Nationallizenzen für elektronische Medien

Seit 2004 finanziert die Deutsche Forschungsgemeinschaft den Erwerb von Nationallizenzen – um die Wissenschaftler und Studierende an deutschen Forschungseinrichtungen besser mit elektronischer Fachinformation zu versorgen.
„Chinese Classic Ancient Books“ ist eine digitale Büchersammlung, die mehr als 10.000 klassische Werke in chinesischer Sprache umfasst. „Testaments to the Holocaust“ ist eine Dokumentensammlung aus dem ältesten Holocaust-Museum der Welt, der Wiener Library in London. „EIU Country Reports Global“ ist eine große Volltextdatenbank der Economist Intelligence Unit, die monatlich aktualisierte Informationen über die gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen in allen Ländern der Erde bereitstellt. – Das sind drei von knapp 100 Beispielen für elektronische Forschungsressourcen, die Studierenden und Wissenschaftlern im Rahmen der Nationallizenzen zur Verfügung stehen.
Aufholjagd bei elektronischen Publikationen
In der deutschen Bibliothekslandschaft sorgt das System der Sondersammelgebiete dafür, dass die finanziellen Mittel optimal genutzt werden. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert dieses System im Rahmen ihrer Infrastrukturmaßnahmen, um die überregionale Literaturversorgung sicherzustellen.Zu Beginn des neuen Jahrtausends wurden Versorgungslücken in diesem System deutlich – und zwar im Bereich der elektronischen Publikationen. Nachholbedarf gab es bei digitalen Text- und Werkausgaben, bei den von wissenschaftlichen Verlagen angebotenen Digitalisierungen zurückliegender Zeitschriftenjahrgänge (die sogenannten Backfile-Archive) sowie bei speziellen Fachdatenbanken.
Um diese Versorgungslücke sukzessive zu schließen, stellt die DFG seit 2004 im Schnitt jährlich 14 Millionen Euro zur Verfügung, die genutzt werden, um nationale Lizenzen für digitale Publikationen zu erwerben.
Lizenz zum Nutzen
Das Angebot ist in den letzten knapp vier Jahren beständig gewachsen. Heute stehen den Nutzern sechs bibliographische Datenbanken, 47 Volltextdatenbanken und 33 Backfile-Archive zur Verfügung – darunter sind elektronische Zeitschriftenarchive des weltgrößten Wissenschaftsverlags Oxford University Press, der Verlagshäuser Elsevier, Springer und Wiley-VCH. Allein das „Springer Online Journal Archive“ enthält mehr als 800 Zeitschriftentitel, die zwischen 1860 und 2000 erschienen sind. Ingesamt umfassen die bislang lizenzierten Publikationen etwa 800 Millionen Online-Seiten.
Die deutschen Nationallizenzen gelten für alle deutschen Hochschulen und alle mit öffentlichen Mitteln finanzierten deutschen Forschungseinrichtungen. Auf die elektronischen Ressourcen können alle Wissenschaftler und Studierende über die Kataloge der deutschen Staats- und Universitätsbibliotheken kostenfrei zugreifen.
Doch auch wissenschaftlich interessierte Privatpersonen sind nicht von der Nutzung ausgeschlossen. Wer nicht Mitglied einer berechtigten Hochschule oder Forschungseinrichtung ist, kann sich bei den meisten Datenbanken und Textsammlungen unter www.nationallizenzen.de für die kostenlose Einzelnutzung anmelden.
Rolle der Sondersammelgebietsbibliotheken
Während die DFG die Fördermittel für die Nationallizenzen zur Verfügung stellt, sind neun Bibliotheken mit der Aufgabe betraut, Vorschlagslisten für die Anschaffung zu erarbeiten, mit den Verlagen als Rechteinhabern zu verhandeln, die Lizenzen zu erwerben und schließlich den deutschlandweiten Zugang zu den Publikationen sicherzustellen.Zu der Gruppe dieser Sondersammelgebietsbibliotheken gehören die Staatsbibliothek zu Berlin, das GESIS / Informationszentrum Sozialwissenschaften Bonn, die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt am Main, die Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, die Technische Informationsbibliothek Hannover, die Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften Kiel, die Universitäts- und Stadtbibliothek Köln, die Deutsche Zentralbibliothek für Medizin Köln sowie die Bayerische Staatsbibliothek München.
Pläne für die Zukunft
Über das bestehende Engagement hinaus hat die DFG im Rahmen der Schwerpunktinitiative zur „Digitalen Information“ beschlossen, auch in die Lizenzierung laufender Zeitschriftenjahrgänge einzusteigen. In einer Pilotphase eines Projekts, das 2008 startete und bis 2010 andauert, werden dafür zwei Modelle mit zwölf Verlagen getestet. Drei der Zeitschriftenpakete folgen dabei – mit einer Komplettfinanzierung durch die DFG – dem Muster der Nationallizenzen. Die anderen neun Pakete werden als Nationalkonsortium organisiert, an dem sich wissenschaftliche Einrichtungen beteiligen können – allerdings in der Regel nur, wenn sie einen eigenen finanziellen Beitrag leisten.Darüber hinaus entwickelt die DFG zusammen mit Partnern aus Dänemark (DEFF), den Niederlanden (SURF) und Großbritannien (JISC) gemeinschaftliche länderübergreifende Lizenzmodelle.
Allerdings geschieht das alles mittlerweile nicht mehr aus der Situation eines Nachholbedarfs heraus. Denn eine vergleichende Untersuchung zur Informationsversorgung in den Naturwissenschaften, der Technik und der Medizin, die im Jahre 2006 vom Joint Information Systems Committee (JISC) durchgeführt wurde, attestiert den Forschern in Deutschland inzwischen einen Vorsprung – dank der Nationallizenzen.
freie Publizistin, Bonn
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Juli 2008













