Rhetorik der Krise

Symbolwert und Materialwert

Die Logik der Kunst, aus jedem noch so unscheinbaren Objekt einen ästhetischen Mehrwert hervorzuzaubern, ist nicht ohne Weiteres auf die reale Welt übertragbar.

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Schon Jahre vor dem verhängnisvollen Zusammenbruch im September 2008, als die frivole Welt der Spekulation und der vermeintlich immerwährenden Bonanza noch heil war und ein Teil der Malerei und Fotografie zu einem Spielzeug, wenn nicht gar zu einem „toxischen Derivat“ der Junginvestoren verkam, eröffneten die jungen deutschen Bildhauer bereits unheildrohende Ausblicke mit Skulpturen, die aus billigem, prekärem Material gefertigt waren und eine düstere Ahnung vom drohenden wirtschaftlichen Abstieg gaben. Es entstanden  technische Vorrichtungen und Apparate, die sich dadurch auszeichneten, dass sie völlig funktionsuntüchtig waren und in ihrer Raserei schließlich zerbrachen. „Made in Germany“ nicht länger als Gütesiegel, sondern als Differenzial zwischen „Zeug“ und „Ding“, Ersteres als bloßer Gebrauchsgegenstand, Letzteres, um mit Heidegger zu sprechen, als poetisches, mit Kultur getränktes Phänomen.

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Kargheit und Austerität beherrschen auch die „Readymades“ der südamerikanischen Künstler, die eine dramatische Desintegration urbaner Strukturen beobachten. Wie die Überbleibsel einer knappen Konkursmasse wirken ihre Installationen und Performances: „Y si algo sobrare ...“ (und falls etwas übrigbleiben sollte), endet lakonisch das Testament des Don Quijote, der am Ende seines an Abenteuern so reichen Lebens nur noch wenig zu vermachen hatte. Helm, Schild und Lanze waren seine Minimalausrüstung, mit der er loszog und nach Jahren schließlich wieder heimkehrte.

Auch in der  Ökonomie scheint nie etwas übrig bleiben zu wollen: Schulden, Mindestlohn, Zinsen, Ratenzahlungen – nie reicht es. Die modernen Gesellschaften versuchen dieses ewige Nullsummenspiel dadurch zu gewinnen, dass sie immer neue Instrumente, Charts und Indizes zur Messung und Steuerung der Wirtschaft entwickeln und immer größere Heere von sogenannten „Analysten“ beschäftigen. Der Markt erscheint als veritabler Minotaurus, der nicht wie in der Antike sieben Jungfrauen, sondern nunmehr die gesamte Gesellschaft zu verschlingen droht.

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In der modernen Kunst gilt die Maxime: Je größer die Distanz zwischen einem niederen Objekt und seiner auratischen Projektion, desto anspruchsvoller die Metapher, die der Künstler für seine ästhetische Operation voraussetzt. Ein Kilo Gold ist in dieser  Gleichung wertlos. Der Goldhelm bekommt in der zeitgenössischen Kunst erst dann einen Glanz, wenn er wie bei Don Quijote von einer Barbierschüssel abgeleitet wird. Der banale Gegenstand ist Ersatz für Höheres, Unerreichbares, auf das wir womöglich für immer verzichten müssen, das aber durch Imaginationskraft und symbolische Handlung immer wieder in unsere Reichweite gerät. Es ist der systematische Versuch, aus dem Alltag einen Funken Poesie zu schlagen und ausgesuchten Gegenständen, die durch Alltag, Werbung und Kommerz entwertet wurden, ihren Charakter zurückzugeben.

Dass der alchimistische, vulgär-quijoteske Traum der Banker, aus nichts Geld zu machen, letztlich scheiterte, zeigt einmal mehr, dass die Logik der Kunst, aus jedem noch so unscheinbaren Objekt einen ästhetischen Mehrwert hervorzuzaubern, nicht ohne Weiteres auf die reale Welt übertragbar ist.

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Wenn die Zeichnung früher gelegentlich ein fröhlicher Spaziergang im lichten Wald der Zeichen war, dann kann nunmehr, wie schon bei Borges, eine einzige Linie geradewegs ins Gewirr des Labyrinths führen. Sie kann sich aber auch zu einer Skulptur biblischer Wucht steigern, wenn etwa die Kolumbianerin Doris Salcedo den massiven Betonboden der „Tate Modern“ in London in einem unwiderstehlichen Riss aufsprengt.

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Die Krise mag ganze Gesellschaften erschüttern, für die Kunst ist diese Ruptur ein fruchtbarer Boden.

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Nachdem das metropolitane Projekt fragwürdig geworden ist, versuchen viele Künstler, die Welt von ihren Rändern her zu deuten. Das Hinterland und die sogenannte Peripherie werden zu Brennpunkten, sei es in Amazonien oder Patagonien, im Himalaya, in der Sahara, in Grönland, im Kongo oder gar in der Antarktis. Selbst indigene Lesarten der Gegenwart werden vorgeschlagen, wie dies etwa bei der „Bienal del Fin del Mundo“ in Feuerland zu beobachten war. Dabei geht es den Künstlern nicht um Exotik oder Eskapismus, sondern um den Versuch, neue Modelle von Entwicklung und menschlichem Zusammenleben zu erproben.


Auszug aus „Massa Falida – Konkursmasse“ (Ausstellungskonzept innerhalb des regionalen Schwerpunkts: Kultur und Krise des Goethe-Instituts in der Region Südamerika, 2. Oktober 2009)
Alfons Hug
leitet das Goethe-Institut Rio de Janeiro. 2002 und 2004 war er Direktor der Biennale von São Paulo. Er war federführend bei der Konzeption der internationalen Wanderausstellungen „Die Tropen“, „Unwetter“ sowie „Menos Tiempo que Lugar – die Kunst der Unabhängigkeit“ (2010). Er kuratiert den Pavillon Lateinamerikas auf der Biennale von Venedig 2011. Im September 2011 eröffnet in Curitiba, Brasilien, die 6. Biennale unter dem Titel „Jenseits der Krise“, deren künstlerischer Leiter er zusammen mit Ticio Escobar ist.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Mai 2011
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