Und nach mir die Sintflut? Natur – Kultur: Kunst

Von der Ästhetik des Weltuntergangs

Al Gore im Dokumentarfilm „Eine unbequeme Wahrheit“  (USA, 2006) Regie: Davis Guggenheim © ParamountWas haben indianische Visionen und Hollywoods apokalyptische Fantasien in Zeiten des Klimawandels gemein?

Die Welt der Apapocúva-Guaraní stürzt von Westen her ab: der Schöpfer selbst zieht die Stütze weg und lässt den Erdbrandt beginnen. Die Flammen brechen an die Oberfläche hervor und donnernd stürzt das dahinter liegende Stück ab. So schreitet das Verderben erst langsam, dann immer schneller von Westen nach Osten voran. […]

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts leben die Guaraní-Stämme Brasiliens und Paraguays in Endzeitstimmung: Propheten verkünden den nahen Weltuntergang und scharen hunderte von Anhängern um sich. Die mythischen Erzählungen dienten ihnen als Grundlage ihrer Überlegungen und als Argument um politische Entscheidungen zu treffen.

Ihre gründliche Vernichtung malen sich die Apapocúva- Guaraní (Nandeva) in den verschiedensten Variationen aus: Eine große Flut wird alles überschwemmen, dann fängt die Erde zu brennen an und zum Schluss verschlingt der blaue Tiger (Jaguar) alle Lebewesen.

Das Wasser flutete über das Haus hin, und Guyraypotoý (Vogelblume, ihr Führer) begann zu weinen. […] Dagegen zeigte sich seine Frau weit kaltblütiger. Sie hieß ihren Gatten auf das Dach steigen und seine Arme ausbreiten, damit sich die vom Wasser bedrängten Vögel darauf setzten. Sobald sich gute Vögel […] darauf niederließen, solle er sie durch einen Schwung seiner Arme zum Himmel hinauf befördern. Und da das Wasser in dem Haus schon die Höhe der Knie der Anwesenden erreicht hatte und sie ihre Tanz-Taquara (Stab) nicht mehr auf den Boden stoßen könnte, stieß sie gegen einen Pfosten des Hauses und setzte ihren Gesang fort. […] Guyraypotoý sang unbeirrt weiter und „alsbald löste sich das Haus vom Boden los, schwamm auf der Oberfläche des Wassers dahin und stieg schließlich mit allen seinen Insassen zum Himmel empor. […] Das Haus ging durch die Himmelspforte in den Himmel hinein; es war aber auch höchste Zeit, denn unmittelbar hinter ihm schlug auch schon das Wasser der Sintflut gegen den Himmel

Die Führer der Apopocúva rufen zur Flucht vor der hereinbrechenden Katastrophe auf. Mit hunderten von Anhängern, den gesamten Stammesverbänden begeben sie sich auf die Suche nach Yvý marãey, dem „Land ohne Übel“ (terra sem mal).


Die Ästhetik des Untergangs

Kaum eine Zivilisation, die nicht ihren Untergang besingt. So wie es einen Anfang gab, muss es auch ein Ende geben, und das fällt eben gerne bombastisch und fürchterlich aus. Doch was bewirken solche Fantasien in den jeweils unterschiedlichen kulturellen Kontexten?

„Wildes Entsetzen“ in Distanz überführen zu können, das ist nach Hans Blumenberg die Funktion von Ritual und Mythos. Die Benennung von Urängsten, ihre Ästhetisierung hilft dem Menschen bei der Daseinsbewältigung, denn wie der Philosoph in seinem Werk Arbeit am Mythos betont, ist es „zweifellos eine der elementaren und bewährten Methoden, in der Finsternis nicht nur zu zittern, sondern auch zu singen.“ Blumenberg zufolge steht die Angst, der namenlose Schrecken am Anfang der Menschwerdung. Diese Angst entspricht der Hilflosigkeit des Menschen angesichts der Übermächtigkeit des Unvertrauten. Indem der Mensch dieses Unvertraute, Angstauslösende benennt, es in Bildern formt und dadurch zähmt, distanziert er sich gleichzeitig von dem ursprünglichen Schrecken.

Im Spannungsfeld zwischen Poesie und Terror bewegt sich nicht nur die apokalyptische Mythologie der Guaraní-Indianer, hierhin gehören auch jene Formen der Auseinandersetzung mit dem Klimawandel, die Bilder von entfesselten Urgewalten der Natur über uns hereinbrechen lassen. Apokalyptische Endzeitmythen auf der Kinoleinwand sind zurzeit wieder en vogue. Bilder von abgeholzten Regenwäldern, schmelzenden Gletschern, todbringenden Sturmfluten bevölkern unsere Gehirne und lösen vor allem eines aus: die Angst vor der letzten großen Katastrophe. Auf der Leinwand kämpft der Held den meist vergeblichen Kampf gegen die Naturgewalten: Feuersbrunst, Stürme und nicht enden wollende Regenmassen brechen über ihn herein. Wie kein anderes Medium ist der Katastrophenfilm geeignet, Urängste wieder aufleben zu lassen. Welche Funktion erfüllen diese Bilder jenseits ihres unbestrittenen Unterhaltungswerts und vielleicht mitunter auch kathartischen Effektes? Distanzieren sie uns vom ursprünglichen Schrecken oder paralysieren sie uns?


Mythos als Reflexionsargument

Die Aufzeichnung der poetisch-katastrophischen Tradition der Apapocúva-Guaraní ist ein Zeugnis von trauriger Schönheit. Wir verdanken sie dem Indianerforscher und Außenseiter Curt Unckel, der 1903 nach Brasilien ausgewandert war. Zwei Jahre, mit kurzen Unterbrechungen, lebte er bei einer Gruppe der Apapocúva-Guaraní, von denen er auch seinen indianischen Namen Nimuendajú erhielt, was soviel bedeutet, wie: „der, der sein Haus baute“ („o que estabeleceu sua morada“) (siehe Humboldt 151). Er rekonstruiert die Geschichte ihrer Wanderbewegungen seit dem frühen 19.Jahruhundert. Am eigenen Leib erlebt er ihre existenzielle Bedrohung und Einengung, zum Teil begleitet er überlebende Splittergruppen in die von der Regierung zugewiesenen Reservate.

Nimuendajú weist nach, dass tatsächlich nicht der Mangel, nicht die schlechten Lebensbedingungen oder kriegerische Auseinandersetzungen die Guaraní-Gruppen aus ihren Ursprungsgebieten im südlichen Mato Grosso vertrieben haben, sondern rein religiöse Motive. Die Furcht vor der Zerstörung der Welt und die damit einhergehende Hoffnung auf ein „Land ohne Übel“.

Tatsächlich brachten ihre endlosen Wanderungen quer durch den Kontinent den Apapocuva nicht die erhoffte Befreiung. Im Gegenteil: Zu den Entbehrungen jahrelanger Wanderschaft und den kriegerischen Zusammenstößen mit feindlichen Gruppen, deren Gebiete sie durchquerten, kommen zu Beginn des 20. Jahrhunderts neue Krankheiten und die fortschreitende Kolonialisierung Brasiliens. Dezimiert und geschwächt geraten die verschiedenen Splittergruppen in die Hände von Siedlern. Sie werden versklavt oder enden in trostlosen Reservaten.

Nimuendajú berichtet vom Schicksal einer Splittergruppe, die nach langen Strapazen endlich das ersehnte Ziel erreicht hatte. Im Anblick des Meeres aber erschraken sie vor seiner Gewalt und dem „Eindruck der Brandung, welche wie ein grimmiger Feind beständig gegen die Erde Sturm zu laufen schien“, so dass sie sich verunsichert ins Landesinnere zurückzogen. Tanzend sollten sie das Meer überqueren, so wollte es die Vorhersage. Doch nun lag es so unendlich weit und mächtig vor ihnen.

Nimuendajú schildert, wie sich die aussichtslose Situation der dezimierten Gruppen auf ihr Seelenleben niederschlägt. Sein alter Freund und Schamane Pataý sinniert mit Vorliebe über mbaé meguá, über das „Verderben“, und bezieht jede verdächtige Naturerscheinung, Eklipsen oder auch nur auffällige Wolkenbildungen und Lichtreflexe auf das nahende Ende.

Die Flucht vor der Zerstörung der Welt durch den Schöpfer hatte sich für die Mehrzahl der Gruppen fatal ausgewirkt: Sie hatten ihr Land verloren, waren zu kümmerlichen Horden zusammengeschrumpft, und sogar diejenigen, die schließlich das Meer erreicht hatten, mussten am Ende kapitulieren. Die Botokuden sind Überlebende dieser wilden Völkerwanderungszeit der Guaraní. Als sie das Gebiet der Kaingang durchquerten, wurden sie furchtbar dezimiert und nur wenige konnten sich retten. Sie hießen auch Yvaparé, „die, die in den Himmel wollten“.

Die depressive Verzagtheit der Apapocuva fällt mit ihrem kulturellen Niedergang zusammen. Sie mündet in einer elegischen Apathie, die nichts anderes mehr herbeisehnt als ihren kollektiven Tod in Form des Weltendes. In ihren Erzählungen überträgt sich ihre Lebensmüdigkeit auf die Erde selbst: „Heute ist die Erde alt, unser Geschlecht will sich nicht mehr vermehren. Die Toten sollen wir alle wiedersehen, schließlich stürzt die Nacht herab. […]“


Hollywoods Endzeitvisionen

Nicht nur unter Indianern, auch hierzulande sind Mythen Indikatoren für gesellschaftliche Diskurse und Befindlichkeiten. Ebenso wie die mythischen Erzählungen der Apapocúva nicht nur als Geschichten einer fernen Urzeit zu verstehen sind, sondern als Reflexionsargument ihrer aktuellen Situation, so bebildern die Kinofilme die Befürchtungen der modernen Gesellschaft. In der Ästhetisierung der Katastrophe gleichen sie den Endzeitvisionen, in denen die Natur sich gegen die Menschen auflehnt und sie in einem gnadenlosen Kampf an den Abgrund bringt oder vernichtet.

Wie Manfred Hobsch im großen Lexikon der Katastrophenfilme darlegt, spiegelt sich in den Ufo-Filmen der 50er Jahre die Angst vor dem Kommunismus, in den 90er Jahren häufen sich Bilder der Apokalypse. Wieder werden alte Ängste bedient, diesmal aber vor dem Hintergrund des Klimawandels.

Im Science Fiction-Drama von Independence Day (1994), in dem Außerirdische die Welt angreifen, entdeckt Roland Emmerich die Schönheit der Apokalypse. 2004 folgt vom gleichen Autor The Day after Tomorrow, ein Film, der den Klimawandel und die Gefahren der globalen Erwärmung thematisiert. Klimaforscher Jack Hall warnt darin vergeblich vor den dramatischen Veränderungen des Weltklimas, wodurch die Metropole New York unter Schnee begraben wird. Es werden keine Außerirdischen mehr gebraucht: Die Naturgewalten treten an ihre Stelle. Ausgezeichnet wurde der Kassenschlager vor allem für seine atemberaubenden Spezialeffekte.

Ebenfalls mit bestechenden virtuellen Bildern zelebriert Alex Proyas mit Knowing (2008) lustvoll die Zerstörung der Welt im Mainstreamkino. Und Emmerich, inzwischen Weltuntergangsspezialist, bereitet mit 2012 ein weiteres, noch größeres Endzeitepos vor, das ab November 2009 mit John Cusack in der Hauptrolle in die Kinos kommt. Dabei greift er tief in den Mythenschatz der Maya und ihrer Prophezeiungen. Als Vorbild dient ihm der Science Fiction-Roman von Brian D'Amato, der sich in seiner deutschen Übersetzung bereits auf dem Vormarsch auf die Bestsellerlisten befindet. Der rituelle Kalender der Maya berechnete die großen Katastrophen der Menschheit voraus, bis zu dem Tag, an dem alles endet: am 21. Dezember 2012.


Die Zukunft ist jetzt

Waren Endzeitmythen das Feld der Katastrophenfilme, Filme voller Spezialeffekte, so ist es heute der Dokumentarfilm, der die schlechte Botschaft unters Volk bringt. Der Untergang ist von der Fiktion ins Dokumentarische gerutscht. Die Katastrophe ist der politische Dokumentarfilm unserer Zeit. Großer Erfolg garantiert – keine Special Effects mehr nötig!

Deutlich wird das zum Beispiel in Eine unbequeme Wahrheit (An Inconvenient Truth) (2006), dem Dokumentarfilm von Davis Guggenheim mit dem ehemaligen Präsidentschaftskandidaten der USA, Al Gore. Er malt die altbekannten Bilder der globalen Katastrophe als Folge der globalen Erwärmung an die Wand: Die zehn wärmsten Jahre auf der Welt wurden in den letzten 14 Jahren gemessen. Polkappen und Gletscher schmelzen dramatisch, Süßwasserreservoirs schrumpfen. Wenn nicht jetzt der Klimawandel von den Regierungen als reale Gefahr der Welt ernst genommen und die Verbrennung fossiler Energiereserven radikal gedrosselt würde, wäre es für eine Umkehr zu spät sein.

Ebenso in The 11th Hour (2007) von Nadia Conners und Leila Conners Petersen, in dem kein Nachrichtensprecher, sondern Kinoheld Leonardo DiCaprio eindringlich referiert, dass die globale Erwärmung nicht nur als umweltpolitische Herausforderung zu verstehen, sondern überhaupt eines der wichtigsten Themen der Menschheit und für unseren Planeten sei.

Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fantasie verschwimmen. Die modernen Kinomythen setzen die allgemeine gesellschaftliche Erregung in eindrückliche apokalyptische Bilder um. Diese, seien sie nun dokumentarisch oder fiktiv, kolonisieren unsere Hirne. Längst schon flimmern sie fast jeden Abend in der Tagesschau über den Bildschirm.

Erfüllen die Bilder aber ihre Funktion, den Schrecken zu zähmen, wie Blumenberg in seiner Arbeit am Mythos erklärt oder halten sie ihn auf einer konstanten Flamme am köcheln? In den Großleinwandapokalypsen wird zwischen Horror und Faszination vor allem der alte Mythos vom Weltuntergang wieder aufgewärmt. Irritierend, dass die Bilder der sich aufbäumenden Natur uns so bekannt sind. Sie beziehen ihre Kraft aus ihrer mythischen Ursprünglichkeit und werden wider virulent, Zähmung bisher misslungen. Ähnlich wie die Apapocuva leben wir in ständiger Alarmbereitschaft und in Untergangsstimmung: Unser Schutz vor der Verzweiflung ist das Schulterzucken oder das Nicht-Hinschauen. Denn was soll denn das Einschrauben von Energiesparlampen noch helfen, wenn uns morgen schon die Sintflut ins Haus steht? Die Ästhetisierung des Terrors im Medienhype macht blind für vernünftige politische Lösungen, die den Klimawandel und seine sozialen Folgen seriös untersuchen und kommunizieren, ohne das Vehikel der Endzeitvision zu bemühen, die Artenschutz und modernes Energiemanagement unterstützen und in einer globalen Welt für Gerechtigkeit sorgen.
Ulrike Prinz
studierte Ethnologie, Romanistik und Philosophie in München, Madrid und Marburg. Von 2001–2004 lehrte sie an der Ludwig-Maximilians-Universität München lateinamerikanische Themen. Seit Oktober 2007 ist sie verantwortliche Redakteurin der Zeitschrift HUMBOLDT. Sie lebt in München und Sitges (Barcelona).

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November 2009