„Die neue deutsche Bibliothek ist auch ein Wohnzimmer.“ – Olaf Eigenbrodt im Gespräch


Auch im Zeitalter von Open Access ist der deutsche Bibliotheksbau nicht tot: Er setzt ganz neue Akzente. Goethe.de sprach mit dem Bibliothekssoziologen Olaf Eigenbrodt über architektonische Paukenschläge, die Rolle der Bibliothek als sozialem Ort – und über Gemütlichkeit als Qualitätsmerkmal.
Herr Eigenbrodt, momentan scheint die Strategie von Bibliotheken und Verbänden auf eine totale Digitalisierung der Bestände – und damit auf die Abschaffung der Bücherei als konkretem Ort – hinauszulaufen. Trotzdem entstehen in Deutschland weiterhin teils spektakuläre Neubauten. Warum?
Weil die Bibliothek als konkreter Raum gerade im Zeitalter der Digitalisierung wichtig ist. Nur haben sich die Akzente verschoben. Heute ist die Bibliothek kein Bücheraufbewahrungsort, sondern ein sozialer Raum, in dem sich Nutzer beim Lesen oder Surfen begegnen: ähnlich wie im Café mit WLAN, das ja auch nicht nötig, aber trotzdem beliebt ist.
Die Nachfrage nach solchen sozialen Räumen, die ja auch einen gewisse Stabilität und Identität vermitteln, steigt gerade mit der zunehmenden Digitalisierung unserer Alltagswelt.
Technik ist kein Fremdkörper
Wie schlägt sich das digitale Zeitalter architektonisch nieder?
Die moderne Architektur wissenschaftlicher Bibliotheken zum Beispiel muss darauf reagieren, dass fast jeder Nutzer heute seinen eigenen Laptop mit in die Lesesäle bringt. Die Tendenz geht hier eindeutig dahin, neben WLAN auch abwechslungsreiche und offene Arbeitsplätze bereitzustellen – wie zum Beispiel bei den „Leseterrassen“ des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums in Berlin.
Überhaupt wird Technik nicht mehr als Fremdkörper angesehen, den man, wie früher die Lesegeräte für Mikrofiches, verschämt in die Ecke stellt. Heute ist man eher bemüht, die Technik als Element in die Architektur zu integrieren – vor allem an den Technischen Universitäten wie dem IKMZ der BTU Cottbus, das durch eine ungewohnte Farb- und Formgebung gleichzeitig einen knalligen Kontrapunkt zur Technik setzt.
Wie wichtig sind dabei die Bibliotheksbauten in den neuen Bundesländern?
Sehr wichtig. Im Grunde haben hier ja alle Universitäten seit den neunziger Jahren neue Bibliotheken bekommen, die sich, zunächst stark am Vorbild Göttingen orientiert, zunehmend emanzipiert haben. Aus meiner Sicht sind in den neuen Bundesländern aber auch die kleineren Bauprojekte des wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheksbereichs herausragend, namentlich die Universitätsbibliothek in Rostock oder die 2008 eingeweihte Stadtbibliothek im ehemaligen Bahnhof von Luckenwalde mit ihrem markanten, goldglänzenden Anbau.
Der Wohlfühlfaktor ist wichtig
Welche Trends lassen sich noch beobachten?
Generell geht der Trend weg von der funktionalistischen und verwaltungszentrierten hin zur nutzerorientierten Bibliothek, die versucht, durch eine reizvolle Ästhetik ein atmosphärisches Gesamtkonzept zu verwirklichen.
Norman Fosters Philologische Bibliothek der FU Berlin mit ihrer tropfenförmigen Kuppelhülle und ihrem tageslichtdurchfluteten Innenraum ist hierfür ein schönes Beispiel. Aber auch öffentliche Bibliotheken setzen verstärkt auf den Wohlfühlfaktor.
Sie selbst haben den Begriff des „living rooms“ in die Diskussion eingeführt ...
Mir schwebt dabei eine Bibliothek vor, in der man in bequemen Sesseln sitzt und in Lounge-Bereichen lesen und arbeiten kann und die ihre Dienstleistungen mit einer Atmosphäre verknüpft, die man mit einem typisch deutschen Wort „gemütlich“ nennt.
Diese Gemütlichkeit wird heute eigentlich in allen modernen deutschen Bibliotheksbauten mitgedacht. Wichtig ist aber auch der soziale Aspekt: Die Bibliothek als Identifikations- und Treffpunkt einer Gemeinde oder eines Fachbereichs an der Hochschule.
Das leere Herz der Bücherei
Momentan schaut die Bibliothekswelt neugierig nach Stuttgart, dessen Stadtbibliothek 2011 eröffnet werden soll. Was erwarten Sie von dem neuen Bau?
Zum einen fasziniert mich die Konsequenz, mit der ein Konzept zur Rolle der Bibliothek als Lernort innerhalb der Kommune erst entwickelt wurde und jetzt baulich umgesetzt wird. Oft wird ja erst auf funktionaler Basis der Raum geplant und dann entschieden, was man mit dem Bau eigentlich machen soll.
Und dann freut mich der Mut, einfach einmal einen gigantischen Leerraum ins Zentrum der Architektur zu stellen, der radikal mit dem rein funktionalen Denken bricht und ganz stark Dinge unterstreicht, die zu den „weichen“ Faktoren des Bibliotheksbesuchs zählen, also zum Beispiel einfach „nur“ ein inspirierender Raum für die Wissensproduktion sein will.
Den „ökologischen Fußabdruck“ verringern
Welchen Herausforderungen muss sich der deutsche Bibliotheksbau im 21. Jahrhundert stellen?
Ich denke, dass das Thema ökologischer Nachhaltigkeit immer wichtiger werden wird: nicht nur beim Neubau, sondern auch bei der Sanierung. Dies ist ein Punkt, der momentan in Nordrhein-Westfalen stark diskutiert wird. Der Bibliotheksbau als Energiefresser mit seinen aufwändigen Klimaanlagen hat wohl ausgedient. Jetzt muss man versuchen, den ökologischen Fußabdruck der Bibliotheken zu vermindern. Da gibt es in Deutschland leider noch keine „ganzheitlich“ überzeugenden Konzepte.
Und dann werden sich vor allem die öffentlichen Bibliotheken dem demographischen Wandel stellen müssen: Wie muss deren Architektur für eine Gesellschaft gestaltet werden, die immer älter wird?
Der moderne Klassiker
Haben Sie unter den deutschen Neubauten eine Lieblingsbibliothek?
Mein Favorit ist eigentlich kein Neubau, sondern die bereits 1978 fertiggestellte Berliner Staatsbibliothek von Hans Scharoun an der Potsdamer Straße, die hoffentlich bald saniert wird. Denn mit dem Bau, der aus dem damaligen Trend des Funktionalismus vollkommen ausschert, ist es Scharoun gelungen, viele Dinge, die im heutigen Bibliotheksbau in Deutschland wichtig sind, vorwegzunehmen.
Die großen Räume erzeugen immer noch einen „Wow-Effekt“, und die Leselandschaft mit ihren Galerien und Durchblicken schafft eine Unmenge an Perspektiven, die auch nach 30 Jahren faszinieren. Nicht von ungefähr ist Scharouns Bau immer noch eine der beliebtesten Bibliotheken von Berlin, weil sich die Menschen hier wohlfühlen und inspirieren lassen. Das ist schon bewundernswert.
stellte die Fragen. Bis 2005 lehrte er am Institut für Buchwissenschaft der Universität Mainz. Heute leitet er ein Redaktionsbüro und arbeitet als Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) in Köln.
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April 2010
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