Welten zwischen Welten

Gastfreundschaft und Fremde in Zeiten von Terror und Migration

Hanns Tschira
Hanns Tschira
„Warum soll ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich Menschen über die Grenze bringe?“ Das fragt in einem deutschen Fernseh-Film die junge Schleuserin den Grenzschutzbeamten, der sie an der Grenze zwischen EU und Ukraine gefasst hat.

„Haben diese Menschen nicht das gleiche Recht auf ein gutes Leben?“ Das ist die zentrale Frage, vor die uns heute jeder Flüchtling stellt. Denn was für die einen der notwendige Damm gegen die unaufhörlich wachsende Flut von illegalen Einwanderern bildet, ist für die anderen die einzige Hoffnungslinie. Überall. An jeder Grenze. An der Grenze zwischen den USA und Mexiko, an der neuen, Tausende Kilometer langen Grenze im Osten der erweiterten EU, wie in diesem Film, oder, dramatischer noch, im Süden Europas, an den Mittelmeerküsten Spaniens, Italiens, Frankreichs.

Um dorthin zu gelangen, sind unzählige Afrikaner unterwegs, monate-, manchmal sogar jahrelang. Auf der Flucht vor Hunger, Elend, Völkermord. Und wenn sie Glück haben, erreichen sie schließlich das kleine spanische, also europäische Territorium in Nord-Afrika. Doch seit einem Jahr erwartet sie hier nur eine gut bewachte Mauer, die sie draußen halten soll, und Grenzpolizisten, die sie festnehmen, für einige Zeit internieren und dann zurückschicken. Andere versuchen es übers Mittelmeer, vor allem jetzt im Sommer, in winzigen Booten, hoffnungslos überladenen Frachtern. Viele schaffen es, und viele ertrinken. Ob zu Fuß auf Schleichwegen oder auf dem Seeweg, sie alle sind auf der Suche nach einer neuen Heimat; dafür kämpfen sie sich durch eine unsichere Welt voller Feinde und Feindseligkeiten und können nur mit Wagemut und List überleben. Ein Schicksal, das in mancher Hinsicht an den sagenhaften Odysseus erinnert.

TV Symbol Diashow: "Transit" von Luzia Simons


Denn auch Odysseus, dieses Urbild aller Migranten, irrte auf der Suche nach seiner Heimat Ithaka zehn Jahre lang auf dem Mittelmeer umher, strandete zerlumpt, elend und schiffbrüchig immer wieder an neuen Inseln und Küsten des Mittelmeers und fragte sich stets aufs Neue: „Zu welchem Volke bin ich wieder gekommen? Sind’s unmenschliche Räuber ... oder Freunde des heiligen Gastrechts?“

Für die Kulturanthropologin Regina Römhild, die Wege und Lebenswege von Migranten heute erforscht, zeigt die Odyssee, dass dieses „Auf-der-Suche-sein-nach-anderen-Ufern“ sich immer wiederholt. Es gehört genauso zum Menschsein wie das Atmen. „Die Begegnung mit dem Fremden ist der entscheidende Motor für die Entwicklung der Menschheit; denn sonst würde es keine Innovation, keine kulturelle Entwicklung, eigentlich gar nichts geben.“ Sogar die Listen und Tricks von Migranten gleichen sich zu allen Zeiten: Sie graben sich durch Tunnel, steigen über Mauern, verstecken sich in Kofferräumen, Containern, Kisten. Nur die Umgangsweisen der Mitmenschen sind je nach Zeit, Kultur und Politik extrem unterschiedlich. Der illegale Einwanderer aus Afrika oder der Ukraine, aus Mexiko oder anderen lateinamerikanischen Staaten ist unerwünscht und verachtet; den listenreichen Odysseus dagegen feierte Homer als seinen Helden. Und die Gastfreundschaft, die Odysseus genießt, verherrlicht Homer in seinem Epos als Fest einer märchenhaft großzügigen Menschlichkeit: Die guten Gastgeber nehmen zuerst den zerlumpten Fremden freundlich auf, löschen seinen Durst, setzen ihm die köstlichsten Gerichte vor, baden ihn, bereiten ihm anschließend ein prächtiges Nachtlager und überreichen ihm zum Abschied kostbare Geschenke. Und zum Dank, gewissermaßen als Gegengabe erzählt Odysseus von seinen unglaublichen Abenteuern in einer feindlichen, unmenschlichen Welt.

Im Grunde steckt Odysseus auf seiner Irrfahrt erstmals die Grenzen einer menschlichen Welt ab. Denn Menschlichkeit findet Odysseus nicht bei den Liebesgöttinnen Circe und Kalypso, die keinen Hunger kennen, und nicht bei dem Ungeheuer Polyphem, der Menschen frisst. Eine menschliche Welt, so der wiederkehrende Refrain in der Odyssee, gibt es nur dort, wo man "Brot isst und Wein trinkt und die Gesetze der Gastfreundschaft anerkennt". Brot und Wein mit anderen teilen wie im christlichen Abendmahl – in der Odyssee wird die Idee der Ökumene geboren, verstanden als eine Gemeinschaft von Gastfreunden, die über alle ethnischen und kulturellen Grenzen hinweg die Menschen miteinander verbindet.

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Elke Dauk

ist Schriftstellerin und Journalistin mit den Schwerpunkten Philosophie und Kulturwissenschaft und lebt in Köln.

November 2006

Copyright: Goethe-Institut, Humboldt