Welten zwischen Welten

Von Rhythmusgemeinschaften und Grenzgängern

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Die „border-culture“, die seit den 1980er Jahren als Modell für postnationale Identität gefeiert wurde, hat ihre Vorläufer in transnationalen Phänomenen der 1930er und 1940er Jahre.

An der Grenze zwischen Mexiko und den USA wurde die border-culture zu einem Paradigma für transkulturelle Übergänge, die überkommene Verbindungen von Kultur und Raum wie auch von Identität und geographischer Herkunft aufheben.

Die border-culture, die mittlerweile längst Eingang in die Konsumkultur gefunden hat, erhielt ihre Konturen überhaupt erst als Gegenentwurf zum Konzept der „mexicanidad“. Solche nationale und ethnische Identitätsmodelle scheinen den Amerikas heute erneut attraktiv zu sein. Der moderne Nationalismus in Mexiko wie in den USA erwies sich offenbar als anpassungs- und integrationsfähiger als vermutet.

Dabei wurde das Ende der border-culture als postnationales Modell nicht erst mit der von Huntington initiierten Debatte über die Rolle der Mexikaner in den USA oder die aktuelle Grenzverschärfung der USA gegenüber Mexiko offensichtlich. Während Huntington die mexikanischen Immigranten innerhalb der USA als „innere“ Aufweichung der Grenze zwischen beiden Nationalstaaten und Bedrohung nordamerikanischer kultureller Identität ansieht, stellt sich am Ende der postnationalen Euphorie die Frage nach dem „Trans“ in der Nation auf neue Weise.

Weltweite Migration und transnationale Kommunikationsnetze haben Kulturen in bisher nie bekanntem Ausmaß in Kontakt und in Bewegung gebracht. Dabei entwickelt sich eine neue kulturelle Kartographie: Die Türkei ist in Berlin, Puerto Rico findet man in New York, Mexiko in Los Angeles, die Banlieues der französischen Großstädte wurden zu Räumen der arabischen und afrikanischen Immigranten.

Copyright: PixelquelleGrenzüberschreitungen erfolgen nicht mehr nur zwischen den Grenzen der Nationalstaaten, sondern auch über und zwischen den Straßen und Gebäuden einer Metropole. Vor allem an den Musik- und Bewegungskulturen kann man hören und rhythmisch erfahren, wie sich Globales und Lokales, regionale Traditionen und postmoderne Medienkultur mischen und überblenden. So erfinden die Puerto-Ricaner in New York, die Nuyoricanos, oder die in den USA lebenden Amerikaner mexikanischer Abstammung, die Chicanos, ihre Lebensformen wesentlich über Gesten, Verhaltensstile, Alltagsrituale und Outfits bis zum Tanz.

Man kann von einer spezifischen Bewegungskultur sprechen. Bewegungskulturen sind Teil einer politischen Geschichte des Körpers. Über Bewegungsstile (von der Gestik und Alltagsbewegungen über verschiedenste Körpertechniken bis zum Tanz) artikuliert sich soziale Identität, aber auch Differenzen zwischen Gemeinschaften. Bewegung und Rhythmus sind also Kommunikationsformen, in der u.a. ethnische und nationale Zugehörigkeit, aber auch transnationale Identitätsentwürfe ihren Ausdruck finden.

Salsa, Plena und Chicano-Rock vermischen sich mit Rap und Hip-Hop. Es entstehen neue Identitätsentwürfe, die weder der einen noch der anderen Kultur zugehören, sondern verschiedenste lateinamerikanische, afrikanische sowie europäische und nordamerikanische Elemente vermischen. Euphorische Visionen von Globalisierung hofften auf die Überwindung rigider politischer und ideologischer Trennungen, die Öffnung der Grenzen und den weltweiten Austausch der Kulturen. Die Praxis der Globalisierung bedeutet jedoch v.a. unbeschränkte Zirkulation von Waren, Kapital und digitaler Information. Die Zirkulation von Menschen ist lediglich in der Form des Tourismus erwünscht: Gegen ihre Migration aus ärmeren Regionen in die „reichen“ Metropolen der USA oder Europas wurden bestehende Grenzen befestigt und ausgebaut.

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Inge Baxmann