Bibliotheken in Deutschland – Modellprojekte

„Die Virtuelle Stadtbücherei ist kein Selbstläufer“

Copyright: Stadtbibliothek Würzburg Hannelore Vogt; Copyright: Stadtbibliothek WürzburgImmer mehr Öffentliche Bibliotheken bieten ihren Nutzern die Online-Ausleihe digitaler Medien an. Ein Vorreiter auf diesem Gebiet war die Stadtbücherei Würzburg. Ihre Leiterin Dr. Hannelore Vogt zieht im Gespräch eine erste Bilanz.

Frau Vogt, seit wann gibt es das Angebot Virtuelle Stadtbücherei bei Ihnen?

Die Stadtbücherei Würzburg war als Pilotanwender maßgeblich mit in die Planung der DiViBib – also der Digitalen Virtuellen Bibliothek – involviert. Die ersten Treffen über die Gestaltung einer Virtuellen Bücherei gab es seit 2006. Im Mai 2007 wurde die Virtuelle Stadtbücherei Würzburg online-geschaltet. Sie war damals die erste Online-Bibliothek Europas.

Wie wird die Virtuelle Stadtbücherei von den Nutzern angenommen?

Die Nutzung dieses Services entspricht unseren Erwartungen, liegt aber natürlich weit hinter der traditionellen Bibliotheksausleihe. Das liegt zum einen am kleinen Angebot von Titeln, zum anderen an Hemmschwellen der Kunden, virtuelle Angebote auszutesten.

Eine weitere Problematik ist die Übernahme der Titel in den Katalog der Bibliothek – die beste Werbequelle für elektronische Titel. Momentan erfolgt dies noch über eine manuelle Verknüpfung.

Wie hat sich die Nutzung von Beginn bis jetzt entwickelt?

Copyright: Stadtbibliothek WürzburgDie Nutzung beläuft sich auf etwa 15.000 Medien im Jahr. Was sich im letzten Jahr sehr deutlich gezeigt hat: Die Virtuelle Stadtbücherei ist kein Selbstläufer. Nach jeder Werbung oder PR-Aktion ist ein starker Anstieg an Nutzern zu verzeichnen. Eine konstante Bewerbung des Angebotes – auch auf bibliotheksunkonventionellem Wege – ist Pflicht. Wir tun dies durch Aktionsstände an der Universität und auf Messen, durch Postkarten in Kneipen oder Werbung in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Wer nutzt das Angebot vorwiegend?

Da die Virtuelle Stadtbücherei Würzburg einen Schwerpunkt auf berufliche Aus- und Weiterbildung sowie Schülerhilfen gelegt hat, ist alleine durch die Titelauswahl eine gewisse Nutzerschicht vorgegeben.

Allerdings wird die Onleihe inzwischen von allen Altersschichten genutzt, da es auch einen Großteil an E-Musik, Reise- und Sachvideos und Ratgebern zu allen Lebenslagen gibt.

Gibt es Stoßzeiten der Nutzung?

Erfreulicherweise zieht hier das Modell einer 24-Stunden-Bibliothek recht gut. In den Abendstunden sind zwar Spitzen zu verzeichnen, aber Ausleihen finden rund um die Uhr statt – auch um 3 Uhr gibt es einige Nachtschwärmer, die noch auf der Suche nach Lektüre sind.

Wie sind die Rückmeldungen der Nutzer?

Copyright: Stadtbibliothek WürzburgIn den ersten beiden Wochen hatten wir ein sehr großes Pensum an Benutzeranfragen – was allerdings bei jedem neu eingeführtem Angebot zu erwarten ist. Die Anfragen waren in der Regel simple Bedienanfragen, die von zwei Kollegen im Haus telefonisch bearbeitet wurden.

Darauf wurde die Hilfefunktion durch eine Guided-Tour in Form eines Videoclips erweitert, die die Basisfunktionen der Virtuellen Stadtbücherei erklärt.

Äußern die Nutzer Wünsche?

Direkte Kundenwünsche für Änderungen des Angebotes gab es in Würzburg keine. Es gibt eine generelle Diskussion über die Abschaffung des Digital-Rights-Management-Systems in der Onleihe, was allerdings beim derzeitigen Stand der Technik nicht zu realisieren wäre.

Gibt es Probleme mit der Technik?

Die Funktionen der Onleihe laufen weitgehend fehlerfrei. Ausfälle des Systems sind in einem Jahr Betrieb auch nicht vorgekommen. Problematischer läuft, wie erwähnt, die Übernahme der Datensätze in das Bibliothekssystem. Auch die Benutzerabfrage – hat der Kunde einen gültigen Ausweis oder ist dieser bereits abgelaufen? – läuft nicht einwandfrei.

Welche Angebote sind besonders gefragt?

Copyright: Stadtbibliothek WürzburgSehr gut gehen alle E-Audio-Dateien, Hörbücher sowie Musik. Der Grund hierfür könnte die weite Verbreitung von MP3-Playern sein, da eine Übertragung auf weitere Geräte vom PC möglich ist.
Wir erhoffen einen ebenso großen Schub für E-Books, wenn sich der Geräte-Markt weiterentwickelt – wie zum Beispiel gerade in den USA mit dem Amazon-E-Book-Reader Kindle.

Haben Sie als Bibliothek eigentlich Einfluss auf die Auswahl der Medien in der Onleihe?

Das Titelangebot der DiViBib ist kontinuierlich ansteigend, allerdings ist nur ein kleiner Teil des Medienmarktes abgedeckt. Bei den Titeln im Angebot der DiViBib hat die Bibliothek Zugriff auf einen Medienshop, der ähnlich aufgebaut ist wie Amazon – eine einfache Auswahl an Titeln, mit Warenkorb-Funktion und voller Kostenkontrolle.

Was wünschen Sie sich für das Medienangebot?

In Zukunft wünschen wir uns auf alle Fälle mehr Zeitschriften und Tageszeitungen im Angebot. Auch die Anzahl der Hörbücher muss erhöht werden.

Und was wünschen Sie der Onleihe insgesamt?

Eine breitere Akzeptanz oder eine größere Neugier der Bibliotheksnutzer auf neue Angebote. Außerdem wünsche ich mir einen stark wachsenden Markt für einfache und gut bedienbare Endgeräten für das E-Book. Es soll einfach Spaß machen, diese Geräte zu bedienen – das ist ein einfacher Erfolgsgarant, den uns die Firma Apple gerade mit dem I-Pod und dem I-Phone vorgeführt hat.

Die Fragen stellte Dagmar Giersberg.
Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn

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August 2008

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