Digitaler Kopierschutz als wirtschaftliches Handicap – Julius Mittenzwei im Gespräch

Wie sinnvoll und effektiv ist ein Kopierschutz für digitale Medien? Im Gespräch bewertet der Jurist Julius Mittenzwei den Nutzen von Digital-Rights-Management-Systemen. Er ist Mitglied im Chaos Computer Club, der sich für grenzüberschreitende Informationsfreiheit einsetzt.Herr Mittenzwei, viele digitale Medien – wie Musik- und Videodateien oder E-Books – haben ein Digital-Rights-Management-System. Warum?
Im vor-digitalen Zeitalter waren Werke an körperliche Träger gebunden. Musik war auf Schallplatten gepresst, Literatur wurde in Büchern gedruckt. Kopien waren zwar möglich, jedoch immer mit einem Qualitätsverlust verbunden. Durch die digitale Revolution kann man Werke ohne Qualitätsverlust in beliebiger Anzahl herstellen und verbreiten. Klassische Geschäftsmodelle, die sich durch den Verkauf von körperlichen Trägern finanzieren, sind damit in Gefahr geraten.
Digital-Rights-Management-Systeme sind der Versuch, diese freie Verfügbarkeit von Mediendateien wieder künstlich einzuschränken, um so – wie es die Medienindustrie formuliert – das Gleichgewicht wiederherzustellen.
Konzeptionelle Schwächen
Wie funktionieren diese Systeme?
DRM-Systeme versuchen, die freie Kopierbarkeit von digitalen Inhalten wie E-Books, MP3-Dateien oder Videos auf Computern oder anderen digitalen Lesegeräten einzuschränken. Hierzu werden die Daten verschlüsselt. Nur eine spezielle Abspielsoftware besitzt die Schlüssel, um die Datei wieder lesbar zu machen. Die Software prüft, ob der Nutzer oder das Gerät zum Abspielen der jeweiligen Mediendatei berechtigt ist. Diese wird somit an den Nutzer oder das Gerät gebunden und eine Weiterverbreitung erschwert.
Leider haben DRM-Systeme viele konzeptionelle Schwächen. So sind DRM-geschützte Werke stets an die Abspielsoftware eines bestimmten Herstellers gebunden. Ein Werk mit einem Kopierschutz von Apple lässt sich nie auf einem MP3-Player von Microsoft abspielen. Kunden, die sich einmal für ein DRM-System entschieden haben, bleiben somit stark an diesen Anbieter gebunden. Bei einem Wechsel des Abspielsystems könnten sie alle bisher erworbenen Werke nicht mehr abspielen. Diese sogenannten „Lock In“-Effekte verzerren den Wettbewerb.
Können solche Systeme die Rechte der Urheber schützen?
DRM-Systeme wurden und werden den Urhebern als Lösung ihrer Probleme verkauft. Die Probleme der Urheber im digitalen Zeitalter sind jedoch vielschichtiger. Ich bin sehr pessimistisch, ob DRM-Systeme diese Probleme lösen können. Meiner Ansicht nach sind sie in weiten Teilen kontraproduktiv, weil sie die Benutzbarkeit von digitalen Inhalten durch die Kunden einschränken.
Geschäftsmodelle, die auf DRM setzen, müssen immer auch mit Tauschbörsen oder dem – nach deutschem Recht zulässigen – kostenlosen Austausch von Werken in privatem Rahmen konkurrieren. Kostenpflichtige Vertriebskonzepte für digitale Inhalte werden deshalb nur dann Erfolg haben, wenn sie ein besseres Produkt als die illegale Konkurrenz anbieten. Da spielen Parameter wie Qualität, Angebotsvielfalt, Service und Verfügbarkeit eine Rolle, aber eben auch die Frage, ob die erworbenen Werke auf allen Abspielgeräten und mit jeder Abspielsoftware lauffähig sind.
Keine optimale Sicherheit
Und wie sicher ist so ein Kopierschutz?
Alle DRM-Systeme haben ein grundsätzliches Problem. Zwar kann man digitale Inhalte sicher verschlüsseln. Damit ein Kunde die erworbenen Werke jedoch abspielen kann, braucht die Abspielsoftware Zugriff auf den Schlüssel zum Öffnen des digitalen Schlosses. Zwar versuchen die Anbieter von DRM-Systemen den Zugriff auf die Schlüssel zu erschweren, indem sie diese etwa tief in der Software verstecken; dauerhaft kann ein Zugriff jedoch nie wirksam unterbunden werden. Mit anderen Worten: Jedes DRM-System hat stets alle Werkzeuge zum Brechen des Schutzes mit an Bord.
Ist ein DRM-System eines Anbieters einmal gebrochen, kann man mit diesem Wissen jedes gleichartige System ebenfalls leicht umgehen. Der Angreifer, der den Kopierschutz wirksam umgangen hat, kann ein kleines Programm zur Verfügung stellen, das diesen Eingriff auf jedem beliebigen anderen System per Klick ausführt. Im Internet heißt dieses Phänomen plakativ: „Break one lock – all are open“.
Neue Geschäftsmodelle für die digitale Welt
Wo sind solche Systeme denn dann überhaupt sinnvoll?
Über den Sinn von DRM-Systemen müssen die Anbieter selbst entscheiden. Allerdings gehe ich davon aus, dass sich in jedem Markt, auf dem Wettbewerb herrscht, letzten Endes die besseren Produkte durchsetzen können. Systeme ohne DRM oder Kopierschutz sind stets kundenfreundlicher und werden somit dauerhaft erfolgreich sein.
Es ist eine naive Vorstellung, in einer digitalen Welt Geschäftsmodelle oder Vorgänge aus der realen Welt nachzubauen. Vielmehr sollten Anbieter Geschäftsmodelle entwickeln, die auf digitale Bedürfnisse zugeschnitten sind.
Der Kopierschutz hat also Ihrer Meinung nach keine Zukunft?
Im Bereich von Musik ist Kopierschutz bereits so gut wie tot. Alle großen Anbieter haben mittlerweile auf Dateiformate ohne Kopierschutz umgestellt. Langfristig wird diese Entwicklung auch im Bereich von Filmen zu beobachten sein. Spannend wird sein, ob die Verlagsbranche aus den Fehlern der Musikindustrie lernt und mit zukunftsfähigen Geschäftsmodellen aufwartet, bevor sämtliche Marktanteile an Tauschbörsen verloren sind.
Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.
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März 2010
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