Verschwinden

Niemand wird jemals unsere Verwaisung bezahlen noch wiedergutmachen können

Fundación Dos Mundos (Concurso de Fotografía 'Sin Rastro'); Foto: Luis H. AgudeloBeinahe zeitgleich zu der Befreiung Ingrid Betancourts fand in Bogotá ein internationales Symposium über erzwungenes Verschwinden statt: in Kolumbien werden nach wie vor zahlreiche Geiseln festgehalten.

„Da sie meine Brüder haben verschwinden lassen, warte ich diese Nacht am Ufer des Flusses darauf, dass mit der Strömung eine Leiche angeschwemmt wird, um sie zu meinem Toten werden zu lassen. Allen von uns, die wir hier am Hafen leben, haben sie jemanden genommen, sie haben uns allen jemanden verschwinden lassen, haben uns jemanden ermordet, wir sind Waise und Witwen. So warten wir Tag für Tag darauf, dass in den schlammigen Wassern, zwischen den Palisaden, die Toten auftauchen, um sie zu unseren Brüdern, Vätern, Ehemännern oder Söhnen zu machen“, so heißt es in der Erzählung „Sin nombres, sin rostros ni rastros“ ('Namenlos, Gesichts- und Spurenlos') des kolumbianischen Schriftstellers Jorge Eliécer Pardo, der im Juni 2008 als Gewinner eines von der Stiftung Dos Mundos organisierten Erzählwettbewerbs hervorgegangen ist. Der Wettbewerb war dem Thema des Erzwungenen Verschwindens gewidmet und trug den Titel „Sin Rastro“ ('Spurenlos').

„Auch wenn sie ohne Kopf angeschwemmt werden, nehmen wir sie auf, und geben ihnen Augen, in den Farben Blau, Smaragdgrün, Kaffeebraun oder Schwarz, wir verleihen ihnen große Münder und karmelitbraunes Haar. Erscheinen sie ohne Arme oder Beine, ersetzen wir sie ihnen durch starke und flinke Gliedmaße, damit sie uns bei Landarbeit und Fischerei helfen können. Alle haben wir Namenlose auf dem Friedhof liegen, wir beten für sie und legen wilde Blumen vor ihnen nieder, damit sie uns beim Weiterleben helfen, denn es erscheinen die Männer in Uniform und treten uns die Türen ein, nehmen unsere Jungen mit, um sie weiter unten am Flusslauf zerstückelt in die Fluten zu werfen, damit die an den anderen Häfen sie im Tausch gegen ihre Verwandten wie ihre eigenen Toten behandeln. Tausende Gevierteilte kommen mit dem Fluss und die Fischer schleifen sie an die Ufer, um sie zusammenzusetzen. Niemals begraben wir einen Kopf allein, wir flicken ihn an einen Rumpf, mit kräftigen Nähnadeln und Hanf, eng gesetzten Stichen, damit die, die sie erneut töten wollen, sie nicht erkennen, wenn sie erneut auf sie stoßen“, heißt es weiter in der preisgekrönten Erzählung.

Die 427 für den Wettbewerb eingereichten Erzählungen zu lesen war, als würde man „die Büchse der Pandora öffnen“, formuliert das Jury-Mitglied Guillermo González, Direktor der in Bogotá verlegten Kulturzeitschrift Número. Er ist überzeugt davon, dass viele der literarischen Zeugnisse auf realen Begebenheiten beruhen. Die Lektüre der Texte musste er um acht Uhr abends unterbrechen, „sonst hätte ich kaum schlafen können“. In keinem der Texte kamen vereinfachende Anschuldigungen oder reißerische Darstellungen vor. „Seltsamerweise ist dieses große Paket an Erzählungen geprägt vom Respekt vor den Worten und dem, was geschehen ist, und dies erweist sich als sehr viel überzeugender als eine unverhohlene Darstellung der Tatsachen“.

„In dieser Nacht sind wir an die Ufer hinunter gelaufen und warten darauf, dass weitere Tote den Flusslauf herunter gespült werden. Man hat uns gesagt, es handele sich um die Opfer des Massakers vor einigen Wochen, um die, die sie in die Ortsmitte geschleift und dort vor den Augen aller zersägt haben. Ich wünsche mir, dass darunter ein arbeitsamer, guter Mann auftaucht, einer der Fischer oder Landwirte von weiter oben, damit ich ihm die Ehre erweisen kann, die man ihm bei seiner Erschießung nicht hat zuteil werden lassen. Meine Schwestern werden die Netze und die Chilischoten auswerfen, um die Toten einzufangen, denn es ist unklar, ob nicht vielleicht der, der ins Netz geht, jener ist, der mit seinem Opfer den Krieg enden lässt. Hier glauben wir alle daran, dass unsere geliehenen Toten die letzten des Krieges sind, in unseren Gebeten aber merken wir, dass es Trug ist“ […].

„Man hat uns gesagt, dass wir nicht die einzigen im Hafen sind, und dass in Kolumbien die Flüsse die Gräber der Opfer dieses Krieges sind. Die Alten haben behauptet, es seien stets die großen und die kleinen Flüsse, die die Toten mit sich tragen; seit der Gewalt zwischen Liberalen und Konservativen ist das so gewesen, die aufgedunsenen Körper kamen mit den Fluten, und meistens saß ein Geier auf ihnen“.

In Kolumbien „ist die Gewalt der vierziger und fünfziger Jahre wieder entfacht, weil die Wunde von damals nicht richtig verheilt war“, so González über jenen Bürgerkrieg, der 1946 begann und einen kurzen Waffenstillstand erlebt hat. Nun gilt es Künstler, Forscher, Intellektuelle, Wissenschaftler, Juristen und Journalisten zu finden, die es sich zur Aufgabe machen, „diese Wunde zu schließen, die in die Gegenwart hineinwirkt und äußerst tief durch uns alle und ganz Kolumbien verläuft“.

„Die Zukunft besteht aus Gegenwart und Vergangenheit, und die Zukunft lässt sich nicht auf Millionen Leichen errichten. Die Wunde muss erst einmal gesäubert und genäht werden. Es lässt sich nicht nach vorne blicken, wenn wir im Rücken keinen Schutz haben“, stimmt der spanische Richter Baltasar Garzón zu, der einer der Teilnehmer auf dem internationalen Symposium über erzwungenes Verschwinden war. Das ebenso „Sin Rastro“ betitelte Symposium fand vom 24. bis 27. Juni 2008 in Bogotá statt und versammelte Experten aus zehn Ländern.

Garzón hat im Rahmen der internationalen Rechtssprechung Prozesse gegen in Lateinamerika begangene Menschenrechtsverletzungen angeführt. Das erzwungene Verschwinden definiert er als die „endgültigste Erniedrigung eines Menschen“.

„Wenn sie Augen haben, verschließen wir sie ihnen, denn es ist bedrückend, den entsetzten Blicken ausgesetzt zu sein. Es scheint fast, als würden sich in den gläsernen Pupillen die Mörder spiegeln. Die Bewaffneten, die auf dem Grund der Augen der Toten verbleiben, machen uns Angst, als wären sie bereit, auch uns zu töten. Viele der Augenlider lassen sich nicht mehr verschließen, und im Hafen erzählt man sich, dass dies so sei, damit wir die, die die Blutbäder verursacht haben, nicht vergessen. Wir begraben sie so, mit dem Siegel des Schmerzes und der Straflosigkeit, und sehen in die dunklen Gewölbe hinunter“, heißt es weiter im Text von Jorge Eliécer Pardo.

Alle drei Tage verschwinden in Kolumbien drei Menschen, so die Erhebungen der Kolumbianischen Juristen-Kommission (CCJ, Comisión Colombiana de Juristas), einer humanitären Organisation mit beratender Funktion vor den Vereinten Nationen. Im Zeitraum zwischen Juli 2002 bis Mitte 2007 sind 1.259 Menschen Opfer des erzwungenen Verschwindens geworden. Die Situation ist „grauenhaft“, so der Direktor der CCJ, Gustavo Gallón.

Die CCJ hat bei der Nationalen Staatanwaltschaft in 452 Fällen wegen der Rechtssituation von erzwungenem Verschwinden angefragt, die sich zwischen Dezember 2002 und November 2007 ereignet haben. In einem Fall läuft der Prozess, ein anderer Fall wird gerade aufgenommen, bei drei Fällen sind die Voruntersuchungen in Gang. 51 Fällen wird in „irgendeiner Weise nachgegangen“, 125 Fällen wiederum nicht, und in den restlichen Fällen hat die Staatsanwaltschaft „den Gesuchen keine Folge geleistet“, berichtete Gallón. Niemand kennt die genaue Zahl der Verschwundenen. Und schon Mitte des 20. Jahrhunderts hätte man eine Erzählung schreiben können wie die, die nun den 2008 ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen hat.

Man spricht davon, dass es eine Unterbrechung des Verschwindens gegeben hat, und zwar im Zeitraum von 1957 bis 1977. Die Methode wurde erneut angewandt, noch bevor im Jahr 1983 Drogenschmuggler ultrarechte paramilitärische Einheiten schufen, ganz nach Vorbild der bewaffneten Banden, die mit den öffentlichen Sicherheitskräften in den vierziger und fünfziger Jahren zusammen arbeiteten. Die Nationale Kommission für Wiedergutmachung und Versöhnung („Comisión Nacional de Reparación y Reconciliación“), die 2005 im Zeichen des Gesetzes für Gerechtigkeit und Frieden („Ley de Justicia y Paz“) gegründet wurde, sich Wiedergutmachungs- und Versöhnungsaufgaben widmet und die Entwaffnung der Paramilitärs regelt, schätzt die Zahl der Verschwundenen auf 20.000.

Drei Prozent der Fälle werden linken Guerrilla-Gruppierungen angelastet: „Etwa 97 Prozent dieser Fälle betreffen Staatsfunktionäre. 28 Prozent werden direkt gegen Staatsmänner verübt. Gewährung oder Beihilfe zum Verschwinden liegen in 69 Prozent vor“, so Rechtsanwalt Gallón. Die Täterschaft, die direkt die öffentlichen Sicherheitsdienste betreffen, hat sich in den letzten fünf Jahren um das Vierfache erhöht.

Die Regierung hegte Hoffnung auf „ein wenig Wahrheit, ein wenig Gerechtigkeit, ein wenig Wiedergutmachung“, wie es seinerzeit Friedenskommissar Luis Carlos Restrepo vor dem Parlament formulierte. Restrepo hat lange in Sachen Entwaffnung der Paramilitärs verhandelt und hier teilweise Erfolge verzeichnet.

Doch das Gesetz für Gerechtigkeit und Frieden nahm eine andere Wendung, denn das Bundesverfassungsgericht (Corte Constitucional) verlangte von den Ultrarechten „die ganze Wahrheit” als Voraussetzung für die Erlangung juristischer Vorteile. Unter diese Vorteile fiel etwa eine Reduzierung der Höchststrafe bei grausamsten Straftaten auf acht Jahre. Nicht wenige waren es, die sich dafür entschieden, zu gestehen.

Und dennoch: in Regionen wie San Onofre, einem Gemeindebezirk des Verwaltungskreises Sucre im Nordwesten des Landes, senken die Mütter stets noch die Stimme, wenn sie mit der Journalistin über ihre verschwundenen Kindern sprechen, da sie davon überzeugt sind, das die „desaparecedores“, die für das Verschwinden verantwortlich sind, an den Orten der institutionellen Macht sitzen. Oder aber es legt in La Dorada, im südlichen Verwaltungskreis von Putumayo, eine Frau der Verfasserin dieses Textes im Juni 2007 erschüttert dar, die Paramilitärs hätten ihr damit gedroht, ihre fünf Kinder zu ermorden, käme sie auf die Idee, zu erzählen, dass sich auf ihrem Gelände geheime Gräber befinden.

Auf dem Seminar „Spurenlos“, das ebenso von der Stiftung Dos Mundos organisiert wurde, trafen Angehörige von Verschwundenen aus Argentinien, Chile und Guatemala zusammen. Der Unterschied zu Kolumbien bei diesen Ländern ist, dass hier die Suche nach den Verschwundenen stattfindet, nachdem Kriege oder Diktaturen beendet wurden. Gleiches gilt für Spanien.

Die von der Staatsanwaltschaft geschaffene Arbeitsgruppe „Gerechtigkeit und Frieden“ verfügt über forensische Verbände, die mit den bloßen Händen arbeiten und namenlose Gräber auf Dorffriedhöfen öffnen, oder sich in Kriegszonen begeben, um geheim eingerichtete Gräber auszumachen.

Die Interventionen der forensischen Einheiten, die Massengräber identifizieren, gelten als militärische Eingriffe. Oftmals finden die Einheiten aufgewühlte Erde vor, oder leergeräumte Gräber. Manchmal ertönen Maschinengewehrgarben und Explosionen.

Doch sie geben sich nicht geschlagen. „Den Familien ihre Toten auszuhändigen” ist das wichtigste Ziel jener Arbeit, der sie sich alle aus Überzeugung verpflichtet haben, so der forensische Anthropologe Jaime Castro gegenüber des Programms „Contravía“ (‚Gegenspur’), das der Journalist Hollman Morris leitet und das von der EU finanziert wird.

Fundación Dos Mundos (Concurso de Fotografía 'Sin Rastro'); Foto: Jaime Pérez MunévarEs sind bislang etwas mehr als tausend Exhumierungen vorgenommen worden, und ein Drittel der Körper konnte identifiziert werden. Doch die Verschwundenen der siebziger, achtziger und neunziger Jahre tauchen nicht auf. „Gerade einmal bergen wir die jüngst Verschwundenen“, so Gloria Gómez, Vorsitzende der kolumbianischen Vereinigung der Angehörigen von Festgehaltenen und Verschwundenen („Asociación de Familiares de Detenidos Desaparecidos“), die seit „fünfundzwanzig Jahren unermüdlich auf der Suche ist“. Bezüglich der Identifizierten und an die Familien Zurückgegebenen gibt die Staatsanwaltschaft keine Auskunft darüber, bei wie vielen es sich letztlich um Paramilitärs handelt, deren Überreste von den eigenen Ex-Kollegen ausfindig gemacht wurden, um den rechtlichen Bonus einzustreichen. Die Vereinigung der Opfer der Staatsverbrechen („Movimiento de Víctimas de Crímenes de Estado“) hat bislang nichts in der Hand, womit den Witwen auf ihrer verzweifelten Suche nach ihren in den Flüssen dahin treibenden Toten geholfen werden könnte. Im März fand eine riesige Demonstration statt, die an die Opfer erinnerte. Um der Tausenden zu gedenken, die in einem aus Algen gefertigten Leichentuch ihr Ende gefunden haben, hat die Ehrerweisung im Zentralen Hafen von Flandes am Río Magdalena stattgefunden. Sie wurde damit eröffnet, dass tausende Blumen auf das Wasser nieder regneten. Der Fluss durchquert Kolumbien von Süd nach Nord und mündet im karibischen Meer.

„Mein Mann ist sicherlich von einer anderen trauernden Mutter erlöst worden, irgendwo weiter unten am Flusslauf, denn wir haben erfahren, dass man ihn unbekleidet und in zwei Stücken ins Wasser warf; man beschuldigte ihn, Mittelsmann der bewaffneten Gruppen zu sein. Er wird fremde Hände und einen fremden Kopf haben, doch er wird niemals aufhören, jener Mann zu sein, denn ich auf ewig liebe, so werden sie ihn mir mit Gewalt entrissen haben, in meine Tränen getaucht. Mir sind die Tränen ausgegangen, die Wut aber versiegt nicht. Vergebung, Vergessen und Wiedergutmachung scheinen mir eine Beleidigung. Niemand wird jemals unsere Verwaisung bezahlen noch wiedergutmachen können, in die wir geworfen wurden. Niemand. Nicht einmal der Fluss, der uns die Krumen zurückgibt, unsere Nahrungsquelle ist und uns die Toten anschleppt, damit wir die Hoffnung nicht aufgeben.

„In diesem Bereich menschlicher Entwürdigung sind die, die den größten Schutz verlangen, die Opfer“, doch gleichzeitig „ist es unmöglich, ohne deren Unterstützung und Mitwirkung Gerechtigkeit zu schaffen“, gibt Baltasar Garzón zu bedenken.

Die Bilder, die diesen Artikel begleiten, sind Teil jener siebzig Fotografien, die im Rahmen des ebenso von der Stiftung Dos Mundos u.a. organisierten Fotowettbewerbes „Sin Rastro“ ausgewählt wurden.
Constanza Vieira,
(Journalistin/Kolumbien) ist Auslandskorrespondentin des Inter Press Service (IPS). 1996 Rundfunkpreis von der Vereinigung Ausländischer Presse in Kolumbien für eine Reportage im Deutschlandfunk. Auszeichnung "Richard De Zoysa" für herausragende Leistungen im unabhängigen Journalismus 2005 in der Kategorie gefährliche Berichterstattung. 2006-2007 Stipendiatin der Avina-Stiftung im Bereich investigativer Journalismus für eine nachhaltige Entwicklung in Lateinamerika.

Übersetzung: Rike Bolte
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2008