Aneignungen der Stadt

Stadt – Land - Gartenglück. Schrebergärten in Deutschland und die „Kultur der Nähe“

Copyright: Anja Neuefeind & Lucie Persch

Hecken und Kanten - Schrebergartenkultur (2003)
Hecken und Kanten
Schrebergartenkultur

Widersprüchlich ist die öffentliche Diskussion über Kleingärten, vor allem über deren deutsche Sonderform, die Schrebergärten. Sie schwankt zwischen dem Lob auf das grüne Paradies und der Verabscheuung kleinbürgerlichen Spießertums. Das Lieblingssymbol märchenhaften Gartenglücks, der Gartenzwerg, findet nach wie vor reißenden Absatz – wenngleich mitunter auch als ironische Karikatur seiner selbst in schicken Einrichtungsläden.

Die Idee des Schrebergartens wurde Mitte des 19. Jahrhunderts aus einer konkreten Not heraus geboren: Nachdem die Industrialisierung in rasanter Geschwindigkeit innerstädtische Grünflächen verschlang, empfahl der Leipziger Schuldirektor Ernst Hauschild besorgten Eltern, sich in Vereinen zusammenzuschließen und Brachen zu pachten, um Spielwiesen für ihre Kinder zu sichern. Pädagogischer Impetus steckte auch hinter der Idee des Gemüseanbaus für den Eigenbedarf, die heute noch im Kleingartenbundesgesetz verankert ist. Allerdings ließ das Interesse der Kinder an Gartenarbeit recht schnell nach und so wurde der Anbau eher zum Hobby der Eltern. Damit begann die kleinteilige Parzellierung der Flächen. Saubere Wege wurden angelegt und ordentliche Zäune umrahmten nun das gärtnerische Kleinod.

Gärten liegen an der Schnittstelle zwischen Kultur und Natur, zwischen Stadt und Land. Sie sind Orte des ästhetisch geordneten Rückzugs ins Private. Ihr Prinzip ist die Begrenzung, die Mauer, der Gartenzaun. Sie sind Orte der Ruhe und intimer Geselligkeit.

Doch was macht eigentlich das Idyll der kleinen Leute so verdächtig? Dem Kulturanthropologen Heinz Schilling zufolge zeichnet sich Kleinbürgerlichkeit durch ein ambivalentes Verhältnis zur Nähe aus. Diese bietet Schutz und Orientierung einerseits, Enge und Verpflichtung - die gegenseitige Überwachung über den Heckenzaun - andererseits. Weil der Kleinbürger Fremdheit nicht aushält, wird er zum Widersacher der modernen Stadt.

Doch aller Kritik zum Trotz: Kleingärten sind wieder schick geworden, heute sitzen nicht mehr Omachen und Opachen allein in der Gartenlaube, das Durchschnittsalter der Pächter ist auf 47 Jahre gesunken. Auch Politiker und Stadtplaner haben das Potential der Grünflächen entlang der Bahnlinien und zwischen den Autobahnkreuzen wieder entdeckt. Sie fördern die Zufriedenheit der Menschen im innerstädtischen Lebensraum und tragen zu einer "nachhaltigen Stadtentwicklung" bei. Neuere Projekte lassen auch den pädagogischen Ursprung der Gartenidee wieder aufleben. So leitet die Stiftung Interkultur seit 2002 in nahezu allen größeren Städten Deutschlands, aber auch auf dem Land, "Interkulturelle Gärten". Die Projektgruppen sollen Migranten die Möglichkeit geben, durch Gartenarbeit und unterstützt von Sozialarbeitern in ihrer neuen Heimat "Wurzeln zu schlagen" und möglicherweise traumatische Erlebnisse zu bewältigen. Menschen unterschiedlichster Herkunft, die oft ein ähnliches Schicksal verbindet, treffen hier aufeinander. Der Garten wird erneut zum Zwischenraum, zum Ort der Begegnung und - das bleibt zu hoffen - der Integration.

Ulrike Prinz

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