Bibliotheken in Deutschland – Fachdiskussion

„Der Höhepunkt meiner Karriere“ – Ellen Tise im Gespräch

Ellen Tise © IFLAEllen Tise war von 2009 bis 2011 Präsidentin des Weltverbands der Bibliotheken (IFLA). Im Gespräch mit Goethe.de zieht die Direktorin der Bibliotheks- und Informationsdienste an der Universität von Stellenbosch in Südafrika ihre Bilanz.

Frau Tise, wie würden Sie die Zeit Ihrer IFLA-Präsidentschaft beschreiben?

Ich bin sicher, dass alle Präsidenten auf diese Frage immer ähnlich geantwortet haben und ähnlich antworten werden und wahrscheinlich ist es schon ein Stereotyp, aber dennoch kann ich diese Zeit nicht anders als inspirierend, erfüllend und als den Höhepunkt meiner Karriere beschreiben. Ich habe sehr viel von meinen Kollegen weltweit gelernt, bin nun noch stolzer auf den Berufsstand der Bibliothekare und mir ist noch klarer geworden, von welch grundlegender Bedeutung es ist, Zugang zu Informationen zu ermöglichen und welch enorme Auswirkung dies auf die Entwicklung der Gesellschaft hat.

Die IFLA als weltweite Stimme der Bibliothekare

Was haben Sie erreicht?

Das ist schwer zu beantworten, denn Eigenlob stinkt bekanntlich, aber ich denke, dass ich es geschafft habe, das Profil der IFLA zu schärfen und die Bibliotheks- und Informationsberufe in der internationalen Wahrnehmung aufzuwerten. Und ich habe geholfen, das neue Selbstbild der IFLA zu festigen, die sich als vertrauenswürdige, weltweite Stimme der Bibliothekare sieht.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Ich bin stolz, im Zuge des neuen strategischen Plans eine mehr integrative Agenda durchgesetzt und dadurch die Zusammenarbeit mit Nicht-Regierungs-Organisationen gefestigt zu haben.

Schlüsselrolle bei der Förderung des Open Access

Was betrachten Sie als Ihren persönlichen Höhepunkt?

Dass die IFLA bei der Förderung des Open Access eine Schlüsselrolle übernommen hat. Als persönlichen Höhepunkt empfinde ich die Stellungnahme der IFLA zum Open Access und die Unterzeichnung der Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen im November 2011.

Warum ist es Ihnen so wichtig, Open Access zu fördern?

Weil wir wissen, dass sich infolge der finanziellen beziehungsweise ökonomischen Krise viele Bibliotheken – auch in den Industrieländern – den Zugang zu Informationsquellen oft nicht mehr leisten können. In manchen Entwicklungsländern haben Wissenschaftler aufgrund von Lizenz- oder Urheberrechtsbeschränkungen selbst zu ihren eigenen Publikationen keinen Zugang mehr. In vielen Ländern hemmt dieser beschränkte Zugriff Innovation und Entwicklung. Darum ist es wichtig, Open Access als grundlegendes und für alle geltendes Menschenrecht zu fördern.

Die demokratischste öffentliche Institution weltweit

Haben Sie es geschafft, die Anzahl der IFLA-Mitgliedschaften in den Ländern, die bisher in der IFLA nicht aktiv waren, zu erhöhen?

Ja, ich kann Ihnen kein bestimmtes Land nennen, aber ich habe mehrere Länder als erste IFLA-Präsidentin besucht und fast alle haben Interesse bekundet, der IFLA beizutreten und dort aktiv zu werden.

Das Motto Ihrer Präsidentschaft lautete: „Bibliotheken schaffen Zugang zu Wissen.“ Sind Bibliotheken heute als Wissensinstitutionen anerkannt?

Nicht so sehr wie in der Vergangenheit. Der Hauptgrund hierfür ist, dass es viele andere Informationsvermittler gibt, die für sich beanspruchen, Zugang zu Wissen zu verschaffen, und in manchen Fällen tun sie dies vielleicht sogar besser als Bibliotheken.

Trotzdem denke ich, dass diese Auffassung im Wandel begriffen ist. Auch wenn Bibliotheken nicht die einzige Wissensinstitution sind, so sind sie doch die einzige Institution, die sowohl Wissen der Vergangenheit als auch der Gegenwart und der Zukunft sammelt und für zukünftige Generationen bewahrt. Das Bibliothekswesen ist auch die einzige Institution, die der Öffentlichkeit kostenlosen Zugang zu Informationen bietet und somit bleibt es die demokratischste öffentliche Institution weltweit.

Bibliotheken als Wissensproduzenten

Sie wollten, dass Bibliotheken neue Aufgaben und Rollen übernehmen, so zum Beispiel, Wissen selbst zu schaffen. Ist dies für Sie immer noch ein wichtiges Ziel?

Ich sehe es jetzt eher als eine Chance für Bibliotheken. Für viele ist es eine große Herausforderung, aber einige Bibliotheken haben diese Rolle schon übernommen. An meiner Heimat-Institution, der Stellenbosch-Universität in Südafrika, hat die Bibliothek beispielsweise eine Führungsrolle auf diesem Gebiet übernommen. Im Oktober 2011 haben wir die Publikation von acht Open-Access-Zeitschriften begonnen, die von den Instituten der Universität herausgegeben werden. Auf diese Weise trägt die Bibliothek zur Wissensproduktion und Wissensverbreitung bei.

Was wünschen Sie Ihrer Nachfolgerin, Ingrid Parent?

Während der beiden Jahre meiner IFLA-Präsidentschaft hatte ich das Vergnügen, sehr intensiv mit Ingrid Parent als designierter Präsidentin zusammenzuarbeiten. Ich habe die Hoffnung, dass Ingrid Parent die IFLA als globale Stimme der Bibliotheken stärken wird. Mit dem Motto ihrer Präsidentschaft drückt sie aus, dass sie die internationale Gemeinschaft der Bibliotheken fördern und sich für ihre wichtige Rolle in der heutigen Wissensgesellschaft einsetzen will.

„Bibliotheken – Kräfte des Wandels“ lautet das Motto der Präsidentschaft von Ingrid Parent. Worin besteht für Sie die Kraft der Bibliotheken?

Im Glauben daran, dass jeder Mensch das Recht hat, sich Informationen zu verschaffen und in der Garantie, dass nichts und niemand einem Menschen den Zugang zu Informationen verwehrt.

Dagmar Giersberg
führte das Gespräch. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Übersetzung: Sanja Köster
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2012

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