Bibliotheken und Verlage: Konfrontation statt Teamwork? Monika Ziller im Interview
Wenngleich Bibliotheken und Verlage dasselbe Ziel verfolgen – die Versorgung mit Information –, ist ihr Verhältnis bisweilen sehr gespannt. Monika Ziller vom Deutschen Bibliotheksverband und Dr. Christian Sprang vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels nehmen Stellung.
Frau Ziller, wie würden Sie das Verhältnis zwischen Verlagen und Bibliotheken beschreiben?
Traditionell war das Verhältnis von einer guten Partnerschaft geprägt. Verlage haben sich früher auch ausdrücklich als Förderer von Bibliotheken verstanden. Die deutsche Nationalbibliothek, ursprünglich eine Stiftung des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, ist dafür ein bis heute bestehendes Beispiel.
Leider ist der Umgang in den letzten Jahren erheblich rauer geworden. Besonders bedauerlich finde ich, dass das Verhältnis immer stärker von juristischen Fragen dominiert ist.
Bibliotheken gehen gern neue Wege
Was sind die zentralen Konfliktpunkte?
Nach meinem Eindruck fühlen sich Verlage viel stärker als Bibliotheken durch die Neuordnung der digitalen Lesewelt verunsichert. Während Bibliotheken gerne neue Wege beschreiten möchten, nehmen wir bei vielen Verlagen eher ein Festhalten an veralteten Geschäftsmodellen wahr.
Hierfür nur ein Beispiel: Die Bibliotheken halten es für sehr wichtig, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler möglichst schnell, einfach und günstig an die Informationen kommen, die sie für ihre Forschung brauchen. Daher haben wir schon früh gefordert, dass die bibliothekarische Fernleihe auch elektronisch möglich sein muss. Die Verlage haben dagegen, auch auf dem Rechtsweg, immer wieder versucht, einen elektronischen Versand zu verhindern und auf althergebrachten Papierkopien bestanden. Zum Glück hat der Gesetzgeber schließlich den Bibliotheken überwiegend Recht gegeben und den Versand per E-Mail als Regelfall ausdrücklich erlaubt.
Bibliotheken als verlässliche Partner
Sind die Interessen von Verlagen und Bibliotheken aus Ihrer Sicht eigentlich sehr unterschiedlich?
Ja und nein. Sicher gibt es gemeinsame Interessengebiete, etwa die Beibehaltung des reduzierten Mehrwertsteuersatzes für Bücher und Zeitschriften. Verlage und Bibliotheken haben sich traditionell auch als wichtige Bildungsträger mit einem gemeinsamen kulturellen Auftrag verstanden.
Inzwischen dominieren aber wenige hoch profitable Großverlage die Verlagsbranche und gemeinsame Werte wie „Kultur“ und „Bildung“ treten hinter „Profit“ und „Rendite“ zurück. Wenn man sich die Vertragsbedingungen von bestimmten Verlagen ansieht, bekommt man den Eindruck, Bibliotheken würden weniger als vertrauenswürdige Partner, denn als dankbare Melkkühe gesehen.
Wie würden Sie sich das Verhältnis wünschen?
Die Verlage sollten sich wieder klar machen, was sie an den Bibliotheken haben, nämlich verlässliche Partner. Gerade im wissenschaftlichen Bereich haben Bibliotheken eine für die Verlage ganz entscheidend wichtige Funktion. Sie vermitteln nämlich zwischen den Interessen der Wissenschaftler auf möglichst ungehinderten Informationszugang und denen der Verlage auf eine angemessene Vergütung. Wenn Verlage fortfahren, Bibliotheken zu schwächen, indem sie moderne Angebote ausbremsen oder verhindern, schwächen sie einen wichtigen Verbündeten bei der Durchsetzung ihrer eigenen Rechtspositionen.
Wünschenswert wäre, dass Verlage die Bibliotheken als wichtige Gesprächspartner wiederentdecken. Dann könnte man gemeinsam die Lösungen für neue Probleme suchen, zum Beispiel bei der Bereitstellung von elektronischen Lehrbüchern.
Gesetzliche Korrektive gefordert
Sind Ihrer Meinung nach Verträge eine Lösung, die die Nutzungsrechte konkret auf die Bedürfnisse der Bibliotheken zuschneiden oder die Zugriffsrechte für bestimmte Nutzergruppen genauer festlegen?
Ich bin da skeptisch. Selbstverständlich werden Bibliotheken auch in Zukunft Medien kaufen und Datenbanken oder E-Books von Verlagen lizenzieren. Das sind Vertragsverhältnisse, die ja auch in vielen Fällen gut funktionieren. Je besser diese Verträge auf die spezifischen Bedürfnisse der jeweiligen Bibliothek zugeschnitten sind, desto erfreulicher.
In der politischen Diskussion wird von Verlegerseite gerne behauptet, man bräuchte gar keine Ausnahmen zu Gunsten von Wissenschaft, Forschung und auch Bibliotheken, weil sich doch alles viel flexibler vertraglich regeln ließe. Leider entspricht dies nicht unseren Erfahrungen. Der Verhandlungsspielraum der Verlage wurde durch die besondere Rechtslage bei digitalen Publikationen einseitig gestärkt. Als Folge davon kostet die Bibliothek ein E-Book für den Verleih in der Regel deutlich mehr als das gleiche Buch gedruckt. Hier sind eigentlich gesetzliche Korrektive dringend nötig, nicht aber eine Ausweitung der Verhandlungsmacht.
Vertragsverhältnisse setzen so etwas wie ein Gleichgewicht voraus. Tatsächlich ist das Kräfteverhältnis aber absolut einseitig zu Gunsten der Verlage. Das beginnt schon damit, dass die wenigsten Bibliotheken über eigene Juristen verfügen. Die zur Unterschrift vorgelegten Verträge sind aber so komplex, dass sie von der jeweiligen Bibliothekarin oder dem jeweiligen Bibliothekar gar nicht mehr durchschaut werden können. Es gibt Beispiele, in denen Bibliotheken dazu gebracht werden, für Dinge zu zahlen, die sie bereits per Gesetz dürfen – etwa die Anzeige an elektronischen Leseplätzen.
Trotzdem sollten Verlage und Bibliotheken einmal darüber nachdenken, ob man nicht für bestimmte Konstellationen Musterverträge aushandeln könnte, auf die sich Bibliotheken dann berufen könnten.
Gibt es aus Ihrer Sicht positive Beispiele der Zusammenarbeit?
Es gibt einige wenige. Als die Universitätsbibliothek Konstanz ganz plötzlich wegen Asbest geschlossen werden musste, haben eine Reihe von Verlagen ihre Datenbanken kostenlos freigeschaltet, damit der wissenschaftliche Betrieb zumindest notdürftig weitergehen konnte.
Die Bibliotheken wünschen sich mehr Partnerschaft und Zusammenarbeit, mehr gemeinsame Entwicklung, mehr gemeinsame Aktivitäten für die Zukunft des Lesens, des Buches und der Wissenschaft.
stellte die Fragen. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2011
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de












