Integration online: Die interkulturelle Bibliothek

Wer als Bibliothekarin oder Bibliothekar nach Lernhilfen für Migranten in deren Muttersprache, nach Informationen über das Leben in der neuen Heimat Deutschland oder nach fremdsprachiger Literatur sucht, wird nun schneller fündig: dank eines neuen interkulturellen Webportals des Deutschen Bibliotheksverbands (dbv).
Deutschland ist ein Land der vielen Sprachen. Fast jeder fünfte Bewohner hat Migrationserfahrung oder stammt von Zuwanderern ab. Bibliotheken können da wichtige Integrationsarbeit leisten. Immer mehr von ihnen wollen „interkulturelle“ Dienstleistungen bieten: mit einem vielsprachigen Buchbestand, aber auch mit anderen multilingualen Angeboten.
Integration braucht Bücher
Damit Menschen mit Migrationshintergrund aber zu echten, sprich: regelmäßigen Bibliotheksbenutzern werden können, müssen erst einmal Schwellenängste abgebaut werden. Dabei helfen spezifische Bibliotheksführungen, zweisprachiges Bibliothekspersonal, Recherche-PCs mit mehrschriftlichen Codierungen etwa in Kyrillisch – und ein entsprechender Auftritt im Internet, der Bibliothekaren eine Art Werkzeugkasten für die Arbeit mit Migranten bietet.
Um diesem Anspruch gerecht werden zu können, hat eine spezielle Expertengruppe im Deutschen Bibliotheksverband (dbv) ein neues Webportal erarbeitet, das jetzt unter dem Namen „Interkulturelle Bibliothek“ freigeschaltet wurde. Mit ihm steht im Internet erstmals in Deutschland eine Plattform zur Verfügung, die sowohl der fachspezifischen Kommunikation dient als auch wichtige Hilfestellungen im Alltagsgeschäft der Bibliotheken leistet. „Mit dem Webportal reihen wir uns ein in die noch kleine Zahl von nationalen oder regionalen Bibliotheksverbänden, die sowohl den Bibliotheksfachleuten als auch Sprechern unterschiedlichster Muttersprachen den Zugang zu Informationen und Medien in einer großen Zahl von Sprachen ermöglichen“, sagt Volker Pirsich, Leiter der 2006 eingesetzten Expertengruppe, die für die Umsetzung verantwortlich war. Das Ergebnis macht ihn „froh und stolz“.
Sprungbrett zur Alltagspraxis
Auf „Sprungbrettern“ für mehr als 20 Sprachen bietet die Interkulturelle Bibliothek Nachweise fremdsprachiger Bestände in öffentlichen deutschen Bibliotheken sowie Links zu Texten für die bibliothekarische Arbeit, zu multilingualen Glossaren und Online-Wörterbüchern, zu mehrsprachigen Online-Auskunftsdiensten und anderen Informationsportalen. Die bibliotheksfachliche Ebene umfasst Texte und Links zu Integrationskonzepten, Fachliteratur, Fachforen, Organisationen und Verbänden sowie Praxisbeispiele aus anderen Bibliotheken im In- und Ausland. Dabei wird auf die Themenbereiche „Leben in Deutschland“, „Lese- und Sprachförderung“ und „Gesundheit“ besonderer Wert gelegt, weil Informationen und Quelltexte zu diesen Themen erfahrungsgemäß besonders häufig nachgefragt werden.
„Bibliotheken, die sich erstmals mit der interkulturellen Thematik beschäftigen wollen, finden hier ebenso wichtige Informationen wie Bibliotheken, die schon Erfahrung mit fremdsprachigen oder interkulturellen Dienstleistungen haben“, erklärt Susanne Schneehorst von der Stadtbibliothek Nürnberg: „Die Beiträge im Portal sind bewusst nah an der Alltagspraxis öffentlicher Bibliotheken orientiert.“ Auch die Homepage „ihrer“ Nürnberger Stadtbibliothek ist mit dem neuen Webportal verlinkt, hat darüber hinaus aber auch ein eigenes interkulturelles Angebot mit Übersichten zu Lern- und Lehrmaterialien für Schulen bis hin zum Thema Bilderbuch in verschiedenen Sprachen.
Wie interkulturelle Bibliotheksarbeit funktioniert
„Bibliothekare in Deutschland benötigen für die wachsende Zahl an Bibliothekskunden mit Migrationshintergrund beim Aufbau von passenden interkulturellen Dienstleistungen Unterstützung von zentraler Stelle “, unterstreicht auch Barbara Schleihagen, Geschäftsführerin des dbv. Die Interkulturelle Bibliothek bietet nun die Möglichkeit, das Know-how der besten Bibliotheken zu bündeln, zu vernetzen und allen anderen Bibliotheken zur Nachnutzung zur Verfügung zu stellen.
Ein interkulturelles Webportal stand weit oben auf der Liste operativer Fernziele des dbv. Dieses Ziel ist jetzt erreicht. „Aber die Arbeit ist natürlich nicht abgeschlossen“, meint Volker Pirsich. „Die ständige Aktualisierung und Weiterentwicklung wird die Expertengruppe auch in den Folgejahren noch weiter beschäftigen.“ Konstruktive Kritik und Best Practice-Beispiele aus dem Bibliotheksalltag, aber auch von Migrantenvereinen und anderen Experten sollen helfen, das Portal zu optimieren und im Bewusstsein der Zielgruppen weiter zu verankern.
arbeitet als freie Wissenschaftsjournalistin, Redakteurin, Rezensentin und Koordinatorin eines Verlags in Bonn
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Januar 2009
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