Kultur der Übersetzung – Übersetzung der Kultur

Was sagt uns eine Sprache, die man nicht verstehen kann?

Ein Gespräch mit dem paraguayischen Schriftsteller Jorge Kanese.

Die Tür zu seinem Arbeitszimmer, in das man durch einen Vorgarten gelangt, steht offen. Im Schein einer Schreibtischlampe wartet Jorge Kanese, Mikrobiologe und Dichter, 1947 in Asunción geboren, auf mich. Kanese ist ein spitzzüngiger, ironischer Mensch, der seine Heimat, Paraguay, mit der gehörigen Skepsis betrachtet. Nach einem kurzen politischen Engagement als Studentenführer und Redakteur der Zeitschrift El Criterio wurde er in den 1970er-Jahren unter dem Regime des deutschstämmigen Generals Alfredo Stroessner verhaftet und gefoltert. Kanese, der mehr als 20 Bücher mit Gedichten und Erzählungen veröffentlicht hat – darunter Kantos del Akantilado (1987), Stroessner Roto (1989), Papeles de Lucy-fer (1992), Indios-Go-Home (1994) –, ist bis heute ein Autor, den man, wie er selbst sagt, „suchen muss”. Die junge Generation paraguayischer Dichter anerkennt ihn als Vorläufer der aktuellen Strömungen der paraguayischen Poesie: des „Portunhol selvagem“ (der wilden Spanisch-Portugiesisch-Mischsprache) und des „Triple-Frontera-Mix“ (des „Dreiländereck-Mix zwischen Argentinien, Paraguay und Brasilien) – Bewegungen, die die Hybridität der paraguayischen Kultur aufgrund der Einflüsse der Nachbarn und der indigenen Komponente, des Guaraní, nicht zurückweisen oder geringschätzen, sondern als etwas Positives annehmen. Kanese war hier Pionier: Schon in den 1980er-Jahren verwendete er das Yorapá, eine Mischung aus Guraraní und Spanisch, in seinen Texten.

Jorge Kanese, Sie sind einer der bedeutendsten Schriftsteller Paraguays. Wie schätzen Sie die kulturelle Entwicklung in Ihrem Land gegenwärtig ein?

Wir erleben eine Kultur des Rückschritts. Aber das war nicht immer so. Anfangs dachte ich, dieses Land wäre „antikulturell“. Aber es ist eher „akulturell“ als „antikulturell“. Wir machen eine Reihe von Entwicklungen durch, die uns Entbehrungen bereiten. So groß ist die Zahl von Konflikten, die sich in diesem Land ereignen, dass den Leuten der Zugang zu bestimmten Stufen verwehrt bleibt, die an anderen Orten wie Buenos Aires oder São Paulo als Kultur angesehen werden. Hier kann man nicht einfach durch Kulturpolitik Kultur erfinden. Das Land hat Dringlichkeiten psychologischer Natur. Paraguay glaubt, dass es umgehend eine Reihe von Probleme lösen muss: in erster Linie den Drogenhandel, das Geld von Itaipú usw. – und merkt dabei nicht, dass die Kultur, die wir haben, uns erlauben würde, anders zu sein.

Ist die „Akultur” eine Konsequenz aus den über dreißig Jahren Militärdiktatur, die das Land unter Stroessner erlitten hat?

Nein. Alfredo Stroessner trägt nicht allein die Schuld, die Schuld dafür, dass es uns nie gelang, wir selbst zu sein: Wir befanden uns am äußersten Rand Argentiniens, am Schwanz Brasiliens, inmitten von nichts. Seit den Tagen der Conquista. Daher stammt Roa Bastos‘ Wendung: „Paraguay, eine Insel umgeben von Land“. Unter Stroessner war die Abgeschiedenheit größer als jetzt. Heute hat sie natürliche Ursachen. Paraguay ist mit dem Rest der Welt nur über sehr wenige Wege verbunden. Wenn ich sage, dass Paraguay nicht existiert, dann sage ich nicht, dass dies schlecht sein müsse. Bis heute bin ich dankbar dafür, dass ich in Paraguay auf die Welt gekommen bin. Es gibt viele Dinge, die ich andernfalls nicht hätte machen können.

Welche Dinge?

Das zu schreiben, was ich schreibe. Schreiben ist für mich eine Leidenschaft. Das Erfinden einer Sprache. In meinem Land spricht man eine Sprache, die keine Sprache ist. Doch es ist ein Slang. Aber alle Paraguayer sind überzeugt, dass unser Guaraní eine zivilisierte Sprache ist. Aber das Guaraní ist eine Sprache aus der Steinzeit, die von den Paraguayern schlecht übersetzt wurde, damit die Nachbarn uns nicht verstehen können, und die bis heute eine Handvoll grammatische und syntaktische Strukturen bewahrt hat.

Also ist es nicht das Guaraní der Indigenen?

Das paraguayische Guaraní, das der ursprünglichen Sprache der Indigenen am nächsten war, war das Guaraní, das in den Missionen der Jesuiten gesprochen wurde. Aber auch das war schon ideologisch und morphologisch beeinflusst durch das Spanisch jener Zeit. Wir Paraguayer sind „ein Produkt von“. Es reicht, dass man sich die Zahl der Jesuitenreduktionen in Erinnerung ruft. Warum wurden sie hier eingerichtet? Warum verhielten sich die Indigenen hier auf eine ganz andere Weise als im Andenhochland? Warum wurde die Kultur der Tupi-Guaraní in Brasilien ausgelöscht, und warum kreuzte sie sich in Paraguay mit der europäischen Kultur? Die wenigen Dinge, die wirklich von den ursprünglichen Kulturen geblieben sind, haben fast aus Zufall überlebt. Das Schema der heutigen paraguayischen Kultur ist westlich.

Warum fand in Paraguay jene Vermischung des Guaraní mit dem Spanischen statt?

Weil die Mehrheit der Indigenen in Paraguay sich den Spaniern ergab, sie mit Proviant und Frauen ausstattete: Das war der Anfang einer starken mestizaje, typisch für den paraguai-porte, die sich bis heute fortsetzt.

In den vergangenen Jahren haben in Paraguay immer mehr Schriftsteller begonnen, Guaraní in ihren Werken zu verwenden. Sie waren Mitglied der „Dichter von den drei Grenzen“, einer Gruppe, die einen kollektiven Blog einrichtet hat, genau an dieser Kreuzung von Sprachen und Kulturen. Wie kam es dazu?

Ich unterrichtete Medizin in Ciudad del Este. Mein Freund Marcelo Silva, ein Argentinier, zog auf die argentinische Seite, nach Puerto Iguazú. Und Douglas Diegues, ein Brasilianer aus Ponta Porã, war zum ersten Mal nach Paraguay gekommen. Bei unserem Zusammentreffen entstand die Idee, die Dichter der Triple-Frontera ins Leben zu rufen. Wir wollten etwas Seltsames machen, und es sollte transnational sein.

Was war das künstlerische Programm?

Wir wollten uns über das Dreiländereck lustig machen, als einen kurios-bedeutungsschwangeren Ort Südamerikas, einen Ort des Drogenschmuggels, all jener „illegalen“ Machenschaften, etwas, das  für den Rückschritt Lateinamerikas an sich steht.

Was zeichnete die Dichter des Dreiländerecks aus?

Wir wollten die Grenzen der Sprache ausreizen, zeigen, dass die Sprache ungenügend ist, eine Annäherung, eine Anspielung, ein Code, der nie ausreicht. Die Sprache hat jene Beschränkungen, die schon die Griechen an ihr erkannten. Doch wenigstens taugt sie dafür, Wortspiele auszudrücken und Metaphern zu formulieren. Und wenn du dies darüber hinaus noch in einem unverständlichen Slang erreichst, dann weckst du jene mythische Haltung. Aus diesem Grund sage ich: Ich identifiziere mich sehr wohl damit, was dieses Land, Paraguay, in Anbetracht der Welt ist. Es ist bedeutungsvoll, aber letztlich versteht niemand, was es genau ist.

Diesen Eindruck bekommt man besonders in Ihren letzten Büchern: Bei Venenos braucht ein nicht paraguayischer Leser ein Glossar, um Wörter wie “wawancó“ zu verstehen.

Tatsächlich gibt es in einigen meiner Bücher ein Glossar, in Papeles de Lucy-fer etwa. Wenn du dieses Buch liest, dann kannst du die richtigen Bezüge herstellen. Aber wenn du mein Buch Venenos allein mit einem Spanisch-Guaraní-Wörterbuch liest, dann wirst du es nicht verstehen. Zu dem Zeitpunkt, als ich es verfasste, hatte ich schon angefangen, Wörter zu erfinden, die zwar Guaraní zu sein scheinen, es aber nicht sind. Para Zekar la Vana-na ist dann schon der völlige Autismus. Es ist so unverständlich, dass selbst bei einem Paraguayer die Frage, was eine Sprache sagt, die man nicht verstehen kann, als Eindruck zurückbleibt.

Was wollten Sie mit dem Rückgriff auf diesen avantgardistischen Gestus, wie wir ihn etwa von den Dadaisten kennen, erreichen? Ging es Ihnen darum, eine neue Sprache zu schaffen, die allein auf Zeichen verweist und nicht auf Bedeutungen?

Ich würde sagen, dieser Gestus war hyperavantgardistisch. Denn heutzutage hat sich die Sprache in ein schwieriges Terrain verwandelt; sie hat so viele Schattierungen. Ich nenne diese Art zu schreiben „Pornoavantgarde“, weil ich in meinen letzten Büchern unflätige Ausdrücke verwende. Das ist ähnlich wie bei DADA, aber es geschieht nicht mit der Frische des Anfangs des 20. Jahrhunderts, sondern mit dem Gewicht von einhundert Jahren. Außerdem versuchte DADA zu zerstören, ich will genau das Gegenteil erreichen. In vielen meiner Bücher tarne ich das formatierbare Spiel, formatiere ich, forme ich, weil mich im Grunde das philosophische Spiel interessiert. Ich glaube nicht, dass die Poesie ein Gesang ist. Ich glaube aber auch nicht, dass sich die Poesie keiner Klanglichkeit bedienen sollte. Sicher ist auf jeden Fall, dass sich hinter bestimmten Formaten der Sprache Ideen verstecken, ganze Philosophien, ein Vorausblick auf die Zukunft und die – wenn auch elliptische – Erzählung der Vergangenheit. Die Sprache ist das Vehikel jedweder Kultur.

In einem Land wie Paraguay fällt deshalb umso mehr auf, dass es in den Buchläden nur wenige Bücher gibt. Ich habe den Eindruck, dass sehr wenig veröffentlicht wird. Welchen Stellenwert hat die Literatur heute in Paraguay?

Genau denselben wie das Land an sich: null. Paraguay liest nicht. Überhaupt nichts. Ich kann von mir sagen, dass ich einer der wenigen Dichter bin, die berühmt wurden, weil eines meiner Bücher, Paloma Blanca, Paloma Negra, 1982 in der Stroessner-Zeit verboten wurde und weil ich daran schuld bin, dass Roa Bastos’ ndayekô deportiert wurde. Alle Leute kennen diese Geschichte. Aber niemand kam danach auf mich zu, um jenes Buch noch einmal zu veröffentlichen. Niemand scherte sich darum, denn es wird sich nicht verkaufen, eine Neuauflage würde sich nicht lohnen.
Jorge Kanese (1947, Asunción)
ist Doktor der Mikrobiologie und Universitätsdozent. Er war Opfer der Stroessner-Diktatur. Kanese ist Autor zahlreicher Gedichtbände, unter anderem Paloma Blanca – Paloma Negra, Stroessner Roto, Indios-Go-Home, El Idioma de los Muertos, (Para mí) Venenos, Para Zekar la Vana-na. Er lebt und arbeitet in Asunción.

Timo Berger (1974, Stuttgart)
studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Neuere deutsche Literatur und Lateinamerikanistik in Tübingen, Buenos Aires und Berlin. Er lebt und arbeitet als Publizist und Übersetzer in Berlin und ist Gründer des lateinamerikanischen Poesiefestivals Latinale sowie des ersten Kartonbuchverlags in Deutschland, PapperLaPapp.

Übersetzung aus dem Spanischen: Timo Berger
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Mai 2010
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Dossier: Die andere Sprache

Dieses Literatur-Dossier zur Kulturzeitschrift Humboldt lässt deutsche und lateinamerikanische, vor allem brasilianische Autorinnen und Autoren zu Wort kommen, die mit besonderem Interesse ihre Diktion erneuern und ihre Sprache verfremden