Aneignungen der Stadt

Barcelona: Der Mythos des öffentlichen Raumes

Manuel Delgado; Foto: Jordi SecallUngleichheit, Ausschluss, Anomie und sogar Gewalt sind und bleiben substantieller Bestandteil des Daseins einer kapitalistischen Großstadt und werden weiter zunehmen

Barcelona erweist sich als Paradigma für eine Gestaltungsweise urbanen Lebens, das durch die Wiederaneignung der Stadt durch das Kapital geprägt ist. Diese Dynamik umfasst folgende grundlegende und immer wiederkehrende Komponenten: Die Umwandlung des urbanen Raumes in einen Themenpark, die so genannte Gentrifizierung historischer Zentren, aus denen die Geschichte selbstredend vertrieben wurde (das heißt ihre Veredelung und die damit verbundende Veränderung der Bevölkerung), die Tertiarisierung, die eine Umwandlung ganzer Industriebezirke einschließt (das heißt der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellscahft), die Verbreitung des wachsenden Elends, das sich nicht verbergen lässt, die Kontrolle über einen öffentlichen Raum, der immer weniger öffentlich, also für jedermann zugänglich ist, usw.
Dieser Prozess, der in der Praxis bereits weltweite Ausmaße erlangt hat, erfordert die Abkehr der Vertreter der Öffentlichkeit von ihrer hypothetischen Mission, grundlegende demokratische Rechte zu gewährleisten - wie das Recht darauf, sich frei auf der Straße zu bewegen, das Recht auf eine würdevolle Wohnung für alle, usw. - und er erfordert die Demontage der Reste dessen, was in früheren Zeiten als Wohlfahrtsstaat galt. Es erscheint widersinnig, aber diese Nachlässigkeit der politischen Institutionen bei der Erfüllung ihrer wichtigsten Verpflichtungen auf dem Gebiet des Gemeinwohls war mit einem hohen Grad an Autoritarismus in anderen Bereichen vereinbar. Dieselben Behörden, die gegenüber dem urbanistischen Liberalismus und dessen Umtrieben Gehorsam gezeigt haben oder die inaktiv geblieben sind, konnten ihre ganze Energie darauf verwenden, die Kontrolle über einen öffentlichen Raum abzusichern, der als reines Beiwerk für die großen Immobiliengeschäfte fungierte.

Was Barcelona betrifft, so hat die Tatsache, dass die Umwandlung der Stadt in ein reines Marketingprodukt eine ständige Kontrolle der Straßen und Plätze erforderte, zur Notwendigkeit geführt, jegliches Anzeichen zu verbergen oder auszulöschen, das dem Bild widersprechen könnte, welches man von einem von jeglichem Konfliktpotential bereinigten öffentlichen Raum zu präsentieren versuchte. In der Tat ging die gesamte Erkundung im Zusammenhang mit der Zukunft der Stadt, die von jenen politischen und urbanistischen Institutionen betrieben wurde, die das "Modell Barcelona" entworfen und mit dessen Einführung begonnen hatten, von der Annahme aus, dass das Wirksamwerden im Bereich urbanes Design sowie die systematischen Kampagnen zugunsten des neuen städtischen Patriotismus, den man erzeugen wollte, sowie dessen ideologische Basis ausreichen würden, um wie durch Zauberei zu bewirken, dass sich die gesamte Stadt mit großem Enthusiasmus der Aufgabe der symbolischen und morphologischen Rekonstruktion verschreiben würde. Aber es kam anders. Es konnte gar nicht anders sein: Weder die Werbekampagnen noch die verordnete Schaffung von "Freiräumen von hoher Qualität" führten zur Befriedung jener Straßen, denen nichts weiter übrigblieb, als Zeuge und Schauplatz der alten und neuen Formen urbanen Elends zu sein. Geblieben ist auch die für Barcelonas Geschichte typische chronische Neigung zum ungebührlichen Benehmen, und geblieben ist der unvermeidbare Wirrwarr, den das städtische Leben unausweichlich hervorbringt. Und so kam es, dass die Stadt nicht wie geplant zu einem freundlichen, von Höflichkeit und Bürgersinn geprägten Arkadien wurde, sondern dass an der Oberfläche und für alle sichtbar jene Ungleichheit, jener Ausschluss, jene Anomie und sogar jene Gewalt weiterexistierten, die substantieller Bestandteil des Daseins einer kapitalistischen Großstadt sind und die auch weiter zunehmen werden. Die Enttäuschung über die Erwartung, eine Stadt schaffen zu können, in der der endgültige Sieg des Mittelstandes inszeniert wird, und das Schauspiel eines immer gewaltiger werdenden sozialen Desasters empörte die Oberschichten, die zusehen mussten, wie ihr Traum, Barcelona für ihre bürgerliche Utopie zurückzugewinnen, ins Nichts entschwand und immer unerreichbarer erschien, wobei gleichzeitig die Perspektiven für die Förderung des Immobiliengeschäfts, des Handels und des Tourismus in Gefahr gerieten.

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