Wirklichkeit?

Geschichtsausstellungen – Zur Konstruktion von Wirklichkeit

Stanislaw Mucha, 1945: Einfahrt zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau; Copyright: Gedenkstätte und Museum Auschwitz-BirkenauBegleitband zur Ausstellung `Mythen der Nationen´ im Deutschen Historischen Museum, Berlin; Copyright: Verlag Philipp von ZabernHistorische Ausstellungen liegen im Trend. Aufwendig gemacht und stark besucht sind sie prägend für die Konstruktion historischer Wirklichkeiten. Doch genau diese Bildung und Vermittlung eines Bildes der Vergangenheit ist problematisch.

Die in historischen Ausstellungen, im Film oder Buch benutzten Bilder wie Photographien oder Gemälde können das Geschehene nicht rekonstruieren (Hayden White). HistorikerInnen oder KuratorInnen sind aber auf solches Material angewiesen. Wenn sie dabei annehmen, die "Prozesshaftigkeit des Realen", also den Verlauf von Ereignissen, mit Hilfe dieser Medien tatsächlich abbilden zu können, unterliegen sie einem Irrtum. Denn die Darstellung des Historischen ist das Ergebnis einer "fiction making activity" (Eva Hohenberger in Anlehnung an William Howard Guynn), eine nachträgliche Aneignung von Geschichte, die im besten Falle einen Teil der Wahrheit zeigt.

Geschichtsausstellungen

In Ausstellungen werden Bilder – um die es im Folgenden gehen soll –, Texte und Raum zu einer Einheit verbunden. Doch birgt jede der drei Ebenen – die Bilder, der Text und der Raum – jeweils eigene Probleme.

Das Bild

Bilder dienen in Geschichtsausstellungen sehr oft dazu, Ereignisse oder Themen zu illustrieren, ohne dass die KuratorInnen die Frage nach dem dokumentarischen Gehalt geklärt oder bedacht hätten, dass die Bilder selbst Teil einer Geschichtskonstruktion sind. Immer wieder wird "verdrängt, (...) dass Bilder keinesfalls nur abbilden, sondern dass sie Teil der Konstruktion jener Wirklichkeit sind, die sie scheinbar nur illustrieren. Um so eindringlicher ist jedoch festzuhalten, dass (...) Bilder die Empfindung, die Vernunft, die Handlungen und das Gedächtnis prägen". ( Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp in seiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung Mythen der Nationen. 1945 - Arena der Erinnerungen am 1. Oktober 2004.)

Stanislaw Mucha, 1945: Einfahrt zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau; Copyright: Gedenkstätte und Museum Auschwitz-BirkenauWie sehr Bilder dies tun, zeigt ein besonders signifikantes Beispiel der Zeitgeschichte. Stanisław Mucha photographierte im Winter 1945 die Einfahrt zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Diese Photographie wird weltweit seit Jahrzehnten in Büchern, Filmen und Ausstellungen verwendet, sie ist zur "Ikone der Vernichtung" (Cornelia Brink) geworden. Doch bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass diese Photographie gerade nicht das zeigt, was der Betrachter zu sehen glaubt. Sie ist erst nach der Befreiung des Lagers 1945 entstanden, auf ihr sind weder leidende Menschen noch Züge oder Bewacher auf den Türmen zu sehen. Mucha hat auch nicht das Lager selbst, sondern die Einfahrt mit dem Tor vor dem Vernichtungslager photographiert. Trotzdem hat dieses Bild die "Empfindungen, die Vernunft, die Handlungen und das Gedächtnis" geprägt. Es hängt sozusagen "an den Fäden eines unsichtbaren Textes" (Gottfried Boehm). Diese Wirkung der Photographie hat ihre Ursache wohl vor allem darin, dass die im Betrachter unwillkürlich hervorgerufene Assoziationskette Auschwitz/Vernichtung/Leere/Kälte/Einsamkeit – direkt an seine Empathie und seine Emotionen appelliert. Vermutlich hat diese ungeheuere Präsenz der Photographie dazu geführt, dass KuratorInnen sie immer wieder verwenden, ohne Rechenschaft über die Wirkung, Rezeptionsgeschichte und Bedeutung abzulegen (Horst Bredekamp).

Die Unterstellung, bei den Bildern handele es sich um Dokumente der Vergangenheit, macht die Verwendung von Bildern in Ausstellungen scheinbar einfach. KuratorInnen sehen in ihnen die idealen Partner, etwa um eine Schlacht, eine Erschießung usf. darzustellen. Als Geschichtskonstruktionen sind sie genauso kritisch zu betrachten wie die Texte.

Die Bilder und der Text

Geschichtsausstellungen folgen oft einem chronologischen oder thematischen Grundmuster. Neben den Text, der ein Ereignis beschreibt und dessen Folgen erörtert, wird ein Bild gestellt, das diesen Text illustrieren soll. Doch dieses Bild kann weder das Ereignis noch die Folgen abbilden. Die Photographie von Mucha z. B. zeigt nicht die Vernichtung der Juden, obgleich der begleitende Text in fast allen Ausstellungen die Geschichte des Vernichtungslagers Auschwitz Birkenau ausführlich beschreibt.

Die Unfähigkeit des Bildes, passgenau zu illustrieren, hängt auch damit zusammen, dass es aus einer anderen Zeit kommt – Bilder gehören, im Gegensatz zu den Texten, der Vergangenheit an. Genau genommen beschreiben die Texte eine Position der Gegenwart zur Vergangenheit, während Bilder die Position der Vergangenheit beschreiben, ohne einen Bezug zur heutigen Gegenwart zu haben. Diesen stellen erst die KuratorInnen her. Für Ausstellungen kann dies im schlimmsten Fall heißen, dass ein zeitgenössischer Text eine Geschichtskonstruktion der Vergangenheit benutzt, ohne die Position dieser Konstruktion zu hinterfragen.

Der Raum

Der Besucher einer Ausstellung bewegt sich in einem Raum, in dem er Bilder, Vitrinen, große und kleine Texte simultan sehen kann. Die Frage nach der Wahrnehmung in Raum und Zeit ist also das dritte Element in Ausstellungen. Die Lösung des Problems, Bewegung und Wahrnehmung im Raum in eine sinnvolle visuelle Logik zu bringen, hängt ganz entscheidend von der Frage ab, welche konzeptionelle Rolle die Bilder spielen. Bebildern sie lediglich den Text, wird es keine visuelle Logik im Raum geben können, obgleich gerade die Bilder die konstitutive Voraussetzung für Ausstellungen sind und die Wahrnehmung des Betrachters dominieren. Würden Ausstellungen als Ausstellung ernst genommen, müsste die Bildebene streng genommen so organisiert werden, dass das Hinter- und Nebeneinander der Bilder eine auf das Thema der Ausstellung bezogene Bilderzählung ergibt. In der Ausstellung Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen, 2004 im Deutschen Historischen Museum in Berlin gezeigt, wurde versucht, nicht mittels der Bilder zu illustrieren – die Bilder waren Ausgangspunkt aller konzeptionellen Überlegungen.

Literatur

Boehm, Gottfried: Jenseits der Sprache? Anmerkungen zur Logik der Bilder. In: Christa Maar/Hubert Burda (Hg.), Iconic Turn. Die neue Macht der Bilder, Köln, Dumont 2004, ISBN 3-8321-7873-2

Bredekamp, Horst: Bildakte als Zeugnis und Urteil. In: Flacke, Monika (Hg.): Mythen der Nationen. 1949 – Arena der Erinnerungen, Mainz, Philipp von Zabern 2004, S. 45 – 51, ISBN: 3-8053-3298-X

Brink, Cornelia: Ikonen der Vernichtung. Öffentlicher Gebrauch von Fotografien aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern nach 1945, Berlin 1998

Hohenberger, Eva: Dokumentarfilmtheorie. In: Hohenberger, Eva (Hg.): Bilder des Wirklichen. Texte zur Theorie des Dokumentarfilms, Berlin, Verlag Vorwerk 8 1998,

Guynn, William Howard: A Cinema of Nonfiction, Rutherford N.J. 1990

White, Hayden: Das Ereignis der Moderne. In: Hohenberger, Eva; Keilbach, Judith (Hg.): Die Gegenwart der Vergangenheit. Dokumentarfilm, Fernsehen und Geschichte, Berlin, Verlag Vorwerk 82003, ISBN 3-930916-63-0

White, Hayden: Auch Klio dichtet oder die Fiktion des Faktischen, Stuttgart 1986

Prof. Dr. Monika Flacke M.A.
ist Sammlungsleiterin für Kunst und Photographie und Ausstellungskuratorin im Deutschen Historischen Museum, Berlin

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Mai 2007

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