr, sehr gute Kontakte zur Hamburger Medienwirtschaft. Das sieht man allein daran, dass in jedem Jahr ca. 150 Institutionen an unserer Ausbildertagung teilnehmen.

Zum Wintersemester 2008/2009 soll der Masterstudiengang "Informationswissenschaft und -management" starten. Wo liegen die inhaltlichen Schwerpunkte?

Copyright: Stefanie Rex/HAW HamburgDie vier Modulschwerpunkte sind Informationsdienstleistung und -systeme, Informationsarchitektur und -design, Informations- und Medienökonomie sowie International communication science and media studies. Für das vierte Modul haben wir bewusst einen englischen Titel gewählt, da ein Teil des Unterrichts auf Englisch stattfinden wird.

Das Besondere an unserem Masterstudiengang ist, dass wir ein Forschungs- und Praxisprojekt integriert haben. Ein ganzes Semester lang führen die Studierenden allein oder höchstens zu zweit selbstständig in einer Firma, Bibliothek oder in einer anderen Institution ein Projekt durch. Außerdem können die Studierenden noch andere Master-Angebote unserer Fakultät nutzen, das sind Module im Bereich Design und Medientechnik.

In welche Richtung wollen Sie Ihre Studienangebote weiterentwickeln?

Wir werden nun erst einmal abwarten, wie unsere Absolventen auf dem Markt ankommen. Die Rückmeldungen von den Ausbildungseinrichtungen sind bislang sehr, sehr positiv. Uns ist es offenbar gut gelungen, die Studieninhalte zu komprimieren.

Wir denken aber über weitere Studienangebote nach. Im Masterbereich möchten wir eventuell zusätzlich einen Teilzeitstudiengang anzubieten – als reinen eLearning-Studiengang.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass der Bedarf an Informationsspezialisten in der Öffentlichkeit und vor allem in der Politik noch bewusster wird. Wissensorganisation ist ein Zukunftsthema. In diesem Zusammenhang wird viel auf Google oder andere Suchmaschinen geguckt. Doch viel zu wenig wird gesehen, dass unsere Informationsspezialisten gebraucht werden, um Google zum Laufen zu bringen.

Unsere Absolventen bereiten qualitätsvolle Information auf, organisieren und vermitteln sie. Ich würde mir wünschen, dass der Wert ihrer Tätigkeit anerkannt wird – und dass sich das auch finanziell bemerkbar macht. Es ist nicht nachvollziehbar, dass unsere Absolventen im Öffentlichen Dienst weniger Geld verdienen als ein Ingenieur im Öffentlichen Dienst, der von der gleichen Hochschule kommt und genauso viele Semester studiert hat.

Das Gespräch führte Dagmar Giersberg.
Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

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April 2008

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