Und nach mir die Sintflut? Natur – Kultur: Kunst

Angriff der Killerhitze

Jalta, 1995, Foto: Martin Parr © Martin Parr / Magnum Photos / Agentur FocusDie Welt wird immer wärmer. Und die Städte werden immer heißer. Die Tropen rücken uns auf den Leib. Was sollen wir nur tun? Schwitzen! Eine gefühlte Reportage aus New York und Mexico City.



Wenn die Hitze in die große Stadt kommt, dann weiß der Mensch, dass er ein Tier ist. Der freie Wille ist eine Erfindung, die an kühlen Regentagen gemacht wurde. Die Hitze tritt einen in New York wie ein betrunkener Pöbler nachts im Central Park in die Kniekehle. Der Mensch kann nichts dagegen machen, dass ihm der Schweiß das Bein herunterrinnt, da kann der freie Wille mosern, so viel er will. Das Kondenswasser tropft von der aufgeweichten Decke der Subway: je tiefer unten, desto heißer ist es. Das Fegefeuer leckt an den Fußsohlen, und wenn es noch eines Beweises gegen die erfrischende Theorie des Neptunismus bedürfte, derzufolge das Erdinnere eine kühle Angelegenheit ist – der New Yorker Untergrund liefert diesen Beweis. Um jeden Einwohner herum transpirieren neun Millionen andere New Yorker, die so tun, als würden sie ihre Hunde auf dem Hundespielplatz Gassi führen, einen Raspberry Mocha Frappuccino trinken, Maßnahmen zur Antiterrorbekämpfung ergreifen oder ihren Müll auf der Straße stapeln – in Wirklichkeit ist ihre ganze Konzentration auf ihre Kniekehle gerichtet und auf die des Nebenmannes. Um die Conditio humana ist es zweifelhaft bestellt, und es kann nur schlimmer werden.

Im 20. Jahrhundert stieg die mittlere Temperatur der Atmosphäre um 0,8 Grad. 1995 bis 2006 waren die wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1861. Das von den Vereinten Nationen eingesetzte Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), ein hochrangig besetztes internationales Gremium von Klimaexperten, prognostiziert einen weiteren Anstieg bis zum Jahr 2100 um 1,4 bis 5,8 Grad. Wissenschaftler gehen mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent davon aus, dass menschliche Einflüsse für diesen Temperaturanstieg verantwortlich sind.

New York ist mal wieder der Trendsetter. In dieser extremen Stadt mit ihrem extremen Klima lernen wir schon heute die Überlebensstrategie für morgen, wenn der sehnsüchtig herbeigeschriebene Klimakollaps endlich da ist, und in Bochum die Palmen wachsen. Obwohl New York nahe dem 41. nördlichen Breitengrad liegt, sind die Sommer dort unerträglich: Knapp 40 Grad sind keine Seltenheit; die Luftfeuchtigkeit kann bis zu 90 Prozent steigen: Zustände wie im Dschungel von Borneo. Aber ist es nicht eine alte Wahrheit, dass die Stadt die größte Wildnis ist? Und kann man nicht nachts, wenn man vom eigenen Körper belastet im Bett liegt, im Tompkins Park von East Village die Papageien rufen hören und die Makakenäffchen, die sich raschelnd durch die Bäume schwingen?

„In manchen Nächten ist New York so heiß wie Bangkok”, schreibt der Literaturnobelpreisträger Saul Bellow. Herr Guan, mein chinesischer Vermieter, klopft an die Tür und fragt besorgt, ob ich noch am Leben bin; seit einer Weile vernehme er das Geräusch der Klimaanlage nicht mehr. Ich murmle etwas von frischer Luft, die durch das Fenster herein muss. Herr Guan lächelt höflich und zieht sich zurück. Mit diesen Europäern wird das nichts mehr, denkt er wohl.

Der New Yorker meidet Frischluft. Er hat ja seine Hochhäuser. Passiert man die Drehtüren, bekommt man eine Ahnung, wie die Welt sein könnte, hätte der Mensch nicht den CO2-Ausstoß erfunden: schockgefrostet und doch wunderschön. So muss der Tod sich anfühlen.

Wir werden in Zukunft wie die New Yorker alle in abgeschotteten künstlichen Biosphären leben. In Tempeln aus verdunkeltem Glas, in denen die Temperatur niemals über 18 Grad ansteigt; Tempel wie das World Financial Center, der Trump Tower oder menschenleere Museen wie die skurrile New York Historical Society. Dort hängen großformatige Gemälde amerikanischer Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts, die eine Welt halluzinierten, die es schon damals nicht mehr gab: Der East River schlängelt sich sattblau durch grüne Wiesen, am Ufer blicken zufriedene Farmer auf die Natur, die Gott seinem auserwählten Volk geschenkt hat. Im obersten Stock sind lebensgroße Skulpturen von Indianern ausgestellt, die sich die damalige Oberschicht ins Wohnzimmer holte – aber das ist eine andere Geschichte.

In diesen Raumstationen gibt es alles, was der Mensch zum Leben braucht: Coffeeshops, Büchereien, Frisöre und Kinderwickelstuben. Nie mehr muss man diese Stätten verlassen – zumindest nicht, wenn man sich hinter einem Indianer versteckt, während der Wärter seinen Kontrollgang macht. Es ist für alles gesorgt, sodass der Mensch selbstvergessen den grauen Teppich durch die nackten Zehen quellen lassen und von der Sonne draußen träumen kann. Im Wintergarten, einer hohen Halle im World Financial Center dicht hinter der staubigen und lauten Baustelle Ground Zero, wachsen Palmen in den glasverdachten Himmel. Dem Trump Tower verschafft ein hauseigener Wasserfall sein eigenes Mikroklima. Mit kühlem Marmor und allerlei Goldigem ausgestattet, pflegen diese New Yorker Enklaven eine überbordende Eleganz, wie sie sonst nur in arabischen Luxushotels zu finden ist. Anders als für diese gilt hier aber das Zauberwort: Open to the Public. Jeder ist willkommen, in Badelatschen wie in Großraumshorts, oder der Einfachheit halber nur in ein kühles Bettlaken gewickelt. God save America.

Städte beeinflussen das Klima im globalen Maßstab, denn in ihnen werden rund 80 Prozent der klimawirksamen Treibhausgase emittiert, obwohl sie nur 0,4 Prozent der Erdoberfläche bedecken.

In Megacitys mit zehn Millionen Einwohnern und mehr ist die Temperatur um bis zu zehn Grad höher als im Umland. Betonbauten und versiegelte Flächen heizen sich bei Sonneneinstrahlung stark auf. Besonders gravierend wirkt sich dieser Effekt bei längeren Hitzewellen aus, weil er die nächtliche Abkühlung stark vermindert. Darunter leiden alte und kranke Personen besonders, sodass die Sterberate in Megacitys während ausgeprägter Hitzewellen besonders hoch ist. Auch Sekundäreffekte können auftreten. So nimmt bei Hitzewellen die Anzahl von (Sittlichkeits-)verbrechen, Einbrüchen und Unfällen zu. (Quelle: Münchner Rück)

New Yorks Stromnetz ist mit der Kühlung des Paradieses überlastet. Millionen Klimaanlagen und Kühlschränke laufen Tag und Nacht. Auf Plakaten ruft der Stromversorger Conedison dazu auf, an heißen Tagen die Vorhänge zu schließen und die Air Condition wenigstens dann nicht laufen zu lassen, wenn man gerade selbst am Strand von Cancún schwitzt. Ein rührendes Unterfangen. New Yorker verfallen in panikartige Zustände, sobald die Air Condition nicht mehr sirrt. Es ist, als stellte man ihnen den Herzschlag ab. Obwohl Bürgermeister Michael Bloomberg den Strafbestand der Energieverschwendung erfand, fiel voriges Jahr in 100 000 Haushalten in Queens wegen Überlastung der Strom aus, teilweise bis zu einer Woche. In dieser Zeit lag Queens näher bei Mexico City als bei Manhattan.

Dort, in Mexico City, kommt zu gelegentlichen Stromausfällen noch der permanente Wassermangel hinzu. Dieser Stadtmoloch mit seinen mehr als 20 Millionen Bewohnern ist die einzige Millionenstadt weltweit, die nicht an einem Fluss liegt. Da der Grundwasserspiegel ständig sinkt, sackt Mexico City immer weiter ab. Der Wasserverbrauch von täglich mehr als einer Milliarde Liter wird aus einem 150 Kilometer entfernten Stausee gespeist. Dennoch muss circa ein Viertel der Bevölkerung mit Wassertankwagen versorgt werden, da sie nicht an die Wasserversorgung angeschlossen sind.

1,7 Milliarden Menschen leben in Regionen, in denen Trinkwasser knapp ist. Diese Zahl könne in den nächsten 25 Jahren auf fünf Milliarden steigen. „Der heutige Wasserverbrauch ist nicht aufrechtzuerhalten”, schreibt der Wissenschaftsautor Fred Pearce in seinem Buch „Wenn die Flüsse versiegen”, der Kampf ums Wasser werde sich zur „prägenden Krise des 21. Jahrhunderts” entwickeln.

Mexico City kriecht wie ein endloser Lindwurm die umliegenden Hügel hinauf. Die Häuser sind entweder nicht fertig gebaut oder sie verfallen bereits wieder. Die in der warmen Luft flackernden Lichter erstrecken sich an jeden Horizont – wenn einen der Smog einmal klar sehen lässt. Der verursacht wenigstens nur Kopfschmerzen, der Autoverkehr dagegen bedeutet akute Lebensgefahr. Ein Jogger am Straßenrand, einer von den sehnigen, denen die Anstrengung einen gewissen Irrsinn in die Augen treibt, weicht mit maschineller Routine den Autos aus. Auf den Rücken hat er einen kleinen Sauerstofftank geschnallt, er atmet über Schläuche und eine Maske. Er sieht wie ein Schwerkranker aus, aber er will nur gesund bleiben.

60 Prozent des Energieverbrauchs und 24 Prozent der produzierten Schadstoffe von ganz Mexiko, 80 000 Tonnen Müll – kein Grund zur Besorgnis. Ein ganz normaler Tag in der großen Stadt. Aber die Menschen überleben und leben auch hier, immer am Rande der Apokalypse. Und wenn sie sich dabei in den Siedlungen an den steilen Hügeln festklammern müssen, um nicht abzustürzen. Das sind dann die Paracaidistas, die Fallschirmspringer, die vom Land, oft aus dem armen Norden, in die große, graue Stadt strömen, um im besten Fall mit dem Verkauf von Tacos ein paar Pesos zu verdienen. Ein hartes Leben ist ihnen sicher, der Aufstieg ungewiss. Aber Verzweiflung? No, señor! Mañana. Der Mensch ist eine zähe Spezies. Wenn er es hier schafft, dann schafft er es überall.

Die Bewohner von Mexico City kämen trotz der Katastrophe, die ihre Stadt ist, nicht auf die Idee, sich wie die New Yorker künstliche Welten zu schaffen. Erstens haben sie ja keine schicken Wolkenkratzer mit Parallelwelttauglichkeit. Zweitens stürzen sie sich mit Begeisterung gerade dorthin, wo es am lautesten, dreckigsten, hässlichsten ist: Es la vida, señor. Und das Leben findet draußen statt. Egal wie schmal der Gehsteig ist, links und rechts passen immer noch Straßenbuden hin. Links gibt es zweifelhaftes Huhn, rechts noch zweifelhaftere Hardcore-Pornos zu kaufen. In der Mitte kackt ein grauer Hund auf die Straße. Und der Mensch ist: mitten drin.

Deswegen ist Mexico City manchmal auch nur ein Dorf, vielleicht ein bisschen größer als andere. Dann spazieren Leute sonntags mitten auf der Fahrbahn im Zentrum, hin und wieder liebevoll von einem Radfahrer touchiert. Polizisten mit sehr jungen Gesichtern und sehr großen Waffen sperren die Straßen für das schwächste Glied in der Kette: den Menschen. Heute müssen sie keine Räuber fangen, sondern den Touristen die Welt erklären und den Weg zum nächsten Starbucks und außerdem jungen Damen in Bauchfrei die Tür aufhalten, wobei das Maschinengewehr gefährliche Schräglage gewinnt. Bewacht wird hier alles, selbst vor der Bäckerei steht einer mit Riesenwumme.

Zum ersten Mal fällt mir auf, dass Mexico City eine grüne Stadt ist. Gehobene Szeneviertel mit europäischem Straßencaféflair wie Colonia Condesa verstecken sich hinter Bäumen – das ist hier der wahre Luxus. Selbst an der 50 Kilometer langen achtspurigen Durchgangsstraße Avenida de Insurgentes stehen zerzauselte Bäume. Sie haben dieselbe Funktion wie Priester, die zur letzten Ölung ans Bett eines Schwerkranken gerufen werden: Helfen können sie nicht mehr – aber schön, dass sie da sind.

Auf dem Zócalo, dem riesigen Platz im Centro Histórico, hängt die mexikanische Flagge trüb in der Mittagshitze. Ein politischer Kandidat verkündet über Lautsprecher, die eines Rockkonzerts würdig wären, er habe einen Traum: Allen Mexikanern werde es gutgehen, die Korruption werde besiegt, die Umweltverschmutzung beseitigt, alle Menschen hätten feste Arbeitszeiten von neun bis fünf Uhr, und obendrein würden die Mütter wieder geehrt. Indios im Lendenschurz reiben Männer im Anzug mit duftenden Kräutern ein – Aromatherapie gegen Smog. Ein bezopftes Mädchen verkauft wiederaufbereitetes Wasser, hoffentlich zum menschlichen Verzehrgeeignet. Alle warten auf den großen Regen.

Durch die Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur steigt die Verdunstungsrate, was gleichzeitig zu Dürren und vermehrt auftretenden starken Niederschlägen führt. Dadurch verstärkt sich die Erosion. Die Klimaerwärmung wird voraussichtlich eine Zunahme extremer Wetterbedingungen verursachen.

Irgendwann platzt dann doch der Himmel. Tropfen fallen so dick, dass keine Orientierung mehr möglich ist. Es ist eine verdreckte Brühe, aber sie fühlt sich wunderschön auf der Haut an. Ein Parkplatzwächter sitzt auf einem Hocker, einsam vor seinem kleinen, mit blinkenden Lichterketten geschmückten Hausaltar und lässt sich berieseln. Der Händler, der seine CDs an einer Straßenecke anbietet, dreht die alte Anlage auf. Der Donauwalzer klingt blechern durch Mexiko Citys Straßen.

Und in New York? Auch hier überschwemmt der Regen alle Rinnsteine: eine Flut von biblischen Ausmaßen. Die Straßenhändler hier verkaufen kein Wasser mehr, das gibt es jetzt umsonst, sondern Regenschirme. Die New Yorker sind wieder auf der Straße, tragen gelbes Ölzeug und sehen aus wie ostfriesische Bauern. Barfuß laufen sie durch die Pfützen.

Wir werden es schon schaffen. Das Klima spinnt. Aber der Mensch irgendwie auch.


Der Text erschien zuerst in der Süddeutschen Zeitung vom 25./26. August 2007.
Verena Krebs (1978, München)
hat Kommunikationswissenschaft und Kulturjournalismus studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin. Als Stipendiatin des American Council on Germany recherchierte sie im Juli 2007 in New York für ihre journalistische Arbeit.

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