Wirklichkeit?

Der Folterer auf der Anklagebank

Copyright: Arquivo Nacional/Correio da ManhãIm Unterschied zu anderen Ländern hat es in Brasilien keinen „Erinnerungsboom“ gegeben. Um unbequeme und beschämende Tatsachen zu verbergen, wurde Schweigen verordnet.

Im September 2006 ließ der Richter Gustavo Santini Teodoro vom 23. Amtsgerichtsbezirk von São Paulo eine von der Familie Almeida Teles gegen Carlos Alberto Brilhante Ustra (von 1970 bis 1974 Leiter der São Paulo-Dienststelle des Geheimdienstes DOI-CODI [Destacamanto de Informações - Centro de Operações de Defesa Interna]) angestrengte Feststellungsklage zu, mit der Begründung, dass ein Verstoß gegen die Menschenrechte nicht verjährt. Im November fand die erste Anhörung mit der Vernehmung der Zeugen der Anklage statt. Der Angeklagte erschien nicht. Die von ihm benannten Zeugen sollen jeweils in dem Bundesstaat, in dem sie ihren Wohnsitz haben, vernommen werden, eine Form von Geringschätzung gegenüber dem Urteil des Richters.

Im Jahre 1972 wurden Maria Amélia, César, Criméia (im siebten Monat schwanger), mein Bruder Edson Luís und ich, vier bzw. fünf Jahre alt, entführt und gefoltert. Meine Verwandten mußten miterleben, wie ihr Freund Carlos Nicolau Danielli, ein führendes Mitglied der PCdoB (der Kommunistischen Partei Brasiliens, die 1962 in Abgrenzung zur sowjetisch ausgerichteten PC entstand) in den Verliesen des DOI-CODI ermordet wurde. Mit dieser Zivilklage sollen der Sachverhalt und die entsprechende Verantwortung des Angeklagten anerkannt werden, ohne damit einen Anspruch auf materielle Entschädigung oder strafrechtliche Maßnahmen zu begründen. Wir haben diese Initiative ergriffen, weil wir das Recht auf Rechtsprechung, das ja die Einhaltung sämtlicher anderer Rechte garantiert, als Grundpfeiler der Demokratie betrachten. Dies ist der erste Fall, in dem gegen einen Folterer der Diktatur in Brasilien Klage erhoben wird.

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Janaína de Almeida Teles

Übersetzung: Karin von Schweder-Schreiner, Henning Sohlmann

Copyright: Goethe-Institut, Humboldt