Und nach mir die Sintflut? Natur – Kultur: Kunst

Eine poetische Wahrheit

Satellitenbild der Namib-Wüste, Namibia. Mit freundlicher Genehmigung: USGS National Center for EROS and NASA Landsat Project ScienceDer Klimawandel ist ein literarisches Genre. Seine Protagonisten heißen Gletscher oder Verkarstung. So wie die Literatur hat auch der Klimawandel seine Kritiker, seine Popen, seine Pontifices.

Der Klimawandel ist ein literarisches Genre. Seine Dekadenz wird auf internationalen Foren diskutiert, und die Nachrichten, die von ihm handeln, vermitteln den Eindruck, dass er in der Katastrophe enden wird. Genauso wie die Novelle. Genauso wie die Literatur insgesamt. Genauso wie fast alle Sprachen, in denen die Novellen im Besonderen und die Literatur im Allgemeinen verfasst werden. Einer der Protagonisten dieser Geschichte aus Leidenschaften und Gleichgültigkeiten ist die Erwärmung des Planeten, ein allwissender Erzähler, ein harter und skrupelloser Typ, der imstande ist, an der Ausbreitung unerträglicher Dürren teilzunehmen und gleichzeitig die Polarkappen abzuschmelzen. Es ist nicht irgendein Protagonist. Er hat die Macht, uns schuldig fühlen zu lassen, denn so wie die Literatur und Frankenstein ist er vom Menschen erschaffen worden.

Der Klimawandel mischt Elemente der historischen Novelle bei, doch in vielen Aspekten ist er Science-Fiction pur. Man weiß, wie er begonnen hat. Doch von da an verliert sich das Argument in experimentellen Abschweifungen, die eher dem Nouveau Roman oder dem Magischen Realismus zueigen sind. Der Anstieg des Meeresspiegels und die Überflutung ganzer Regionen und Länder ist ja bereits von der Bibel und vor etwas kürzerer Zeit von Gabriel García Márquez vorhergesagt worden. Den Anstieg der Temperaturen und den Wandel der Ernährungsgewohnheiten wiederum hat die beste Science-Fiction vorhergesagt – ohne jede Notwendigkeit, auf so offenkundig effiziente Marketing-Direktoren wie Al Gore zurückzugreifen.

Al Gore ist für den Klimawandel das, was Harold Bloom für die Literatur ist. Er bestimmt den Kanon, er beeinflusst die Gemeinschaft der Experten und kreiert Botschaften, die sich über den Planeten mit der Macht von Seuchen ausbreiten. Rein physisch hingegen sind sich Bloom und Gore nicht ähnlich. Der erste könnte gut der König eines fiktiven, autarken Landes sein (ein Vetter ersten Grades von Orson Welles), wohingegen der zweite eher aussieht wie ein brillanter, von kosmetischen Gesichtsbehandlungen abhängiger Druckerfabrikant. Für den Leser multiplizieren sich die argumentativen Aufhänger der Geschichte. Der CO2-Ausstoß etwa ist eine faszinierende literarische Rolle! Von einem Menschen erdacht, den unbändiger Wille, Ehrgeiz und Bereicherungssucht antreibt, hat er das Gleichgewicht schon beseitigt und droht nun, die Biosphäre zu verändern. Die Macht dieser Rolle wird zudem durch perfekte Metaphern visualisiert, sie sind graphisch aggressiv und verfügen über eine hohe dramatische Last: Industrieschlote, die wie Kanonen in den jungfräulichen Himmel speien, oder Autostaus, als Summe des Bösen von Millionen Auspuffrohren.

Satellitenbild des Vatnajöküll-Gletschers, Island. Mit freundlicher Genehmigung: USGS National Center for EROS and NASA Landsat Project ScienceEine weitere meiner Lieblingsfiguren ist der Gletscher, der nun zusammenbricht, nach Jahrtausenden des Widerstands. Wir haben die Szene hundertfach im Fernsehen gesehen: Der kompakte Gletscher, dieser Sohn, Enkel und Urenkel von Gletschern, der bloß von einem natürlichen Podest aus durchsichtigem und eisigem Wasser umgeben ist, zersplittert und fällt lärmend in sich zusammen, voller Schmerz, Dramatik und Ohnmacht. In Zeitlupe und mit einem tendenziell depressiven Soundtrack unterlegt, strahlt das Bild sogar noch mehr Schmerz aus. Die Szene ist schon Teil unserer Albträume, und wir haben das Recht, zu vermuten, dass jemand wie in den besten Intrigen der Nouvelle Noir sich darum kümmert, die gleiche Szene ein ums andere Mal zu wiederholen, um von den Elementen eines Verbrechens abzulenken, das wir begangen haben können. Es gefällt uns, die Szene neu zu betrachten, und wir vermissen bloß ein paar Pinguine, die verzweifelt und diszipliniert ins Meer hüpfen, um das Gefühl eines choreographischen Selbstmords zu vervollkommnen.

Der Klimawandel ist unersättlich, seine narrative Struktur ist kannibalisch: Er muss sich selbst verschlingen, um das Niveau an Intrige, Beklemmung und Hoffnung aufrechtzuerhalten, das eine immer größere Zahl an Lesern beschäftigt. Zu Beginn achteten wir ja nicht auf ihn. Jemand sprach zu uns vom Klimawandel, aber wir maßen dem keine Wichtigkeit bei. Doch wie bei den besten Figuren setzte er die Macht der Verführung durch, die Schurken näher ist als Helden. Dort ist er, wächst jeden Tag, spielt mit unserer Angst und hält uns im Bann, nimmt unsere lieblichen und egoistischen Verschwendungen ein. Wie die besten Bücher zwingt er uns, auf aufeinander folgende Entwicklungen zu achten, verführt uns mit neuen argumentativen Wendungen, die stets komplexer und überraschender sind, als die vorangegangenen.

Satellitenbild der Dasht-e Kevir-Wüste, Iran. Mit freundlicher Genehmigung: USGS National Center for EROS and NASA Landsat Project ScienceDie Versteppung zum Beispiel: Welche großartige Figur! Dank der Computertechnologie können wir ihre zerstörerischen Effekte visualisieren. Ihr Zauber zwingt uns, auf den Bildschirm zu starren, ohne dabei mit der Wimper zu zucken. Meistens sehen wir eine liebliche Stadt an einem sonnigen Tag. Die Leute spazieren auf der Straße. Die Vögel singen. Die Hypotheken werden pünktlich bezahlt. Die städtischen Brigaden holen den zuvor sorgsam von den Bürgern getrennten Müll ab. Alles scheint normal zu sein. Doch plötzlich sagt uns eine Off-Stimme mit pseudowissenschaftlicher Betonung, dass diese Stadt von einer gnadenlosen Sonne und Temperaturen, die unseren Lebenswandel verändern werden, bald dem Erdboden gleichgemacht wird. Und nach einer Salve an Spezialeffekten sehen wir die gleiche Stadt als Opfer des Klimazorns, gebraten wie Rippchen auf einem Grill, von den eigenen Exzessen verkohlt. Denn in diesen fiktiven Rekonstruktionen futuristischer Desaster sehen wir ja nie eine Ekel erregende, korrupte Stadt, nie ein durch die Erwärmung des Planeten gerettetes, obskures, degeneriertes Gotham City. Es wäre nicht kommerziell, es hätte nicht die beunruhigende Attraktivität der Katastrophe, den Sensationalismus der besten Argumente der Bestseller. Wenn wir einen Filmproduzenten besuchen und ihm sagen würden, dass wir die Geschichte eines Klimawandels erzählen wollen, der die Lebensbedingungen verbessert, anstatt sie zu beschädigen, würde man uns sagen, dass dies nicht wahrscheinlich klingt, dass er dafür kein Geld ausgeben würde und dass Popcorn verschlingende Jugendliche niemals Geld für einen angstfreien Gruselfilm ausgeben würden.

Satellitenbild einer Whirlpool-Wolke über dem Mittelmeer zwischen Marokko und Spanien. Mit freundlicher Genehmigung: USGS National Center for EROS and NASA Landsat Project ScienceSo wie die Literatur hat auch der Klimawandel seine Kritiker, seine Popen, seine Pontifices. Sie sind imstande, stürmische Regenfälle mit der gleichen Leichtigkeit von einem durch den Klimawandel hervorgerufenen Taifun zu unterscheiden, mit der ein Literaturkritiker die Einflüsse von Bela Bartok in der Prosa von, sagen wir, Alejo Carpentier entdeckt. Sie können sogar den Wandel diagnostizieren, auch wenn sie fast nie richtig liegen. So wie die Kritik der Literatur organisiert auch die des Klimawandels Kongresse, Tagungen und Spezialistentreffs, auf denen nach neun Uhr abends über Gebühr getrunken wird. Vorsicht vor solchen Momenten! Wenn ein Klimawandelkritiker zuviel trinkt, trällert er Nachtmusiken von Chopin, starrt auf die Eiswürfel in seinem Whiskey-Glas und eitert Melancholie, so wie jemand, der zuschaut, wie der Ozean die verletzliche Oberfläche eines Gletschers korrumpiert.

Der Klimawandel verliebt sich nie. Schon seit einiger Zeit verzichtet diese Art von Gestalten auf Gefühle. Die Leser sind die Sentimentalitäten und Romantizismen satt. Sie verehren die gnadenlosen Typen, die vor niemandem Halt machen und vorangehen, allen Hindernissen zum Trotz. Da steht er nun und liefert unermüdlich negative Statistiken, multipliziert seine Effekte, um jede positive Deutung Lügen zu strafen und den Liebhabern starker, dreckiger, verzweifelter Stoffe Fraß vorzuwerfen. Der Klimawandel ist überdies eine unendliche Novelle. Sie begann mit kleinen Anekdoten, aber nach und nach haben wir festgestellt, dass das Drama größer war, allgegenwärtig war, und dass seine Tentakel über das Offensichtliche hinausragten. Wenn man es bekämpft, wird es nur stärker. Wenn man versucht, es zu betrügen, rebelliert es. Nicht mal Steven Spielberg könnte es filmen. Täte er es, würden wir sehen, wie die Bewohner ganzer Ortschaften durch die Fenster schauen, und in ihren Gesichtsausdrücken könnten wir erahnen, dass es sich um ein unmöglich zu beschreibendes Monster handelt, von dem wir lediglich wüssten, welche Angst es verbreitet, welchen Schrecken es suggeriert. Niemand würde versuchen, zu fliehen, denn wo auch immer Du hingehen würdest, der Klimawandel würde Dich finden, in Dich hineinschlüpfen, Deine Söhne und Deine Eltern vergewaltigen, Dir Dein Erspartes rauben, Deine Besitztümer zerstören und Dich in das verwandeln, was Du bist: Ein verschrecktes Wesen, das sich vor der Wettervorhersage fürchtet.

Der Klimawandel ist eine Art der wahrscheinlichen Angst. Es gibt andere, und alle sind mit mehr oder weniger wissenschaftlichen Argumenten belegt. Zum Luxus unserer Zeit zählt es, dass sich die Ängste multiplizieren. In den Büchern von Asterix und Obelix gibt es nur die Angst, dass der Himmel den Galliern auf den Kopf fallen könnte. Es ist der erste Präzedenzfall des einschüchternden Klimawandels. Die Eigenheit des Klimawandels ist, dass er in andere Ängste eingreift. Früher hatten wir Angst, zu sterben oder Bankrott zu gehen, nun entwickeln wir unsere Ängste weiter und denken, dass wir vor Durst sterben und uns ruinieren werden, weil Dürren und Taifune unsere Besitztümer beseitigen werden. Es gibt Bilder, die das bestätigen. New Orleans, Burma. Das Fernsehen ist vor Ort, um all die Bilder aufzuzeichnen, die, vorschriftsmäßig manipuliert, die Industrie des Umweltschreckens nähren. Ist das gerechtfertigt? Natürlich! Im Namen der Verbreitung und der Pädagogik werden viele Wahrheiten ausgesprochen und mit dem Semmelmehl der Interessen paniert. Wie kann man eine skeptische und misstrauische Bevölkerung schrecken? Indem man, mit dem Talent eines Stephen King, noch mehr übertreibt, und zulässt, dass die Alarmsymptome durch die am wenigsten wahrnehmbaren Gitter der Alltäglichkeit hindurchschlüpfen.

Eines Tages wird Gregor Samsa aufstehen und in eine enorme Kakerlake verwandelt sein. Anstatt über seine existenzielle Verwandlung nachzudenken, wird er glauben, dass er das Produkt des Klimawandels sei. Proust wird früh zu Bett gehen, weil die verlorene Zeit in Form eines Zyklons oder der Versteppung vorüberziehen wird. Thomas Mann wird in keinem Kurort mehr einen Platz finden, denn irgendjemand wird herausgefunden haben, dass die Thermalbäder im Grunde umweltvergiftend sind.

Der Klimawandel ist mehr als eine Gewissheit, er ist eine Industrie. Er funktioniert, indem er die Schrullen von Angebot und Nachfrage befolgt. Bald wird er an die Börse gehen. Sein Markt ist unbegrenzt, denn wir alle haben das Bedürfnis, ihn zu konsumieren, zu seinem Zauber vorzudringen, um uns schuldig zu fühlen und ein schlechtes Gewissen mitzuschleppen, das uns in fügsame Steuerzahler, disziplinierte Wähler, beispielhafte Väter und Gatten verwandelt.

Satellitenbild der Südküste Frankreichs. Mit freundlicher Genehmigung: USGS National Center for EROS and NASA Landsat Project ScienceManchmal, wenn der Sturm der Katastrophen-Nachrichten aufzieht, gehe ich auf die Straße und spaziere umher. Ich sehe die Bäume, die Sonne, den blauen Himmel und beginne zu schwitzen – was das ist, was wir am Mittelmeer schon immer getan haben. Ich sehe ein Mädchen, das ein Eis isst, eine Frau, die sich etwas auf ihre Beine einbildet, und einen Jugendlichen, der das Gleichgewicht seines Skateboards auf die Probe stellt. Ich erinnere mich daran, dass vor einigen Jahren die Sonne Synonym der Freude war. Wir alle wollten, dass die Sonne scheint, und wir assoziierten mit ihr Strände, Feste im Morgengrauen und Meerbäder im Mondschein. Nun ist die Sonne ein Feind, denn mit ihrer Macht erinnert sie uns an umweltpolitische Fehler, die begangen wurden. Der Regen hingegen, der immer lästig vorgekommen war, ein Hindernis für das Leben auf diesem Planeten, hat nun immer mehr Prestige. Von den Botschaften der Unheilsverkünder und Prediger erpresst, gehen wir jedes Mal, wenn es regnet, hinaus und applaudieren und konsultieren im Internet den Pegelstand der Stauseen. Und so möchte ich einmal mehr – ehe es ein Delikt wird, die Sonne zu lieben – laut sagen: Ich liebe das gute Wetter, die Sonne, die Hitze und das mediterrane Klima.


Der Text erschien zuerst in der Süddeutschen Zeitung vom 5. Juli 2008.
Sergi Pàmies (1960, Paris)
kam 1971 nach Barcelona. Er ist Mitarbeiter bei diversen Feuilletons und Literaturzeitschriften, arbeitet als Übersetzer und ist der Verfasser von zahlreichen Novellen und Erzählungen. Er schreibt auf Katalanisch. Seine Sammlung von Erzählungen über Barcelona (dt. Der große Roman über Barcelona) war ein internationaler Erfolg.

Übersetzung: Javier Cáceres
Copyright: Süddeutsche Zeitung
www.diz-muenchen.de