Bibliotheken in Deutschland – Fachdiskussion

Auf dem Weg zur „multikulturellen Bibliothek“ – Volker Pirsich im Gespräch

Bibliotheksnutzer mit Migrationshintergrund; © Stadtbücherei HammBibliotheksnutzer mit Migrationshintergrund; © Stadtbücherei HammEnde 2009 hat die UNESCO die Erklärung des Weltverbands der Bibliotheken (IFLA) zur Multikulturellen Bibliothek als Manifest anerkannt. Goethe.de sprach mit Volker Pirsich, IFLA-Ausschussmitglied und Direktor der Stadtbüchereien Hamm, über die Rolle der Bibliotheken für multikulturelle Bevölkerungsgruppen – und deutsche Defizite.

Volker Pirsich; © privatSeit 1986 setzt sich die International Federation of Library Associations (IFLA) dafür ein, Menschen aller Kulturen überall den Zugang zu Information und Medien in ihrer Sprache und für ihre speziellen Bedürfnisse zu ermöglichen. Hierzu hat die IFLA unter anderem eine politische Erklärung zur Multikulturellen Bibliothek herausgegeben, die die UNESCO 2009 als Manifest anerkannt hat. Im gleichen Jahr erschienen die IFLA-Richtlinien zur multikulturellen Bibliotheksarbeit in ihrer dritten überarbeiteten Auflage. Sie richten sich an die nationalen Bibliotheksverbände und die kultur- und bildungspolitischen Entscheidungsträger der Länder. Dr. Volker Pirsich, der dem Ständigen IFLA-Ausschuss der Sektion für Bibliotheksdienste für multikulturelle Bevölkerungsgruppen angehört, hat an beiden Veröffentlichungen mitgearbeitet.

Herr Pirsich, was ist das wichtigste Ziel der IFLA-Richtlinien?

Oberstes Ziel ist es, dass multikulturelle Bibliotheksdienstleistungen als selbstverständliche Bibliotheksdienstleistungen anerkannt werden. Dazu ist es nötig, dass man bei der Auswahl, Erschließung und Vermittlung der Bestände, aber auch bei der Zielgruppenarbeit bis hin zu speziellen Veranstaltungen in Bibliotheken für fremdsprachliche Kunden jene Dienstleistungen anbietet, die man auch für muttersprachliche Kunden vorhält – und zwar proportional zu den Bevölkerungsgruppen innerhalb der Kommune oder der Region. Davon sind wir in Deutschland noch meilenweit entfernt.

Vorbild Kanada und Skandinavien

Ist das in anderen Ländern anders?

Logo der IFLA; © IFLAJa – zumindest in Ländern, die sich noch klarer als Einwanderungsländer verstehen. In Kanada etwa sind die Bibliotheken für Neubürger die allererste Anlaufstelle für Materialien oder Kurse, um Englisch zu lernen. Auch bei unserem erklärten Ziel, für Menschen mit Migrationshintergrund zwei Medien pro Kopf in ihrer Sprache bereitzustellen, sind Kanada, Australien und Neuseeland oder die skandinavischen Staaten viel weiter vorangeschritten.

Was wurde neu in die überarbeiteten IFLA-Richtlinien aufgenommen?

Eine ganze Menge. Neu ist hinsichtlich der neuen Technologien zum Beispiel die Forderung, in den Katalogen nicht mehr mit transkribierten, sondern mit originalschriftlichen Einträgen in unicode-basierten Bibliotheksinformationssystemen zu arbeiten: Nur die sind für die Zielgruppe lesbar und verständlich. Zudem fordern wir mehrsprachige Websites auf lokaler Ebene, die den Informationsbedarf der Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern abdecken.

Langsam wachsende Bedeutung

Wie werden die Richtlinien von deutschen Bibliotheken umgesetzt?

Mutter und Tochter lesen; © Stadtbibliothek NürnbergLangsam, aber langsam wachsend. Das hat sicher damit zu tun, dass die Bedeutung von Bildung und selbst organisiertem Lernen mit Unterstützung von Bibliotheken inzwischen deutlicher gesehen wird. Für Materialien in allen Sprachen und für Deutsch als Zweitsprache sind wir eben die genuinen Ansprechpartner. Das ist inzwischen überall angekommen.

Wo liegen dabei die Schwierigkeiten?

Alphabetisierungskurs in die Gallusbibliothek; © Stadtbücherei Frankfurt am MainEine Schwierigkeit sind die relativ schlechten Finanzen der Kommunen. Für inter- oder multikulturelle Bibliotheksarbeit ist eben neues Personal erforderlich. Es reicht nicht, die Bestände zur Verfügung zu stellen und die Leute in die Bibliotheken zu locken.

Hinzu kommt, dass die verschiedenen Migrantengruppen ganz unterschiedliche Lese- und Bibliotheksgewohnheiten haben. So hat die Gruppe der Russlanddeutschen in Deutschland eine viel höhere Lese- und Bibliotheksbindung als die Gruppe, die aus der Türkei nach Deutschland gekommen ist. Letztere muss man in Sachen Bibliotheksnutzung viel stärker motivieren. Und ausgerechnet Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit türkischem oder arabischem Hintergrund sind rar ...

Die Bibliothek als Integrationsfaktor

Gibt es denn trotzdem „Pioniere“, die erfolgreich interkulturelle Bibliotheksarbeit praktizieren?

Stadtbücherei Hamm; © Stadtbücherei HammJa. Dazu gehört Berlin, wo man jetzt eine Broschüre über die Bibliothek als Integrationsfaktor herausgebracht hat – für mich eine ganz wegweisende Veröffentlichung. In Frankfurt etwa leistet die Gallusbibliothek seit vielen Jahren herausragende Arbeit, zum Beispiel mit einer fast sprachfreien „Gebrauchseinweisung“ für die Bibliothek, die die Schwellenangst zur Nutzung verringert. Auch Nürnberg leistet eine großartige Arbeit bei Bestandsaufbau und -vermittlung. Aber die anderen Bibliotheken ziehen langsam nach.

„Herkunftsnähe“ ist wichtig

Sie sind Direktor der Stadtbüchereien von Hamm, von deren 180.000 Einwohnern rund 27 Prozent einen Migrationshintergrund haben. Wie setzen Sie das interkulturelle Konzept um?

Lesetüten der Stadtbücherei Hamm; © Stadtbücherei HammWir versuchen unter anderem, freiwillige Helfer aus den in der Stadt vertretenen Nationalitäten zu gewinnen. Es ist von kaum zu überschätzender Bedeutung, jemanden in der Bibliothek zu haben, der in Aussehen, Gestik, Mimik und Sprache Herkunftsnähe vermittelt.

Wichtig war auch, dass wir den Standort der Zentralbibliothek aus einem Stadtteil mit stark deutschstämmiger Umgebung ins Stadtzentrum verlegen konnten. Das hat ganz eindeutig dazu geführt, dass mehr Menschen mit Zuwanderungsgeschichte zu uns finden.

Cover von „Seitenweise Hamm“; © Stadtbücherei HammAber gute interkulturelle Bibliotheksarbeit muss meines Erachtens immer auch über den eigentlichen Bibliotheksrahmen hinausgreifen. So habe ich 2009 ein Buch herausgegeben, in dem Hammer Bürger aus 40 Ländern schildern, wie sie nach Deutschland gekommen sind. Und in diesem Jahr machen wir eine Podiumsdiskussion zum Thema „Mein erster Tag in Deutschland“.

Was muss in Deutschland noch geleistet werden, um den von der IFLA formulierten Zielen näher zu kommen?

Das kann man in drei Forderungen zusammenfassen: Mehr Zeit, mehr Geld, mehr Energie.

Unter www.interkulturellebibliothek.de gibt es in Deutschland seit 2008 eine Plattform zur interkulturellen Bibliotheksarbeit, die Bibliothekaren und Bibliothekarinnen Materialien, Beispiele aus der Praxis, Konzepte und Hintergrundinformationen bietet.
Christiane Barchfeld
führte das Gespräch. Sie arbeitet als Redakteurin und Autorin in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2010

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