Die Kunst der Unabhängigkeit ... und einige Überlegungen zum Heldentum

Der Held in der venezolanischen Mentalität

Graffiti mit den Ikonen Che Guevara und Simón Bolívar, Foto: Fabio Cuttica © Contrasto/laif Der Archetypus des Heroen behauptet allen historischen Veränderungen zum Trotz seine Bedeutung als Insigne oder nationaler Wert.

Eine Möglichkeit, die kulturellen Manifestationen einer Gesellschaft zu verstehen, besteht darin, nach deren am meisten verehrte Archetypen zu suchen. Vielleicht muss man mit der Feststellung beginnen, dass Archetypen eigentlich nicht in moralischen Begriffen gewürdigt werden können, sondern vielmehr bezüglich ihrer Bedeutung, die sie als Quelle sozialer Repräsentation erlangen.

In der venezolanischen Mentalität springt der heroische Archetypus ins Auge, der sich weiterhin, allen historischen Veränderungen zum Trotz, als Insigne oder nationaler Wert behauptet. Das allein ist schon maßlos. Die Konstruktion von Mythen und Legenden zur Erklärung und zur Erzählung von Geschichte ist universal, der Unterschied zum venezolanischen Fall liegt jedoch darin, dass sich diese Verehrung nicht wie ein Blick in die Vergangenheit ausnimmt, sondern wie eine gegenwärtige Wertschätzung. Anders ausgedrückt: Der venezolanische Heldenkult ist ein lebendiger Kult.

Sein Ursprung liegt fraglos in der Figur von Simón Bolívar, und sein grundlegendes Thema ist die Unabhängigkeit. Dies trifft nicht im selben Maße für die übrigen Länder zu, die zum spanischen Imperium gehörten und die durch die Taten des Befreiers oder als Folge seines politischen Einflusses unabhängig wurden. Was wiederum historische Gründe hat: Der Vorreiter der Unabhängigkeit, Francisco de Miranda, war Venezolaner; die Unabhängigkeit begann mit der Rebellion von Caracas; der oberste Pionier der emanzipatorischen Geste war Venezolaner; und zuletzt: Der Verschleiß an Menschen und Material durch den Krieg war in Venezuela erheblich höher als auf dem übrigen Kontinent. Um das Ausmaß der Verwüstung deutlich zu machen, muss man nur hervorheben, dass Venezuela 1820 – nach einer Erhebungen von Pedro Cunill Grau (1987) – 44 Prozent seiner Bevölkerung verloren hatte. Es verlor seine Bevölkerung, seine Ressourcen und seine Eliten; im Gegenzug dazu überhäufte es sich mit Helden. Deutlicher könnte es der folgende Auszug aus dem Brief, den Bolívar selbst am 10. Juli 1825 an seinen Onkel Esteban Palacios schrieb, nicht ausdrücken: „Wo ist Caracas?, werden Sie sich fragen. Es gibt kein Caracas; aber seine Asche, seine Monumente, die Erde, auf der es stand, glänzen nun vor Freiheit; und sie sind bedeckt mit der Märtyrer Ruhm. Dieser Trost macht alle Verluste wieder gut, wenigstens für mich; und selbiges hoffe ich auch für Sie.“ [1]
Vgl. Website der Universidad de los Andes:
http://w.w.w.bolivar.ula.ve


Dieser Schlusssatz könnte die Geburtsstunde unserer Republik markieren. Der gewonnene Krieg und das zerstörte Land forderten eine Wiedergutmachungsstrategie; im Folgenden werden wir, wie gesagt, zusammenfassen, was das Lebensschicksal der Patrioten ausmacht: der glorreiche Trost im Gegenzug für den Verlust. Hier haben wir die Entstehung einer Ethik und den Grundstein für die nationale Traumwelt. Hier begannen Heroismus und Ruhm als Schutzschild zu wirken gegen Enttäuschung und Verlust nach dem Krieg. Warum Enttäuschung? Warum wurden die Versprechen, oder besser gesagt: die Erwartungen, die der Unabhängigkeitskrieg geweckt hatte, nicht eingelöst? Die wenigen Überlebenden der Elite, welche die politische Loslösung angeführt hatte – und die im Gegensatz zu anderen unabhängig gewordenen Ländern im Krieg verschwunden war –, wurden Zeuge der Vernichtung ihres Eigentums und ihres Strebens nach Freihandel; die unterjochten Klassen, besonders die Sklaven, erreichten weder die Freiheit, die man ihnen erst Jahre später zuerkannte, noch die Gleichheit vor dem Gesetz, die erst sehr viel später errungen wurde. In diesem Moment musste die Gefahr gebannt werden, dass sich unter den Venezolanern die Idee breit machte, all diese Opfer seien vergebens gewesen. Als Bolívar an seinen Onkel Esteban schrieb, dass der Ruhm die Wiedergutmachung für den Verlust war, wusste er, wovon er sprach.

Die heroische Republik

So wurde das kriegerische Heldentum zum grundlegenden Wert der neu anbrechenden Republik, aber damit nicht genug. Nach 1830, nach dem Verschwinden Bolívars und der politischen Institutionen der Monarchie, bricht eine düstere Phase über Venezuela herein. Zur Armut des Landes kommt die Fragilität der Institutionen der Republik, die eine lange Abfolge militärischer Herrschaft durchmacht. Folgendes zur Veranschaulichung: In 128 Jahren Geschichte – von 1830 bis 1958 – war die Präsidentschaft nur zehn Jahre in Händen von Zivilisten. Es etabliert sich eine „heroische“ Republik; das heißt, die Nation wird hauptsächlich vom Militär regiert und von denjenigen, die selbst an der Auseinandersetzung teilgenommen hatten und daraus ihren Führungsanspruch ableiteten. Die Präsenz der Militärs als derjenigen, die dazu aufgerufen waren, die Nation zu „retten“ und sie zu lenken, insofern sie die Erben des Ruhmes der Unabhängigkeit waren, ist die Quelle des militärischen Messianismus. Ebenfalls im Gegensatz zu anderen lateinamerikanischen Nationen, in denen das Heer als Unterdrücker gesehen wird, hat sich das Militär in Venezuela unter dem Motto der „Freiheitsschmiede“ bis heute Prestige verschafft. Die Militärs gelten als Väter des Vaterlandes, diejenigen, die nicht nur die Freiheit ermöglichten, sondern auch ihren Ursprung legitimierten.

Luis Ricardo Dávila (Venezuela, fábrica de héroes, 2006) erklärt die Verweildauer des Heroisch-Politischen in der venezolanischen Kultur damit, dass „nach der Unabhängigkeit trotz der Umsetzung des politischen republikanischen liberalen Rechtssystems ebenfalls die Ehrfurcht vor dem Monarchischen in die Zivilgesellschaft überführt worden war, die verstärkt wurde durch den militaristischen Habitus des Kommandierens und Gehorchens, verkörpert  in der Idee vom starken Mann“. Dies bedeutete seiner Meinung nach „einen Rückschlag im politischen Bewusstsein und in der Kultur des Venezolaners“. Die Ausgestaltung eines „heroischen“ Vaterlands, einer Nation, die aus der ruhmreichen kriegerischen Aktion hervorgegangen war, gesteht den Heldentaten einen Eigenwert zu und betont das Streben nach Freiheit als Urgrund des venezolanischen Wesens.

Viele und wichtige venezolanische Denker haben auf die Präsenz des Militärischen und Heroischen hingewiesen, die über das Zivile und Konstruktive vorherrschen. Die Geschichte, die man an die Kinder weitergibt, die ständig in offiziellen Diskursen und in der mündlichen Tradition übermittelt wird – nämlich die Geschichte, die alle sozialen Räume besetzt –, ist immer die Geschichte der Unabhängigkeit, der Werte der Emanzipation oder der Freiheit von den Diktaturen; selten ist es die Geschichte der Schriftsteller und Künstler, politischer Gründer oder sozialer Institutionen – oder die  Geschichte infrastruktureller Errungenschaften und der produktiven Unternehmen des Landes. So mag es scheinen, dass Venezuela ausschließlich Produkt des heldenhaften Mutes derjenigen ist, die vor 200 Jahren gekämpft haben, und der Rest der Venezolaner, die ihr Leben lang arbeiten, erfahren keinerlei Beachtung.

Bolívar, der ewige Führer der Nation

Die Historikerin Graciela Soriano de García Pelayo (Venezuela 1810–1830. Aspectos desatendidos de dos décadas, 1988) ist der Meinung, dass für den Normalbürger die wichtigste Zeitspanne der Landesgeschichte in den zwei Dekaden von 1810 bis 1830 liegt; so verwandelte der Ursprungsmythos die Gründungsperiode der unabhängigen Nation in ein heroisches Zeitalter, in die etas aurea, zum Paradigma der venezolanischen Wesensart. Auch die Ethnologin Yolanda Salas (Bolívar y la historia en la conciencia popular, 1987) bietet uns eine ganz ähnliche Sicht an, allerdings vonseiten der Wiedererlangung des historischen Gedächtnisses aus den volkstümlichen Traditionen heraus, aus denen Texte und Repräsentationen in Wort und Bild hervorgehen, welche die nationale Geschichte mit der biblischen Geschichte in Verbindung bringen. Sowohl die Begriffe bezüglich der Unabhängigkeit als auch diejenigen des Evangeliums, der religiösen Legenden und der christlichen Heiligenlegenden sind wahrscheinlich fast die einzigen Bezugspunkte für weite gesellschaftliche Bereiche, die keinen Zugang zur aufgeklärten Geschichte haben.

Was Geschichte hätte sein sollen, also Vergangenheit, bleibt lebendig als einigender Nationalmythos, dessen Hauptprotagonisten kriegerische und religiöse Helden sind. Unweigerlich fließt diese Gesamtheit an Bedeutungen in Simón Bolívar zusammen, der einen halbgottähnlichen und prophetischen Charakter erlangt, wie die Historiker hervorgehoben haben – Elías Pino Iturrieta, Manuel Caballero, Germán Carrera Damas, Luis Castro Leiva, um die Bekanntesten zu nennen [2]
Vgl. u.a. die Werke El divino Bolívar von Pino Iturrieta (Caracas: Alfadil, 2006); El culto a Bolívar von Germán Carrera Damas (Caracas: Alfa, 2003); Werke von Luis Castro Leiva, Bd. 1. (Caracas: Fundación Polar y Ucab, 2005); Por qué no soy bolivariano von Manuel Caballero (Caracas: Alfa, 2007).
. Dieser Umstand  positioniert Bolívar  als Dauerführer der Nation, nachdem sein Denken sowieso schon als Testament betrachtet wird, das unbedingt bewahrt und in die Praxis umgesetzt werden muss, weil seine Relevanz die historische Zeit überlebt . Das Heldengedenken, also die Erinnerung der Geschichte als kriegerischer Geste statt als staatsbürgerlicher Konstruktion, trägt dazu bei, dass demokratische Werte in krisenhaften Zeiten ernsthaft zu Bruch gehen können.

Die unvollendete Tat des Befreiers

Die Gründungsmythen sind die Basis des sozialen Raums der Vorstellungen, und auch wenn sie im Verborgenen bleiben, verschwinden sie deshalb nicht. In kritischen Momenten, die Venezuela zweifelsohne Ende des letzten Jahrhunderts durchlebte, können die Gefühle und der Glaube an die „nationale Seele“, an die wesentlichen Werte der Nation, wieder in Bolívars Sinne als „Trost“ dienen. Der Politologe Aníbal Romero (Disolución social y pronóstico político, 1997) wies schon vor Jahren darauf hin, dass sich sogar industrielle, fortschrittliche und komplexe Gesellschaften auf eine Mythologie stützen, die Einheit und Beständigkeit suggeriert. So darf die Relevanz von Mythen und von kollektiven Repräsentationen als grundlegende Elemente von sozialer Organisation und politischen Herrschaftssystemen nicht unterschätzt werden. „Es sind die Mythen (und die Angst), die Gesellschaften zusammenschweißen, obgleich die Eliten die Mythen oftmals zynisch zu ihren Gunsten manipulieren.“ Er sah damals schon voraus, dass die Demokratie als Einigungsmythos keine Rolle mehr spielte und dass die Mehrheit auf der Suche nach einem neuen Mythos war. Romero zielt hier exakt auf die Residuen des kollektiven Gedächtnisses bezüglich des „von der Vorsehung bestimmten“ Mannes und des Militarismus als Bezugspunkte der „Rettung“ des Vaterlandes ab, die während des 20. Jahrhunderts lange Zeit im Schatten geblieben waren, ohne aber gänzlich zu verschwinden. Sie waren latent vorhanden in der Sensibilität und der Hoffnung auf ein uneingelöstes Versprechen, in der Sehnsucht der unabgeschlossenen Revolution der Unabhängigkeit, bereit dazu, von neuen Umständen aufs politische Parkett zurückgeholt zu werden und das kollektive Gefühl zu beherrschen. Ebenso wie Menschen auf Lösungsmöglichkeiten der Vergangenheit zurückgreifen können, wenn aktuelle Schicksalsschläge zu unüberwindbaren Schwierigkeiten führen, so rekurrieren vielleicht auch Gesellschaften auf diesen Mechanismus, der ihnen momentane Sicherheit und Vertrauen in die Zukunft vorspiegelt (vgl. hierzu meinen Aufsatz La herencia de la tribu. Del mito de la Independencia a la Revolución Bolivariana, Editorial Alfa, 2009).

Ein weiteres differenzierendes Element des historischen Mythos der venezolanischen Vergangenheit ist der unvollendete Charakter der Befreiungshandlung. Bolívar ist ein tragischer Held, der in der Überzeugung stirbt, gescheitert zu sein. Das erscheint unverständlich, wenn wir uns auf den Triumph konzentrieren, den er in seinem Kampf gegen die spanische Herrschaft errang, ist es aber nicht so sehr aus der Perspektive des Protagonisten und seines symbolischen Vermächtnisses. Bolívar wollte die Vereinigung der befreiten Länder im Großkolumbianischen Reich, ein Projekt, das in keinem der Länder auf Gegenliebe stieß. Er konnte den politischen Erfolg mit dem militärischen nicht zusammenführen, und das Scheitern daran, „la Patria Grande” herauszubilden – also das gesamte spanischsprachige Amerika zu einen –, endete in einer lateinamerikanischen Utopie. Wir wissen nicht, was aus diesem Projekt geworden wäre, aber sicher ist, dass sein Scheitern einem messianistischen Geist Tür und Tor öffnete, in ständiger Erwartung, dass sich die bolivarianischen Ideale erneuern. So hat es Pablo Neruda in seinem Gesang für Bolívar ausgedrückt: “Despierto cada cien años, cuando despierta el pueblo”. („Ich erwache alle hundert Jahre, wenn das Volk erwacht.“)

Diese Not Bolívars, auf den mehr Hoffnungen gesetzt wurden, als ein Mensch je ertragen kann, ließ ihn schließlich zum Gegenstand einer Verehrung werden, die den unterschiedlichsten politischen Vereinnahmungen gedient hat und immer noch dient. Das ist es, was dem Historiker John Lombardi zufolge (Epilogue: History and our Heroes. The Bolívar Legend, 2008) die bolivarianische von der klassischen Version des Nationalhelden unterscheidet: „Indem die Mythenmacher Bolívar versachlichen, nehmen sie ihn aus dem Reich des Menschlichen und übertragen ihn ins Reich des perfekten Objekts. Bewundert, aber belanglos, gebrochen durch aktuelle Bedürfnisse und vergegenständlicht für den Volkskonsum, verschwindet jegliche menschliche Unvollkommenheit des Ausgangsmaterials im perfektionierten Bolívar-Objekt.“

Es ist immer wieder paradox und gleichzeitig traurig, dass Simón Bolívar als Tauschware auf dem politischen Markt endet.
Ana Teresa Torres
(1945, Caracas)
arbeitete als klinische Psychologin und Psychoanalytikerin, bevor sie Schriftstellerin wurde. Zu ihren jüngsten Publikationen zählen: Historias del continente oscuro. Ensayos sobre la condición femenina (2007), La fascinación de la víctima (2008) sowie La herencia de la tribu. Del mito de la Independencia a la Revolución Bolivariana (2009). Sie wurde u.a. mit dem Premio Pegasus de Literatura für die beste Erzählung des Jahrzehnts (Venezuela, 1998) und dem Anna Seghers-Preis (Berlin, 2001) ausgezeichnet.

Übersetzung aus dem Spanischen: Ulrike Prinz
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
September 2010
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