Bibliotheken in Deutschland – Fachdiskussion

Bibliothekarische Ausbildung im Wandel

Copyright: GIDeutschland hat ein vielfältiges Ausbildungssystem für Bibliothekare.

Neben der Hochschulausbildung besteht die Möglichkeit einer dreijährigen dualen Berufsausbildung zum Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste (FAMI). Beim Fachangestellten für Medien und Informationsdienste gibt es Spezialisierungsmöglichkeiten für die Fachrichtungen Archiv, Bibliothek, Information und Dokumentation, Bildagentur und Medizinische Dokumentation. Zukünftig wird es die Möglichkeit der berufsbegleitenden Fortbildung zum „Geprüften Fachwirt für Informationsdienste“ (IHK-Prüfung) geben.

Veränderungen in der Hochschulausbildung

Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa durchlaufen die Hochschulen einschneidende Strukturprozesse. Der sogenannte Bologna Prozess ist der Motor für die Reformen und Veränderungen. Das beinhaltet vor allem die Einführung von internationalen Studienabschlüssen, den Bachelor- und Masterabschlüssen, sowie die Einführung von Leistungspunkten/Credit Points. Pro Studienjahr werden in der Regel 60 Leistungspunkte vergeben, also 30 pro Semester. Für einen Leistungspunkt wird eine Arbeitsbelastung (Work Load) des Studierenden im Präsenz- und Selbststudium von 30 Stunden angenommen. Für den Bachelor-Abschluss benötigt man mindestens 180 ECTS-Punkte. Für den konsekutiven Masterabschluss sind insgesamt 300 ECTS erforderlich. Diese Punktzahl schließt die im vorherigen Studium erbrachten Punkte mit ein.

Die Bachelor- und Masterstudiengänge müssen akkreditiert werden. Aufgabe eines Akkreditierungsverfahrens ist die Gewährleistung fachlich inhaltlicher Mindeststandards und die Überprüfung der Berufsrelevanz der Abschlüsse. Die Akkreditierungsverfahren werden im Wesentlichen von fachlich oder regional ausgerichteten Akkreditierungsagenturen durchgeführt.

Ein Masterstudiengang kann entweder »stärker anwendungsorientiert« oder »stärker forschungsorientiert« ausgerichtet sein. Solche Studiengänge können als direkte Fortführung eines vorausgegangenen Bachelor- oder Diplomstudiengangs (konsekutiver Master) oder als Weiterbildungsstudiengang konzipiert werden. Für die Zulassung zu einem Weiterbildungsmaster wird eine Phase der Berufspraxis vorausgesetzt (nicht unter einem Jahr). Er ist in der Regel gebührenpflichtig. Bei Weiterbildungsmastern werden auch Teilzeitstudiengänge angeboten.
Voraussetzungen für die Zulassung zu einem Masterstudiengang sind in der Regel bestimmte Notendurchschnitte. Die Regelstudienzeit für einen Masterstudiengang dauert je nach Angebot zwischen einem und zwei Jahre. Die an Fachhochschulen erworbenen Masterabschlüsse eröffnen nach der geltenden Vereinbarung der Innenministerkonferenz vom Dezember 2007 den Zugang zum höheren Dienst.
Diese Abschlüsse verleihen dieselben Berechtigungen wie Diplom- und Magisterabschlüsse der Universitäten und gleichgestellten Hochschulen. Das bedeutet, dass damit auch eine Promotionsberechtigung erfüllt ist. Es ist zu erwarten, dass mittelfristig ein breites Master-Angebot entstehen wird.

Veränderungen in der bibliothekarisch-orientierten Hochschulausbildung

Die bibliothekarisch-orientierte Hochschulausbildung in Deutschland hat sich in den letzten Jahren institutionell und inhaltlich stark verändert. Einige Hochschulen (z. B. Bonn) wurden geschlossen bzw. mit anderen zusammengelegt (Frankfurt, Stuttgart). In Frankfurt wurde die Bibliotheksschule aufgelöst und in die Fachhochschule Darmstadt integriert. Die Hochschule für Bibliotheks- und Informationswesen in Stuttgart fusionierte mit der Fachhochschule für Druck und Medien zur „Hochschule der Medien“. Einige Fachbereiche, die früher selbständig waren, wurden mit anderen Fachbereichen bzw. zu Fakultäten zusammengelegt (Köln, Hamburg, Leipzig).

Weiterhin ist eine Diversifikation der Studiengänge festzustellen. Neben den traditionellen bibliothekarischen Studiengängen entstanden neue Studiengänge mit ähnlichen Inhalten, aber anderen Schwerpunkten, beispielsweise Informationsdesign oder Informationswirtschaft.

Die bibliothekarisch-orientierte Hochschulausbildung wird in Deutschland traditionell an Fachhochschulen durchgeführt. Zur Zeit kann man an acht Fachhochschulen und einer Universität bibliothekarisch-orientierte Studienrichtungen wählen: Daneben gibt es eine große Anzahl stärker informationswissenschaftlich ausgerichteter Studiengänge.

Die meisten Hochschulen haben bereits ihre Diplom-Studiengänge in Bachelor (BA)-Studiengänge umgewandelt oder sind dabei sie umzuwandeln. Die meisten Hochschulen haben sich für ein 6 bzw. für ein 7 semestriges BA-Studium entschieden, in dem eine Praxisphase, in der Regel von einem halben Jahr, bereits integriert ist. Nur in der Humboldt-Universität in Berlin wird ein kurzes, d.h. siebenwöchiges Praktikum, durchgeführt.
Die Inhalte der bibliothekarisch-orientierten Studiengänge orientieren sich längst nicht mehr an Institutionen, wie Öffentliche oder wissenschaftliche Bibliotheken, sondern an unterschiedlichen Handlungsfeldern. Zu den inhaltlichen Schwerpunkten zählen Informationstechnologie, Information Research, Wissensorganisation, Informations- und Medienmanagement, Public Management, Kultur- und Medienarbeit, Informationsgesellschaft und Informationsstrukturen, zielgruppenorientierte Dienstleistungen und die Vermittlung von Informationskompetenz.

Während des Studiums wird sehr viel Wert auf Projektarbeit gelegt. Es gibt meistens ein großes interdisziplinäres Projekt. In diesem Projekt werden - im Team - Themen des Berufsalltags (oft mit Kollegen aus der Berufspraxis) bearbeitet. Es sollen dadurch vor allem Schlüsselqualifikationen gefördert werden, die von den Studierenden erwartet werden, wie Teamfähigkeit, Transferfähigkeit, Flexibilität, Kreativität etc.

Konkrete Master-Angebote in Deutschland

In Deutschland sind in der Zwischenzeit unterschiedliche Master-Angebote realisiert bzw. in Planung. Die Fachhochschule Köln bietet einen Aufbaustudiengang zum „Master of Library and Information Science“ an. Dieser Studiengang nimmt zur Zeit allerdings keine Fachhochschulabsolventen auf. Dieser Master-Zusatzstudiengang wird in nächster Zeit den veränderten Rahmenbedingungen angepasst werden. Dies betrifft insbesondere die mit dem Bologna-Prozess verbundenen formalen Strukturen sowie die laufbahnrechtlichen Veränderungen in Nordrhein-Westfalen. Für diesen nicht-konsekutiven Masterstudiengang werden keine Studiengebühren erhoben, da es sich berufsrechtlich um ein notwendiges Zweitstudium handelt. Die Humboldt-Universität bietet den postgradualen Fernstudiengang „Bibliothekswissenschaft (Library and Information Science)“ an, der EUR 1250,- pro Semester kostet. Sie plant den MA-Studiengang „Bibliotheks- und Informationswissenschaft“ im Direktstudium (ab WS 08/09). Die HdM Stuttgart (seit WS 07/08) sowie die HAW Hamburg (ab WS 08/09) bieten jeweils im Wintersemester die MA-Studiengänge Bibliotheks- und Informationsmanagement an. Die FH Hannover bietet demgegenüber einen Weiterbildungsmaster Informations- und Wissensmanagement an, der als Teilzeitstudiengang konzipiert ist. Er dauert drei Semester und kostet EUR 1500,- pro Semester. Er wird nur alle 2 Jahre angeboten werden.

Neben den Masterstudiengängen gibt es in Deutschland als postgraduale Ausbildung die Möglichkeit der beamteninternen Ausbildung. Die Bayerische Bibliotheksschule in München bietet diese zweijährige verwaltungsinterne Ausbildung an, außerdem kann seit kurzem auch an der Humboldt-Universität die Referendarausbildung für den höheren Bibliotheksdienst mit Staatsexamen absolviert werden.

Arbeitsmarkt

Die Bachelor-Studiengänge bilden für verantwortliche Positionen im mittleren Management aus, so wie es bisher die Diplom-Studiengänge erfolgreich praktiziert haben. BA-Absolventen arbeiten problemorientiert, so wie es im Studium im Zusammenhang mit angewandten Forschungsvorhaben bereits häufig praktiziert worden ist. Bei den Master-Angeboten geht es um Weiterqualifizierungen für Führungsfunktionen sowie um fachliche Spezialisierungen für Bibliotheken, Kultur-, Medien- und Informationseinrichtungen. In den MA-Studiengängen werden die Studienschwerpunkte vertieft, die in den BA-Studiengängen bereits angelegt worden sind bzw. neue Spezialisierungen gelehrt. Berufsziel der MA-Absolventen ist die Übernahme von fachlichen und verantwortungsvolleren Positionen bzw. die Übernahme von Spezialaufgaben oder –projekten. Diese Projekte könnten beispielsweise im Bereich der Langzeitarchivierung oder automatischen Indexierung, Bibliothekspädagogik oder Musikinformationsmanagement oder bei der Entwicklung neuer Dienstleistungsangebote angesiedelt sein.

Prof. Dr. Ute Krauß-Leichert, Hamburg, Januar 2008
Hochschule für Angewandte Wissenschaften
- Hamburg University of Applied Sciences -
Leiterin des Departments Information
Prodekanin der Fakultät Design, Medien und Information
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