Notfallverbünde und Bergungsrutschen – Katastrophenvorsorge in Bibliotheken

Eine brennende Bibliothek und ein einstürzendes Stadtarchiv: Die Katastrophen von Weimar und Köln haben gezeigt, dass binnen Stunden die Schätze mehrerer Jahrhunderte zerstört werden können. In der Gottlieb Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover sorgt man vor – mit einem Notfallverbund und einer Bergungsrutsche für Bücher.
Es sind zwei Ereignisse, die stellvertretend für bestandsvernichtende Katastrophen stehen: Anfang September 2004 brannte die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Und im März 2009 stürzte das Historische Archiv der Stadt Köln ein. In Weimar wurden 50.000 Bücher und 37 Gemälde unwiederbringlich zerstört.
In Köln wurden beim Einsturz des Stadtarchivs in unmittelbarer Nähe einer U-Bahn-Baustelle Archivgüter aus 1.000 Jahren verschüttet, darunter die Nachlässe des Komponisten Jacques Offenbach und des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll, zudem 1.800 mittelalterliche Handschriften und Evangeliare, 65.000 Urkunden ab dem Jahr 922, Protokolle des Stadtrats seit 1320, rund 2.500 Tonträger, Filme und Videos sowie 30 Regalkilometer Akten und Amtsbücher.
Gut 85 Prozent davon sind geborgen, aber nicht gerettet: 35 Prozent haben schwerste Schäden, 50 Prozent schwere und mittlere. Der Kölner Kulturdezernent Georg Quander schätzt, dass die Restaurierung der geborgenen Archivalien rund 380 Millionen Euro kosten wird. Das sei Arbeit für 200 Restauratoren in einem Zeitraum von 30 Jahren.
Durch Löschwasser stabiler geworden
Der Brand in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek hat gezeigt, dass man im vorletzten Jahrhundert bereits solide Brandschutzarbeit geleistet hat. Dass das Feuer nicht weiter um sich griff, lag auch an einer Brandschutztür von 1850: „Die hat zwar rot geglüht, aber sie hat es ausgehalten“, sagt der stellvertretende Bibliotheksdirektor Jürgen Weber. Heute ist die Vorsorge mit aktiven Brandlöschanlagen in Weimar auf dem neuesten Stand: „Wir werden immer wieder von anderen Bibliotheken angefragt“, bilanziert Weber. „Unsere Brandschutzvorrichtungen haben durchaus Vorbildcharakter.“
Auch in der Restaurierung wurden Fragen geklärt, die nicht nur für Weimar von Bedeutung sind. Professor Robert Fuchs und seine Studenten an der Fachhochschule Köln etwa untersuchten, ob die Chemikalien im Löschwasser schädlich oder gar gefährlich sein könnten bei der künftigen Benutzung. Das sei zum Glück kein Problem, sagt Jürgen Weber. Erstaunlich sei, dass „den neueren Papieren, die sauer sind und zerfallen, die Tränkung sogar gut getan hat: Sie sind stabiler geworden.“ Das alte Hadernpapier hingegen habe gelitten, es sei zusätzlich gealtert.
Eine Bergungsrutsche für Kulturgüter
In der Weimarer Brandnacht bildeten rund 200 Menschen eine Kette und reichten Bücher, Gemälde und Skulpturen aus dem Rokkokosaal über die Treppe nach unten. Eine ungleich schnellere Rettung bietet die von der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover entwickelte Bergungsrutsche. Martin Brederecke, Restaurator der Bibliothek, entwickelte sie zusammen mit einem Unternehmen, das Planen herstellt: ein „Meilenstein in der Katastrophenvorsorge“, wie man die Erfindung in Hannover stolz nennt.
Mitte 2009 wurde die Notfallrutsche der Öffentlichkeit vorgestellt. Klein zusammengepackt hängt sie vor dem Fenster der Handschriftenabteilung im zweiten Stock der Bibliothek. Dort lagern rund 15.000 Leibniz-Briefe, die zum Unesco-Weltdokumentenerbe zählen. In zehn Minuten können drei Mitarbeiter die zwölf Meter lange Rutsche aus Lkw-Plane aufblasen. Mit Luft gefüllte Schläuche bilden ihr Gestell, dazwischen ist eine rund ein Meter breite überdachte Rutschfläche. Fest integriert ist ein Auffangtisch am Ende.
Bis zu 25 Kilogramm trägt die Bergungsrutsche. „Das ist eine Sonderanfertigung, die genau an das Fenster und die Gebäudehöhe angepasst ist“, erklärt Martin Brederecke. Eine Rutsche, wie sie zum Beispiel bei Flugzeugen eingesetzt werde, wäre viel zu groß gewesen: „Das hätte die Feuerwehr bei ihren Arbeiten behindert.“ Es gibt bereits mehrere Anfragen von Bibliotheken, die sich ebenfalls eine Bergungsrutsche anschaffen wollen.
Kein Schutz vor Extremfällen
Was kann man aus den Ereignissen von Weimar und Köln lernen? Martin Brederecke hat in Köln bei der Bergung des Archivguts geholfen, ähnlich wie 1.800 freiwillige Helfer aus dem In- und Ausland: „Das ist der extremste Extremfall“, sagt der Restaurator. „Wenn wir hier in Hannover abbrennen oder alles in einen U-Bahn-Schacht einstürzt, dann ist die Rutsche natürlich auch verschwunden.“ Wichtig sei aber auf jeden Fall ein Notfallverbund. Zu einem solchen haben sich die Kulturinstitutionen in Hannover zusammengeschlossen, damit sie sich im Krisenfall schnell helfen können.
Ein derartiger Verbund war auch in Weimar 2004 in der Planung: „Das war gut, denn wir haben uns bereits gekannt, und es kam dann spontan sehr schnell die richtige Hilfe“, berichtet Jürgen Weber. Wegen des Elbehochwassers im Sommer 2002 war man in Weimar „aber eigentlich auf Hochwasser eingestellt.“ So lehren die Katastrophen von Weimar und Köln also, dass der Horizont für weitere Schreckensszenarien geweitet werden muss.
arbeitet als freie Journalistin unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.
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Januar 2010
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