Die Tropen in uns

Penthesileas wilde Schwestern

Im Amazonastiefland diente die griechische Amazonensage nicht nur als Motor der Conquista, sondern fand auch ein erstaunliches Echo bei den Einheimischen. Zur Tropikalisierung eines Mythos.

Die Dichtung von den Amazonen hat sämtliche Himmelsstriche durchlaufen; sie gehört zu jenen einförmigen und engen Kreisen von Träumereien und Ideen, in welchen die dichterische und religiöse Einbildung sämtlicher Menschenrassen und aller Zeitalter sich fast instinktmäßig herumbewegt. (Alexander von Humboldt)

Schon lange bevor sie in deren Schusslinie gerieten, war die Mannschaft Francisco de Orellanas auf ihrer Endeckungsfahrt des Amazonas vor jenen kriegerischen Frauen gewarnt worden, “… die sie in ihrer Sprache coniupuyara nennen, was so viel wie ‚große Frauen‘ heißt, und dass wir sehen sollten, wo wir blieben, denn sie seien in der Überzahl, und würden uns töten ...“

Es ist nicht die erste Beschreibung von Amazonen in Amerika, doch eine der interessantesten, da sie indianische Informationen beinhaltet. An Bord jener ersten Amazonasexpedition befand sich nämlich ein tupi-guaraní-sprachiger Dolmetscher, der die „Kunde“der „wilden“ Indianer deuten konnte. Groß, stämmig und hellhäutig werden sie geschildert. Es wurde auch berichtet, dass sie in Häusern aus Stein lebten, in denen sie ungeheuere Reichtümer und weibliche Figuren aus Gold und Silber angehäuft hätten.
Zu Beginn des Jahres 1541 startete die Expedition Gonzalo Pizarros von Quito aus, angeblich auf der Suche nach dem legendären Zimtland. Sie bestand aus 350 Spaniern, 4000 Indianersklaven und je mehreren hundert Bluthunden, Lamas, Pferden und Schweinen. Der undurchdringliche Ostabhang der Anden, die tropischen Klimaverhältnisse und ein Erdbeben werden den Spaniern sowie ihren indianischen Begleitern aus den Anden zum Verhängnis. Bald sind die Vorräte auf gebraucht, die Tiere geschlachtet und der von Malaria geschwächte Pizarro beschließt, mit dem Großteil seiner Männer im Basislager zurückzubleiben. Kapitän Orellana soll flussabwärts Proviant besorgen. Er macht sich mit einer kleinen Brigantine und einem Trupp von 57 Männern auf den Weg. Erst nach 1000 Kilometern trifft er wieder auf Indianer. Es sind ausgerechnet die Untertanen jener kriegerischen Amazonen, vor denen die Mannschaft schon gewarnt worden war.

Der Bericht Fray Gaspard de Carvajals, des offiziellen Berichterstatters jener Expedition, ist auch als Verteidigung gegen den Vorwurf zu lesen, Orellana habe die Gefährten im Stich gelassen. Der Kampf mit den gefährlichen „Amazonen“ soll wohl vor allem plausibel machen, warum die Umkehr unmöglich war. Denn während Pizarro unter schlimmen Verlusten den Rückmarsch nach Quito antreten muss, gelingt Orellana und seinen Männern als ersten Europäern die Befahrung des Amazonas.

Kriegerische Frauen

Der Strom wurde zunächst nach Orellana benannt, dann aber nach den streitbaren Weibern, die sein Berichterstatter in vorderster Front kämpfen sah. Am 24. Juni 1542 notiert Carvajal in seinem Bordtagebuch: „Ich möchte, dass Sie wissen, warum sich diese Indianer so sehr verteidigten. Sie sind nämlich Untergebene und Tributpflichtige der Amazonen, und nachdem sie von unserer Ankunft erfahren hatten, baten sie diese um Unterstützung und es kamen 10 oder 12, die wir sahen, sie kämpften allen voran als Anführerinnen so tapfer, dass die Indianer es nicht wagten, sich zur Flucht zu wenden; und jeden, der davonlaufen wollte, töteten sie vor unseren Augen mit Keulen. Und das ist der Grund, warum diese Indianer sich so sehr verteidigten.“
Carvajal zufolge hielten die Männer ihre Gegnerinnen tatsächlich für „Amazonen“. In seinen Beschreibungen nimmt der Dominikanermönch genauen Bezug auf die griechische Amazonensage und diskutiert die Ähnlichkeiten der Versionen. Die Frage, ob die Söhne wie bei den Amazonen Kleinasiens getötet werden und ob sich die Weiber die Brust abbinden, um besser schießen zu können, erwägt er mit ebenso großem Ernst wie schon der antike Historiker Diodorus Siculus mehr als eineinhalb Jahrtausende vor ihm.
Am spanischen Hof Philipps II. stoßen Carvajal und Orellana mit diesen Behauptungen auf äußerste Skepsis und Kritik. Die Historiker López de Gomara und Antonio Herrera bezeichnen die angeblichen Begegnungen mit den Amazonen als lügen haft. „Bezüglich der Amazonen befand man, dass der Kapitän Orellana diese kämpferischen Weiber nicht so hätte nennen dürfen, und nicht mit so schwachen Argumenten behaupten, dass es Amazonen gab, denn in Amerika waren kämpferische und bogenschießende Frauen nichts Neues, wie man schon aus Barlovento, Cartagena und überhaupt dem ganzen Gebiet her wusste, wo sie sich ebenso mutig zeigten, wie die Männer.”
Man bezweifelt also nicht die Existenz von kämpfenden Frauen, sondern hält lediglich ihre Identifizierung mit den griechischen Amazonen und die enge Analogie mit den klassischen Mythen für unzulässig.
Die Zuhilfenahme von griechischen Mythen zur Erklärung der „Neuen Welt“, von der ja nichts in der Bibel stand, war letztlich eine Hilfskonstruktion, eine Art Koordinatensystem innerhalb der „terra incognita“, in der man sich bewegte. Das galt nicht nur für diese Expedition. Gerade in der Missionszeit wurde das griechische Pantheon öfters bemüht. Das Erstaunliche in diesem Falle war, dass diese Fantasien – und „Träumereien“, um mit Humboldt zu sprechen – in der „Neuen Welt“ durchaus auf Widerhall stießen. Hier im Amazonasgebiet waren sie darüber hinaus eng mit dem Versprechen von unsagbaren Reichtümern, vom legendären Zimtland und von El Dorado verbunden. Die Frage für die Konquistadoren war nur: Gab es diese Frauen wirklich und gab es diese Schätze?
Weder die einen noch die anderen wurden gefunden – und dennoch war nicht alles reine Entdecker- und Kolonialphantasie: Etwa 350 Jahre nach der ersten Amazonasexpedition, im Jahre 1888, zeichnet der Ethnologe und Mythenforscher Paul Ehrenreich auf der Ilha do Bananal in der Gabelung des Araguaia-Stroms die Erzählung der Karajá vom „Jacaré und den streitbaren Weibern“ auf. Er bezeichnet sie als „Amazonensage in einfachster Form, ohne das altweltlichen Fabeln entlehnte Beiwerk, mit welchem die ersten Reisenden die in Südamerika so weit verbreitete Sage von den kriegerischen Weibern umgeben und entstellt haben“.

Geschichte eines Ehebruchs

Tatsächlich hat die Erzählung des Pedro Manco, Ehrenreichs Begleiter und wichtigster Gewährsmann, auf den ersten Blick recht wenig mit dem kriegerischen Frauenvolk vom Thermodon zu tun. Es ist in erster Linie die Geschichte eines Ehebruchs. „Die Weiber eines Dorfes pflegten zu gewissen Zeiten nach einer Lagune zu gehen, wo ein grosses Jacaré (kabrorô, Kaiman) hauste. Hier hatten sie sich Hütten errichtet mit Kochgeräthen, Töpfen u.s.w. Federschmuck und schöne Leibgürtel nahmen sie dorthin mit, auch Moschus, den Körper einzureiben. Eins der Weiber wurde, mit all diesen Zierrathen ausstaffirt, ihre Haut mit Moschus bestrichen und blieb am Ufer sitzen, während die übrigen im Walde Früchte sammelten (...)“
Angelockt durch den Moschusgeruch taucht der Kaiman (Jacaré) auf. Er wird zum Liebhaber der Anführerin und schenkt den Frauen Fisch und Pequifrüchte (Caryocar brasiliense, eine vitamin- und ölreiche Frucht). Den gehörnten Ehemännern  bleiben davon nur die Schalen und Gräten. Misstrauisch geworden, schicken sie einen kleinen Jungen als Spion zu den Frauen und entdecken den Betrug. Da schlüpfen sie in die Rolle der Frauen, locken den tierischen Liebhaber an und schlagen ihn tot. Als daraufhin die Frauen sehr wütend werden und ihre Männer zum Kampf herausfordern, kommt es zur Katastrophe. „Die Männer nahmen die Sache nicht ernst und legten die Pfeile umgekehrt auf den Bogen, um keinen Schaden zu thun, die Weiber aber schossen mit der Spitze und tödteten die Männer bis auf wenige, welche entkamen. Die Weiber zogen nun den Fluss hinab. Man hat nichts mehr von ihnen gehört. So lange das Jacaré gelebt hat, sprachen alle Jacarés. Seitdem spricht keines mehr.“
Verpackt in die Geschichte des Ehebruchs, erklärt die Mythe die Herkunft der Pequi-Frucht, die der arme Kaiman mit dem Leben bezahlen musste, und das Ende der Urzeit, als die Tiere noch sprachen.
Zur griechischen Sage bleibt nur die oberflächliche Analogie der autonomen, mit Pfeil und Bogen mordenden Frauen – eine Analogie, die sich bei genauerer Betrachtung nicht halten lässt, denn den Griechen galten Pfeil und Bogen nicht als Männerwaffen, sondern als Waffen der Feiglinge, die aus  sicherer Entfernung töteten, womit die Skythen gemeint waren. Die indianische Variante aber handelt von einem Rollentausch: Die Frauen versorgen die Familien mit Fisch und  Pequi, und während die Männer sich zuhause um die Kinder kümmern, hantieren sie mit Pfeil und Bogen.

Dialog der Mythologien

Die von Ehrenreich beschworene Authentizität der amerikanischen „Amazonensage“ wird etwa 100 Jahre später – fast wie dem deutschen Forscher zum Trotz – in einer moderneren  Fassung der Karajá widerlegt. Hier findet die Geschichte der treulosen Ehefrauen ein überraschendes Ende. Der Erzähler  Hawakati flicht dabei ein Mythologem ein, das zwar der griechischen, bislang aber nicht der indianischen Mythologie bekannt war: das Motiv der Brustamputation. „Dann, nachdem sie alle getötet hatten, schnitten sie sich die linke Brust ab. Dann setzten sie sich eine Schale auf den Kopf, und fielen ins Wasser. Sie wurden zu Delphinen.”
Auch die Kamayurá im nahe gelegenen Xingu-Gebiet finden Gefallen an diesem Detail. In ihrer Geschichte vom „Yamarikumá“-Geist heißt es: „Die wilden Bogenfrauen haben nur eine Brust, die linke. Auf der anderen Seite haben sie keine Brust, da schießen sie mit dem Bogen. All diese Frauen tragen Jaguarfell am Gürtel.“
Wie der Erzähler Moipti-Tewé der Kamayurá dem Ethnologen Mark Münzel berichtet, habe sein Freund José das selbst gesehen, obwohl das Dorf der Bogenfrauen weit entfernt liege. José habe durch viele unterirdische Tunnel kriechen müssen, um dorthin zu gelangen. Am Ende seiner Reise aber sei er mit großen Reichtümern belohnt worden. „Als José dort ankam, erschrak sich Yamarikumá. José schrie: ‚Huuuiiiii!‘. Yamarikumá sagte ängstlich: ‚Ach, du bist gekommen, um uns umzubringen!‘ ‚Nein, ich bin gekommen, um euch um Glasperlen zu bitten.‘ ‚Ach so. Glasperlen können wir dir geben.‘ Da brachten die Frauen eine große Kiste, eine riesengroße Kiste. Sie öffneten sie: Alles voller Glasperlen! Alles voller Glasperlen, bis zum Rand voll! ‚Nimm dir das alles mit!‘ sagten die Frauen zu José. Sie gaben ihm alles! Alle Glasperlen!“
Hier schließt sich der Kreis: Wieder tauchen die Reichtümer der „Amazonen“ auf, hinter denen schon Orellana und seine Männer her waren. Ob sich die Konquistadoren wohl auch mit Glasperlen zufrieden gegeben hätten? Wohl kaum. Der Lockruf des Goldes der „Amazonen“ diente ja dazu, die einfachen Soldaten zu rekrutierten. Ihre Erwartungen wurden aber enttäuscht. Im Laufe der Geschichte tauchten weder echte Amazonen noch ihre Schätze auf. Was blieb, waren die Geschichten und ihre Auslegungen.
In Amerika fällt die Amazonensage jedenfalls auf fruchtbaren Boden. Das Detail des Brust-Abschneidens wird von den indianischen Mythenerzählern weiter verarbeitet, vermutlich weil es gut ins Konzept der wild gewordenen Bogenfrauen passte. Erklärlich ist die Wanderung dieses Motivs tatsächlich nur aus einer gewissen „inneren Verwandtschaft von griechischen und amerikanischen Mythen“, die bereits Claude Lévi-Strauss konstatierte und die „bis ins Metaphorische“ reicht. Die Amazonensage entpuppt sich als lebendiger Mythos, der begierig neue Einflüsse in sich aufnimmt. In ihrer tropikalisierten Form wird Penthesilea zur gefährlichen brustlosen Bogenfrau und schließlich zum Delphin. Dass die legendären Gold- und Silberschätze sich ausgerechnet in Glasperlen verwandeln – ein immer noch gültiges Zahlungsmittel im amazonischen Tiefland –  ist eine bittere Ironie: Glasperlen werden hier zum traurigen Symbol für den ungleichen Tausch zwischen Alter und Neuer Welt.

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Ulrike Prinz,
studierte Ethnologie, Romanistik und Philosophie in München, Madrid und Marburg. Von 2001–2004 lehrte sie an der Ludwig-Maximilians-Universität München lateinamerikanische Themen. Seit Oktober 2007 ist sie verantwortliche Redakteurin der Zeitschrift Humboldt.

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