Die Tropen in uns

Latino Big Apple: Identität als Koproduktion.

Swoon. Foto: Michael Natale – gammablog.comNew Yorker Latinos legen mit der Salsa-Musik panlateinamerikanische Grundsteine.

Die Wiege der Latino-Musik ist New York. Und die amerikanische Kulturindustrie stand Pate, als mehrere Generationen Latino-Sprösslinge geboren wurden. Die aufmerksamen Hörer der Musik, die in Lateinamerika in Taxis, Shopping Malls und auf Hochzeitsfesten läuft, wird diese These kaum überraschen. Trotzdem wirkt es auf den ersten Blick erstaunlich, dass ein Berliner Festival, das kürzlich New York gewidmet war, eine Konzertreihe mit Latino-Musik umfasste. Zumal es sich dabei um die Wiedereröffnung des Hauses der Kulturen der Welt im Berliner Tiergarten nach einer Teilsanierung handelte. Anlass für die Veranstaltungsreihe 2007 war das 50. Jubiläum der Kongresshalle, des Wahrzeichens der modernen Architektur, ein Geschenk der Vereinigten Staaten an West-Berlin mitten im Kalten Krieg. Fünfzig Jahre später hat sich die amerikanische Gesellschaft zutiefst gewandelt, und Latino-Musik ist für globale Entwicklungen ein guter Seismograf.

„New York ist die Hauptstadt der globalen Musikindustrie. Am Broadway wurde vor einem Jahrhundert die heutige industrielle Musikverwertungsmaschinerie entwickelt. In Spanish Harlem, der Bronx und Brooklyn wurden Salsa, Bugaloo und Reggaetón erfunden. Deswegen ist New York auch die Hauptstadt der Latino-Musik“, erläuterte Detlef Diederichsen, der das Musik- und Theaterprogramm am Haus der Kulturen der Welt verantwortet. Durch die Auftritte legendärer Formationen wie der Spanish Harlem Orchestra, des Grupo Folklórico y Experimental Nuevayorkino und der Pleneros de la 21 neben vielen anderen ließe sich nicht nur nachvollziehen, wie diese Musik in New York aus vielseitigen kulturellen Quellen entstanden ist, sondern auch welche Rolle Kulturindustrie bei der Konstruktion von Identitäten spielt.

Mehr als eine bloße Mode

Foto: Corey Szopinski, 2007, www.core-industries.comFür Tanzkursanfänger ist Salsa ein Muss, für Kenner der Traditionen zunächst ein Unding. Die Geschichte ist nicht unkompliziert. In den 1960er Jahren begannen junge Musiker, deren Eltern aus Puerto Rico oder Kuba nach New York gekommen waren, den „son montuno“ aus Kuba mit neuartigen Rhythmen und englischen Texten zu mischen. Der Bugaloo war geboren – die Älteren waren entsetzt. Doch bald kam der neue Trend aus der Mode. Was blieb, war die Sehnsucht nach karibischen Rhythmen. Die Nuyorican, wie sich die New Yorker mit Migrationshintergrund aus Puerto Rico, Kuba oder der Karibik bald bezeichneten, experimentierten weiter mit der Durch mischung von traditionellen Gattungen wie Merengue, Son, Rumba und Chachacha mit Soul und urbanem Zeitgeist. Bald darauf erfand das Plattenlabel Fania Records die Bezeichnung „Salsa“, sie sollte die Wiedererkennbarkeit des neuen Genres mit seiner entfesselten Polyrhythmik leichter machen. Zwar zeterte der König des Mambos Tito Puente damals, Salsa (wörtlich: Soße) gehöre auf den Teller, das sei doch keine musikalische Gattung, doch der Marketingtrick funktionierte: Auf das Branding folgte das Salsa-Fieber.

Bis dahin war den Musikern lateinamerikanischer Herkunft in den USA nichts anderes übrig geblieben, als sich für den Markt zu „tropikalisieren“, als exotische „Hispanics“ auf den Partys des weißen, angelsächsischen, protestantischen Mittelstands aufzutreten. In New York wehte ein anderer Zeitgeist: radikaler politischer Aufbruch, Rückbesinnung auf die afrikanischen Wurzeln der karibischen und New Yorker Kulturen, Lesungen der Nuyorican poetry, in Englisch mit spanischen Wörtern gedichtet, und mit Dichtern der Dritten Welt. Die Fusion karibischer Rhythmen mit Liedtexten, die vom Leben der lateinamerikanischen Migranten in der Megacity handeln, war weit mehr als eine Mode. Für die Latinos in New York eröffneten sich neue Perspektiven: Statt den schmerzhaften Prozess der Akkulturation, des Hineinwachsens in die Mehrheitsgesellschaft durch Aufgabe der Herkunftskultur durchzumachen, traten sie mit einem eigenen, vielversprechenden Novum in den Kulturmarkt ein. Mit Salsa ließen sich die harten Lebensbedingungen in El Barrio, der Latino-Enklave nördlich der 113th Street, zum Thema machen. Eine eigene Sensibilität und Lebensauffassung, die mit dem US-amerikanischen Mainstream wenig gemeinsam hatten, kamen zum Ausdruck. Vor allem wurde aber mit den Klischees gespielt, mit denen Latinos bislang stigmatisiert worden waren. So posierte der große Musiker Willie Colón, auch bekannt als “El malo“ – „Der Böse“ –, auf seiner Platte Cosa nuestra im Mafia-Anzug auf der Brooklyn-Brücke, zu seinen Füßen eine in einen Teppich gewickelte Leiche. Und Ende der 1970er Jahre sang Rubén Blades im legendär gewordenen Song “Pedro Navaja“ von der Ermordung eines Kleingangsters und einer Prostituierten.

Anfang der 1990er Jahre wuchsen die Einwanderungszahlen aus Lateinamerika dann exponentiell. Neoliberale Wirtschaftsprogramme trieben Tausende Bürger Santo Domingos, El Salvadors, Mexikos und anderer Länder in die USA. 1996 wurde die Bevölkerung lateinamerikanischer Herkunft zur größten Minderheit in New York und verdrängte erstmals mit ihrem 27-prozentigen Anteil an der Gesamtbevölkerung die 25 Prozent Afroamerikaner auf die zweite Stelle. Bei der Volkszählung 2000 machte die Latino-Fraktion 17,6 Prozent der Gesamtbevölkerung aus (22,5 Prozent im Falle New Yorks); sie ist seitdem die bevölkerungsstärkste Minderheit der Vereinigten Staaten.

Die Peripherie rückt ins symbolische Zentrum

Die neue Einwanderung war auch Hintergrund der nächsten Erfolgswelle der Latino-Sounds. Der Reggaetón war als Ergebnis eines kuriosen Verschmelzungsprozesses entstanden: Ein in Panama und New York verwurzelter Musiker, Edgardo Franco, aka “El General“, hatte damals begonnen, Reggae aus Jamaika mit Hip-Hop und auf Spanisch gerappten Texte zu mixen. Bald war auch diese Kombination absolut en vogue, bald waren junge Szeneleute aus Panama und Puerto Rico vom Reggaetón-Fieber ergriffen. Der schleppende Rhythmus, die frechen Texte und die „competitions“ zwischen den Sängern verliehen dieser Latino-Szene neuen Glamour, der auch bitter notwendig war in einer etwas verstaubten Landschaft, in der die vielen Jahre pseudoromantischer Seifenoper-Schlager auf den Gemütern lagen.

Die Erfindung sowohl der Salsa wie auch des Reggaetón ist exemplarisch für die seltenen Momente der Freiheit, in denen Popkultur die Außenseiter, die Peripherie, ins symbolische Zentrum rückt, und sich die Grenzen zwischen Unterhaltung und Anspruch, Elitärem und Massentauglichem verwischen. Reggaetón, so die Anhänger des Genres, habe den Geist der Salsa wiederentdeckt: die „Latinidad“. Wofür steht der Begriff? „Latino in den USA zu sein, das bedeutet, an einem einzigartigen Prozess des kulturellen Synkretismus teilzunehmen, der modellhaft werden kann für eine Entwicklung in der ganzen Gesellschaft“, schreibt Juan Flores, einer der Theoretiker der Latin Studies, die neuerdings auf dem Lehrplan der amerikanischen Universitäten auftauchen: „Latinidad ist in erster Linie eine Praxis“. Bekanntlich verhandelt jede neue Einwanderungswelle in den USA durch neue Zusammenschlüsse ihre Position im Kraftfeld der Mehrheitskultur: Um im Wettbewerb mit anderen „pressure groups“ zu bestehen, müssen die komplexen und oftmals konfliktreichen Elemente der nationalen, regionalen, lokalen, religiösen und politischen Herkunftsidentitäten aufgegeben werden. In einer Gesellschaft, in der politische Anliegen nicht als Bürgerrecht oder Klassenanspruch, sondern aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit eingefordert werden, lässt nur eine strategische Reartikulation der verschiedenen Migrantenminderheiten wirkungsvolle ethnische Zuordnungen entstehen.

Identität als Koproduktion

Mit Hilfe der Salsa haben die Nuyorican einen panlateinamerikanischen Anspruch symbolisch zurückerobert. Das Adjektiv „latino“ erlaubte es, die unterschiedlichen Geschichten der neuen Einwanderer aus Puerto Rico, Kuba, der Karibik, aber auch die der Kinder und Enkelkinder der ersten Immigranten zu integrieren, die bereits die spanische Sprache verlernt hatten. Seitdem ermöglicht die Bezeichnung „latino“, die aufeinander folgenden Wellen neuer Zugereister einzubeziehen. Heute umfasst der Begriff eine absolute Heterogenität: vom Enkel von Chicanos der West Coast, der von seiner Herkunft nur einen spanischen Familiennamen und die eine oder andere mexikanische kulinarische Vorliebe behält, über den Argentinier in New York oder Miami, der von italienischen oder jüdischen Ahnen abstammt, bis hin zu den Einwanderern aus der Karibik, Mittelamerika oder sogar den Philippinen. „Zu diesem Zeitpunkt unserer Erfahrung“, schreibt der Theoretiker Román de la Campa, „beginnt der Begriff ,latino‘ jenseits von Klassen- oder ethnischen Zugehörigkeiten für eine Pluralität zu stehen, die sich aus einer doppelten sprachlichen und kulturellen Erbschaft nährt“.

Das Phänomen der „U.S. Latinos“ ist exemplarisch für den Wandel der Identitätsbildung in Zeiten der Globalisierung. Zuzeiten des modernen Nationalstaates imaginierten die Gemeinschaften sich in Bezug auf ein einheitliches territoriales Gebiet, auf eine einzige Sprache, sogar auf die Fiktion einer homogenen ethnischen Abstammung. Auf dem amerikanischen Doppel-Kontinent wurde diese Fiktion der homogenen Nation von den indianischen und eingewanderten Bevölkerungsgruppen in Frage gestellt. Dafür wurden dann neue Lösungen erfunden. Im Falle der USA war es der „Melting Pot“, die Vorstellung einer Verschmelzung der mitgebrachten Identitäten durch die Teilhabe am Traum des Wohlstands und der sozialen Mobilität. Im Falle Lateinamerikas, die Einbeziehung in eine nationale Gemeinschaft durch prägende Erfahrungen in staatlichen Institutionen wie dem Schulwesen oder dem Militär­ dienst, aus denen neue Staatsbürger hervorgingen. In Zeiten transnationaler Migration ist Identität dagegen mehrsprachlich, multiethnisch, dezentriert, das Ergebnis der Schnittmengen verschiedener Kulturen. War das Exil früher der häufigste gemeinsame Nenner vieler Lateinamerikaner im Ausland, ist es heute die Diaspora: die geografische Streuung bei gleichzeitiger Standleitung zum Herkunftsort durch elektronische Medien.

Für den argentinischen Theoretiker Néstor García Canclini, einen der renommiertesten Lateinamerikaner im Bereich der Cultural Studies, entstehen zeitgenössische Identitäten nicht mehr in Bezug auf Staatszugehörigkeit, sondern auf den Markt. Identitäten bilden sich heute in Bezug auf Kulturindustrie, Kommunikationsmedien und Warenkonsum. „Dynamisiert durch multikontextuelle Kommunikationsprozesse, kann die Identität nicht mehr als ritualisiertes Narrativ, als monotone Wiederholung gesehen werden, wie es gewisse Fundamentalismen wollen. Als Narrativ, das wir ständig erneuern, das wir in Zusammenarbeit mit anderen rekonstruieren, sollte Identität begriffen werden als Koproduktion.“

Was bewirkt die Latino-Bevölkerung in den Vereinigten Staaten? Gegenwärtig bildet sie schon eine starke Wirtschaftsmacht und wird als erste Minderheit von den politischen Parteien hofiert. Der Wandel reicht jedoch tiefer. So weist der Geograf Mike Davis darauf hin, die Latinos leisteten einen Beitrag zur Revitalisierung der Städte, weil sie öffentliche Räume als Orte des Alltagslebens wiedergewinnen. Dank ihrer Familienunternehmen “verändern die Latinos die urbane Topografie der alten Raumordnung, um stattdessen eine überbordende Stadtraumnutzung zu entwickeln. Dank der Latinos ist East Harlem zu einem tropischen Garten mit Freiluftrestaurants geworden“. Auf politischer Ebene, so Davis, setzten die lateinamerikanischen Arbeitnehmer, die in der Tradition der Gewerkschaften sozialisiert sind, allmählich die gewerkschaftliche Vertretung selbst in äußerst liberalisierten Dienstleistungsbranchen wie dem Tourismus durch.

Heute ist die San Salvador-Community in Los Angeles ebenso groß wie die Bevölkerung der Hauptstadt El Salvadors, New York hat ebenso viele „Portorriqueños“ wie San Juan de Puerto Rico, und New Orleans ist zur zweiten Stadt von Honduras geworden. Den demografischen Hochrechnungen gemäß wird 2050 die Nation „U.S. latina“ mit über 96 Millionen Menschen das drittgrößte lateinamerikanische Land sein. Zweifelsohne wird der brasilianische Autor Alfredo Valladão Recht behalten: „Das 21. Jahrhundert wird panamerikanisch“. Offen steht, welche Auswirkungen es auf die Vereinigten Staaten haben kann, wenn Latinos und Lateinamerikaner an der Neuerfindung Amerikas teilnehmen.

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Silvia Fehrmann,
studierte Literaturwissenschaft an der Universität von Buenos Aires, Argentinien, wo sie auch lehrte. Als Journalistin für kulturelle Themen schreibt sie regelmäßig für argentinische Medien wie Clarín, Página 12 und Debate. Sie ist als Übersetzerin tätig und seit Februar 20008 Leiterin der Kommunikations-Abteilung im Haus der Kulturen der Welt in Berlin.

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