Aneignungen der Stadt

Verstädterung, Megastädte, spontanes Bauen

Copyright: Gary Leggett

Zur Stadtgeschichte

Manchay, Lima, Peru; Copyright: Gary Leggett' Manchay, Lima, Peru
Die Stadtgeschichte wurde maßgeblich von der westlichen Forschung geschrieben, die sich vor allem für die klassischen Kulturen Europas interessiert. Diese eurozentrische Sicht bringt eine Vernachlässigung der außereuropäischen Kulturen mit sich und verdrängt die Tatsache, dass Europa in der Stadtgeschichte ein Nachzügler ist. Städte sind in einigen Regionen rund 2000 Jahre älter als im gräko-romanischen Europa und fast 4000 Jahre älter als im nicht romanisierten Nordeuropa.
Frühe Stadtkulturen gab es in Mesopotamien, Ägypten, Persien, Indien, China, Mittel- und Südamerika. Die Größe der alten Städte wird meist unterschätzt, weil die Archäologie vor allem die monumentalen Tempel und Paläste im Auge hat, während die einfachen Lehmhäuser, in denen die Masse der Bevölkerung lebte, spurlos verschwunden sind. Babylon hatte um 1800 v. Chr. rund 300.000 Einwohner, Bagdad und die chinesische Kaiserstadt Changan um 850 über eine Million, ebenso Edo - das heutige Tokio - und Istanbul um 1700. Weder die Stadtgeschichte noch die Metropolen-Geschichte ist in Europa beheimatet, wo erst um 1800 London eine Million Einwohner erreichte.

Kolonialisierung

Der Aufstieg Europas um 1500 hatte die Zerstörung zahlreicher außereuropäischer Kulturen zur Folge. Die Unterwerfung anderer Völker war nichts Neues, erreichte aber mit der Kolonialisierung ein weltweites Ausmaß. Die europäische Dominanz zeigte sich zunächst als traditioneller Kolonialismus, dem im Zuge der industriellen Revolution der moderne Kolonialismus folgte. Im 16. Jahrhundert konzentrierte sich die europäische Kolonialisierung vor allem auf Lateinamerika. Tenochtitlán, die Hauptstadt des Aztekenreichs, wurde 1521 von den Spaniern zerstört. An gleicher Stelle wurde Mexiko-Stadt gegründet. Auch die Hochkultur der Inka wurde zerschlagen und die indianische Bevölkerung durch Krieg, Ausbeutung und Krankheit dezimiert.
Der koloniale Städtebau der Spanier war jedoch einzigartig: Schon um 1700 gab es einige hundert Städte und Siedlungen auf dem neuen Kontinent, die meist nach dem Modell der Leyes de las Indias (1571) angelegt wurden - ein frühes Städtebau-Gesetz, das genaue Anweisungen zur Gründung der spanischen Kolonialstädte enthielt. Grundlage war das "Schachbrett", ein Erbe der griechisch-römischen Kolonialstadt, das in der Renaissance im Zuge der Idealstadt-Entwürfe wieder auflebte.
Ein wichtiges Element der hispano-amerikanischen Kolonialstadt war die plaza mayor, der Hauptplatz als Stadtmitte und koloniale Herrschaftskulisse. Die einheimischen Kulturen waren so gründlich zerstört, dass die Gefahr eines Gegenangriffs nicht befürchtet werden musste. Die Kolonialstädte waren meist unbefestigt und konnten schnell, aber geordnet wachsen - ein wesentlicher Grund für den Erfolg dieses Stadtmodells.
Der moderne Kolonialismus begann um 1800 und richtete sich vor allem auf Asien und Afrika, wo es bis dahin nur einige europäische Stützpunkte gab, um den Sklaven-, Gold- und Gewürzhandel zu kontrollieren. Die jungen Industriestaaten suchten Rohstoffe und Märkte für ihre enorm angestiegene Warenproduktion, dabei wurde das traditionelle Handwerk der unterworfenen Länder systematisch zerstört und damit auch ihre städtische Kultur...

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Von Eckhart Ribbeck

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