Welten zwischen Welten

Eine lange Reise von Bahia nach São Paulo

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Dinalva Rosa de Jesus wurde am 25.Juli 1950 in Condeúba, Bundesstaat Bahia, geboren. Im Alter von sechs Jahren brach sie zusammen mit ihrer Familie von Vitória da Conquista, Bahia, in den Bundesstaat São Paulo auf.

Aus Geldnot sah sich die Familie immer wieder gezwungen, ihre Reise zu unterbrechen, um sich in verschiedenen Fazendas zu verdingen. Dinalva arbeitet seit ihrem sechsten Lebensjahr: im Bundesstaat Minas Gerais reinigte sie Flaschen in Schnapsbrennereien; sie kümmerte sich um ihre neun Geschwister; sammelte Brennholz, stampfte Reis und Kaffee und kochte. Auf den Fazendas half sie bei der Baumwoll- und der Kaffeeernte. Für eine Arroba (15 Kilo)bekam sie seinerzeit rund 8 Cruzeiros, umgerechnet 0,106 Dollar. Mit zehn Jahren brachte sie es auf zwei Arrobas pro Tag, mit dreizehn auf vier. Sie arbeitete auf Reisfeldern und erntete Mais. Dinalvas neue Heimat wurde zunächst Fernandópolis im Bundesstaat São Paulo, später zog sie nach Campinas. Heute arbeitet Dinalva als Zugehfrau, Schneiderin, fertigt Handarbeiten an, gibt Handarbeitsunterricht und hat ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben, aus der wir Ihnen einige Ausschnitte vorstellen. Sie ist bisher unveröffentlicht.

Ja, und dann haben wir uns aufgemacht nach Brumado, im Bundesstaat Bahia. In Brumado haben wir so an die vier Monate gelebt und gewohnt. Meine Mutter hatte ein kleines Haus gemietet, von einem alten Mann. Mein Stiefvater ist arbeiten gegangen, das Dumme war nur, die Arbeit war weit weg. Er war die ganze Woche über nicht da, kam immer erst Samstagabend wieder. Die zwei haben viel gestritten. Es war kaum zum Aushalten! Wenn er kam, war er immer schon betrunken, und das Geld fürs Essen war weg, und dann immer dieser Streit mit meiner Mutter. Irgendwann ging er nicht mehr arbeiten und es hat uns an allem gefehlt. Wir hatten kein Bett zum Schlafen und keine Möbel. Nur ein paar Töpfe, ein paar Becher, ein Tuch, drei Hängematten und drei Decken. Von den meisten Sachen, die was wert waren (die goldenen Ohrringe von meiner Schwester, von mir und meiner Mutter, die sie von ihrer Arbeitgeberin als Zeichen der Wertschätzung bekommen hatte), verkaufte meine Mutter einen nach dem anderen für Essen. Und dann nahm sie auch noch Wäsche zum Waschen an. Sie ging damit zum Fluß. Aber das Geld reichte nicht für die Miete, und der Mann, dem das Haus gehörte, sagte, wir müßten ausziehen. Obwohl sie auch für ihn Wäsche wusch, hat es nicht gereicht. Er war schon älter. Und er hatte keine Rente, und war angewiesen auf das Geld. Also sind wir ausgezogen. Aber der Mann, dem das Haus gehörte, hat Mitleid mit uns gehabt und hat meiner Mutter etwas Geld gegeben, das sie mit dem Wäschewaschen für ihn verdiente.

Und so haben wir dann den Zug genommen nach Montes Claros, in Minas Gerais, für weiter hat das Geld nicht gereicht! Als wir in der Stadt ankamen, wurde es schon dunkel. Wir wollten im Bahnhof übernachten, auf den Bänken, aber der Bahnhofsvorsteher hat gesagt, das geht nicht und daß wir uns einen anderen Platz suchen müssen. Weil wir nicht wußten wohin und meine Mutter keine Arbeitsstelle hatte, haben wir neben der Friedhofsmauer geschlafen! Nachts haben wir also dort geschlafen und tagsüber sind wir zum Bahnhof und haben gewartet, daß einer kommt und Leute sucht zum Arbeiten.

Und zu essen hatten wir nur, weil die Leute, die beim Bahnhof wohnten, und uns dort sahen, Mitleid bekamen und uns Essen brachten und zu meiner Mutter sagten: „Ich bring Ihnen hier was zu essen für die Mädchen“. Und so hatten auch sie was zu essen, meine Mutter und mein Stiefvater. Wegen uns, wegen mir und Marinalva, haben sich die Leute erbarmt.

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Dinalva Rosa de Jesus

Übersetzung: Inés Koebel