Bibliotheken in Deutschland – Fachdiskussion

E-Books erkämpfen sich ihren Platz in Bibliotheken nur langsam

E-Book-Plattform der Universitätsbibliothek München; © UB München E-Book-Plattform der Universitätsbibliothek München; © UB MünchenIn Deutschlands Bibliotheken fristen E-Books noch ein relatives Schattendasein. Doch mit dem stetigen Ausbau der digitalen Bibliothek und technischen Neuerungen wachsen die Chancen der elektronischen Bücher.

Am ersten Weihnachtstag 2009 wurden über die amerikanische Website amazon.com erstmals mehr E-Books als gedruckte Bücher verkauft. Solch zweifelhafter Erfolgsmeldungen aus Übersee und schicker neuer Lesegeräte zum Trotz: Das E-Book wartet in Deutschland nach wie vor auf den großen Durchbruch am Buchmarkt. Zwar wächst das Angebot an elektronischen Büchern ständig; doch selbst der größte deutsche E-Book-Dienstleister, die ciando GmbH, hat derzeit lediglich circa 35.000 Titel im Programm.

E-Books in Bibliotheken: Mangelware

Klassische Buchregale in Bibliothek; © ColourboxSo kann es nicht verwundern, dass die E-Books auch in den Bibliotheken in Deutschland eine vergleichsweise geringe Rolle spielen. Laut Deutscher Bibliotheksstatistik von 2008 machten alle elektronischen Medien – also neben E-Books unter anderem auch E-Zeitschriften, Lernsoftware oder Spiele – mit 1,4 Millionen Titeln nur gut 1,4 Prozent der gesamten Bestände der öffentlichen Bibliotheken in Deutschland aus. In den wissenschaftlichen Bibliotheken ist die Situation etwas anders. Hier wurden für 2008 deutschlandweit etwa 21 Millionen „Digitale Einzeldokumente“ gezählt. Das sind etwas mehr als neun Prozent des Gesamtbestands. Allerdings sind in dieser Kategorie neben E-Books auch digitale Hochschulschriften, Eigendigitalisate und ähnliches zusammengefasst.

„Wir haben derzeit circa 15.000 E-Books, die wir selbst gekauft oder lizenziert haben“, erklärt Volker Schallehn von der Universitätsbibliothek München. „Zudem haben wir Zugriff auf den E-Book-Pool, der als Nationallizenz zur Verfügung steht.“ Insgesamt sind dies knapp 400.000 Titel. Doch verglichen mit einem Gesamtbestand von rund 6,5 Millionen Titeln ist das immer noch sehr wenig.

E-Book-Plattform der Universitätsbibliothek München; © UB München

„Das Hauptproblem sind die fehlenden Inhalte im nicht-wissenschaftlichen Bereich“, meint Frank Daniel von der Stadtbibliothek Köln, die knapp 2.000 E-Books in ihrem Medienangebot hat. Besonders nachgefragt werden in Köln E-Books aus den Bereichen Job und Karriere, Wirtschaft und EDV. „Vor allem Ratgeberliteratur – etwa zu den Themen Lerntechniken, Lebenshilfe und Bewerbung – ist beliebt“, sagt Daniel. „Aber wir wünschen uns von den Verlagen mehr schülerrelevante Materialien, aktuelle Belletristik und Sachbuch-Bestseller.“

Zugriff ohne Öffnungszeiten

Das E-Book kann mit einer Reihe von unabweisbaren Vorteilen punkten. Seine Suchfunktionen bieten vielfältige und komfortable Nutzungsmöglichkeiten. „Unsere Nutzer begrüßen es, dass sie mit dem E-Book einen schnellen und unmittelbaren Zugriff auf benötigte Teile eines Werks haben und sie nicht länger dicke EDV-Handbücher mit sich herumschleppen müssen“, bestätigt auch Frank Daniel.

Zudem landet das E-Book unabhängig von Bibliotheksöffnungszeiten innerhalb von wenigen Minuten via Internet auf dem eigenen Rechner. Dort lässt es sich dann mit einem Webbrowser oder dem Adobe Reader lesen. Ein Digital-Rights-Management-System (DRM) sorgt dafür, dass das E-Book nach Ablauf der Leihfrist automatisch deaktiviert wird und nicht mehr geöffnet werden kann.

Notwendige technische Verbesserungen

StadtBibliothek Köln; © Südpol Redaktionsbüro/T. KösterDennoch ist das elektronische Buch nicht jedes Lesers Sache: „Viele unserer Kunden lesen weiterhin nicht gern ganze Bücher am Rechner oder einem anderen Lesegerät“, sagt Frank Daniel. Zudem seien weitere technische Verbesserungen notwendig.

„Wünschenswert wäre es, wenn die E-Books auch auf allen Lesegeräten gut gelesen werden könnten“, konkretisiert Volker Schallehn von der Universitätsbibliothek München. „Das ist heute leider noch nicht der Fall“. Auch die Suche nach E-Books müsse komfortabler werden: „Da die E-Books in aller Regel physisch nicht auf Servern der Hochschulbibliotheken liegen, sondern beim jeweiligen Anbieter des E-Books, sieht sich der Nutzer mit einer Vielzahl von Benutzeroberflächen und Rechercheinstrumenten konfrontiert. Es gibt bisher keine anbieterübergreifende Volltextsuche.“

Die Verlage sind gefordert

Für die Zukunft der E-Books ist es nach Ansicht von Frank Daniel entscheidend, „die Verlage zu überzeugen, dass sie uns ihr Hauptsortiment auch elektronisch zur Verfügung stellen und die E-Version nicht nur als Zweitverwertung betrachten.“ Volker Schallehn geht sogar noch weiter: „Die Verlage selbst sind gefordert, nicht nur das gedruckte Buch eins zu eins als E-Book anzubieten, sondern das Potenzial dieses neuen Mediums zu nutzen.“ Im Moment sei das E-Book nur eine andere Art und Weise, wie das Buch zum Leser kommt: „Dabei böte es, abgesehen von seiner Durchsuchbarkeit, genügend Raum für Innovationen, die weit über das gedruckte Buch hinausgehen.“

Auch wenn beide für die E-Books eine wichtige und wachsende Bedeutung prognostizieren: Auf die Meldung, dass die Bibliotheken in Deutschland mehr E-Books als gedruckte Bücher ausleihen, wird man wohl noch eine ganze Weile warten müssen.

Dagmar Giersberg
arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
April 2010

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