Ein Bibliothekar als Senior-Experte im Ausland

Seit 2002 ist Harald Lode im Ruhestand. Seither ist der ehemalige Bibliothekar immer wieder im Ausland im Einsatz, um seine Erfahrungen weiterzugeben.
Herr Lode, wie sind Sie darauf gekommen, als Senior-Experte tätig zu werden?
Ich war 2001 unterwegs im Libanon. Dort habe ich mitbekommen, dass an einer Schule Senioren tätig waren, die eine handwerkliche Ausbildung nach deutschem Muster vermittelt haben. Das hat mich sehr interessiert und dann habe ich erfahren, dass der Senior Experten Service solche Austauschmöglichkeiten organisiert. Als ich 2002 in den Ruhestand gegangen bin, habe ich mich beim SES gemeldet.
Was hat Sie dazu motiviert?
Ich will noch etwas Sinnvolles tun im Alter – und vor allem Erfahrungen nicht einfach vergessen, sondern wieder neu beleben.
Sie haben dann zunächst in Litauen und Lettland zwei Projekte im Bereich Buchhandel betreut …
Ja, ich war jeweils 14 Tage vor Ort – mit einem ziemlich dicht gedrängten Programm. Ich hatte vor meinem 30-jährigen Berufsleben als Bibliothekar auch als Buchhändler gearbeitet. Darum hat man mir diese Projekte angetragen.
Und Ihr erstes Bibliotheksprojekt?
Das war in Äthiopien. Ich war zuletzt an der Bibliothek der Fachhochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen tätig. Eine Kollegin hatte von der GTZ – der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit – die Anfrage bekommen, in Äthiopien eine Bibliothek zu evaluieren. Sie musste aus privaten Gründen absagen und hat mich vorgeschlagen.
Wie ist der Aufenthalt verlaufen?
Bei meinem einwöchigen Aufenthalt in Addis Abeba hat mich ein Mitarbeiter der GTZ, der aus Äthiopien stammte, begleitet. Er hat Dolmetscherdienste geleistet und kannte die Leute vor Ort – was vieles sehr beschleunigt hat.
Was waren Ihre Aufgaben?
Eine Polizeiakademie sollte als College ausgebaut werden. Die Akademie lag etwa 50 km von der Hauptstadt entfernt. Der Leiter der Einrichtung war vorher ein halbes Jahr in Rheinland-Pfalz gewesen und von Deutschland sehr begeistert. Er wollte wissenschaftliche Lehrmethoden einführen – und zu dem Zwecke musste die Bibliothek völlig erneuert werden.
Was bedeutete das konkret?
Die neuesten Bücher, die ich dort vorfand, waren sieben Jahre alt. Überhaupt war der Hauptbestand völlig veraltet und die Auswahl hatte keine wissenschaftliche Basis. Die äthiopischen Sprachen dominierten den Bestand stark. Ich habe vorgeschlagen, dass Ganze vor allem auf englischer Sprache aufzubauen und aktuelle Literatur zu beschaffen, die international halbwegs anerkannt ist. Wir haben zusammen Listen erstellt.
Außerdem haben wir uns Gedanken über die Internetnutzung gemacht. Im Keller des Gebäudes standen PCs – seit drei Jahren unbenutzt. Es stellte sich raus, dass es zwischen der Hauptstadt und dem College eine Funkstrecke gab, die man auch für den Zugang zum Internet nutzen konnte. Es kam vieles sehr schnell in Bewegung.
Die GTZ hatte Mittel für einen Anfangsbestand von knapp 1000 Büchern bereitgestellt. Sie zu beschaffen war kompliziert. Der einheimische Buchhandel verlangte horrende Preise. Schließlich haben wir eine Buchhandlung in Frankfurt beauftragt.
Und das alles in einer Woche?
Ja, mir kam es auch abenteuerlich vor. Aber wir haben noch einiges nachbereitet. Ich habe zum Beispiel in Deutschland die Vergleichsrechnung für die Buchpreise angestellt. Und es kamen auch nach meinem Aufenthalt noch einige organisatorische Fragen. Aber das Wichtigste haben wir in dieser Woche geschafft.
Die Leute vor Ort hatten sogar die Vorstellung, man könnte das Ganze in drei Tagen abwickeln. Da habe ich widersprochen. Schließlich muss ich ja erst die Leute kennenlernen, mit ihnen warm werden und einschätzen, was sie können und was nicht, bevor ich irgendwelche Ratschläge gebe. Ich bin ja kein lebender Computer, der auf Knopfdruck geniale Ideen ausspuckt.
Wurde Ihr Einsatz entlohnt?
Ja, für das GTZ-Projekt habe ich ein Honorar bekommen. Für die SES-Einsätze bekommt man lediglich ein Taschengeld und die Unkosten werden natürlich erstattet.
Sie waren auch in Belgrad im Einsatz – über den SES …
Ja. Ich habe die Bücherei an einer deutschen Schule aktualisiert, modernisiert und neu organisiert. Wir haben die Bücher nach einer neuen Systematik aufgestellt und dann Bibliotheksführungen mit den Lehrern und Schulklassen veranstaltet.
Welche Bereiche Ihres Erfahrungsschatzes waren bei den bisherigen Einsätzen besonders gefragt?
Was immer wieder wie ein roter Faden durchzog, war das Thema EDV. Man wollte die neueste Technik haben. Ich habe diese Erwartungen immer etwas herunterschrauben müssen. Der EDV-Einsatz lohnt sich meiner Meinung nach nur bei qualitativ gut eingerichteten Bibliotheken mit bestimmten wissenschaftlichen Ansprüchen – etwa für die bessere Erschließung des Inhalts der Bücher. Aber für die reine Verwaltung, die Ausleihe oder den Katalog reicht eine konventionelle Datenbank. Dafür braucht man keine besondere und teuere Technik.
Welche Aufgabe würde Sie noch reizen?
Ich habe da keine exakte Vision. Am liebsten würde ich mal eine Bibliothek von Anfang an aufbauen – über Wochen und Monate, zusammen mit einem Partner, der schon eine gewisse bibliothekarische Erfahrung mitbringt.
Was braucht man an Voraussetzungen für eine Tätigkeit als Senior-Experte?
Die wichtigste Voraussetzung sind gute Englischkenntnisse. Wichtig ist daneben, sich schon vorher in Deutschland auf das Projekt vorzubereiten. Man sollte Erkundigungen darüber einziehen, was von einem erwartet wird. Und dann sollte man den Leuten vor Ort realistisch mitteilen, was man kann und was nicht. Diese Vorbereitung erspart etliche Enttäuschungen auf beiden Seiten.
Was haben Sie als die größte Herausforderung empfunden?
Es ist schwierig, in so kurzer Zeit Vertrauen zu schaffen. Und ob das gelingt, hängt schlicht von den Leuten ab, die miteinander zu tun haben.
Wo würden Sie gern noch arbeiten?
Oh, es gäbe da schon einige Länder, die mich reizen würden. China oder der Iran. Auch nach Äthiopien würde ich gern ein zweites Mal gehen. Es hat mir dort gut gefallen.
Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.
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November 2008










