Kunstvermittlung

Kunstvermittlung als Kunst? Kunst als Kunstvermittlung?

Oder: Warum Kunst und Kunstvermittlung manchmal dasselbe ist …

Die Entwicklungen in der Kunst im 20. Jahrhundert und die Entwicklungen in der Kunstvermittlung der letzten 40 bis 50 Jahre haben zu Ausprägungen, Formen, Wirk- und Handlungsmöglichkeiten bei den Bereichen geführt, die nicht nur vergleichbar sind, sondern manches gemeinsam haben und gar kongruent sein können.

Nachdem sich die Kunst im 19. Jahrhundert von kulturellen Traditionszusammenhängen und einer bis dahin vorrangigen Abbildungsfunktion losgesagt hatte und sich auf eine neue, künstlerische Autonomie berief, überschritten im 20. Jahrhundert Kunstbegriff und künstlerische Praxis sukzessive nicht nur die jeweiligen kunstimmanenten Gattungsgrenzen von Malerei, Skulptur/Plastik, Grafik, Fotografie etc., sie hinterfragten und erweiterten auch die Grenzen des Systems Kunst an sich. Prominente Beispiele hierfür sind die Readymades von Marcel Duchamp, Andy Warhols Brillo Boxes und Pop-Art, Konzeptkunst oder Performance/Fluxus/Happening. Ihre künstlerischen Arbeiten warfen unter anderem Fragen zum Kunstverständnis, zur Wertigkeit, zu (Im-)Materialität, zu Produktion und Präsentation von Kunst, zu Rolle und Absichten des Künstlers auf.

Man könnte meinen, die Kunstvermittlung habe keine eigenen Diskurse dieser Art zu verzeichnen, da ihr Bezugspunkt die künstlerische Praxis samt Konzepten und Theorien sei, deren Vermittlung im Vordergrund stehe und damit eher einer „abhängigen“ Dienstleistung gleichkäme. Zudem war und ist die institutionalisierte Kunstvermittlung traditionell eng verknüpft mit dem Schul- und Bildungswesen. Daher sind Entwicklungen und Diskussionen oft national begrenzt und differieren sehr im internationalen Kontext. Dennoch erweiterte auch die Kunstvermittlung grundlegend ihre Inhalte, Begrifflichkeiten, Methoden und Arbeitsfelder. Während der 60er- und 70er-Jahre wurden in Deutschland beispielsweise Wissenschaft, Studienfach und Schulfach der Kunstvermittlung vorübergehend oder mehrfach umbenannt – so lehrte man zum Beispiel „Ästhetische Erziehung“ oder „Visuelle Kommunikation“ statt „Kunsterziehung“ oder „Kunstpädagogik“. In den 80er-Jahren zeitweise weniger die Kunst, sondern die visuellen Medien an sich den Angelpunkt der kunstpädagogischen Auseinandersetzung dar. Ausschlaggebend waren Kontroversen darüber, mit welchen Konzepten man den Entwicklungen in der Kunst, der Pädagogik, der Gesellschaft und ihrem Bildungsanspruch gerecht werden könne. Bis heute werden diese Kontroversen weitergeführt – mit einer Verschiebung hin zu künstlerischer Kunstvermittlung. So fordert Carl-Peter Buschkühle, Professor für Kunstpädagogik, 2004 in der Publikation Kunstpädagogen müssen Künstler sein. Zum Konzept künstlerischer Bildung nicht die Vermittlung von Kenntnissen über Kunst in den Vordergrund zu stellen, sondern die Aneignung von „künstlerischem Denken“, um das eigene Leben wahrzunehmen und zu gestalten. Auch Pierangelo Maset, Professor für Kunst und ihre Didaktik, spricht von einer Dimension von Kunstvermittlung, die künstlerische Verfahren einbindet und ebensolche entwickelt. Ein wichtiger Vorläufer an dieser Stelle war Joseph Beuys, der als Künstler für seinen „erweiterten Kunstbegriff“ bekannt wurde: Er betonte die Integration künstlerischer und kultureller Inhalte in andere gesellschaftliche Bereiche und zur Gestaltung sozialer Beziehungen – ein klarer (kunst)pädagogischer Ansatz, den er selbst seiner Arbeit umzusetzen suchte.

Flankiert wurden diese Bestrebungen nach Eigenständigkeit und gleichzeitiger Abkehr von der reinen Kenntnisvermittlung auch von anderer Seite. So erkannten in Deutschland z.B. auch die Kunstvereine früh, dass mit den neuen und experimentellen Formen zeitgenössischer Kunst, die sie propagierten, andere Zugänge zu Kunst auf Interesse stießen, die über die Analyse und Interpretation von Kunstwerken und über zugehörige Besucherführungen hinausgingen.

Und heute? In der Kunstvermittlung wie in der Kunst sind auf internationaler Ebene interdisziplinäre Ansätze verbreitet, die nicht nur Wissenschaften wie Soziologie, Psychologie, Cultural Studies, Gender Studies, Naturwissenschaften und Ökonomie einbinden, sondern auch Zugänge zu Alltags-, Lebens- und Medienwelten schaffen. Die Trennlinie zwischen Kunst und Kunstvermittlung ist bei einigen aktuellen Projekten kaum noch sinnvoll zu ziehen, oder sie ist einfach nicht relevant.

Schon mit der documenta 4, 5 und 6 wurde Bazon Brock in Deutschland bekannt durch seine Besucherschule, eine Art „Action Teaching“, das dem Publikum zeitgenössische Kunst näherbringen sollte, aber auch als ausuferndes Happening funktionierte. Bis heute agiert und agitiert Bazon Brock übergreifend als Performancekünstler, Kunstpädagoge, Kunstkritiker, Kulturvermittler, Autor, Moderator, Professor für Ästhetik ohnegleichen in der Publikums- und der Kunstwelt.

Unter dem Titel „Was du liebst, bringt dich auch zum Weinen“ gestaltete der Künstler Tobias Rehberger die Cafeteria zur 53. Biennale von Venedig 2009 in einem markanten Komplettdesign und erhielt den Goldenen Löwen laut Jury dafür, dass es ihm gelungen sei, „soziale Kommunikation in ästhetische Praxis zu verschieben“.

Die Andersartigkeit und Besonderheit dieser Kunst versucht man in Begriffen wie öffentliche Kunst beziehungsweise Kunst im öffentlichen Raum, handlungs- und prozessorientierte Kunst, Relational Art, Aktionskunst, Performance Lectures, Community-Based Art und partizipatorische Kunstprojekte zu fassen. Bei diesen Ansätzen stehen nicht mehr Objekte oder materialbezogene Arbeiten im Vordergrund, sondern sie fokussieren mithilfe von Kommunikation, Austausch und Interaktion die Beziehung zu Kunstinteressierten oder die (zufällige oder gezielte) Einbindung von Dritten in Entstehung und Nutzung einer Arbeit. Damit transportieren diese Begrifflichkeiten und die Inhalte dieser Kunst aber letztlich genau das Gleiche wie ähnlich gelagerte kunstvermittelnde Ansätze.

Aufbau von Kommunikation und Beziehungen zu anderen Personen, Verständigung, Berücksichtigung unterschiedlicher Betrachtungsweisen und Versuchsanordnungen sind etablierte Strategien und Grundlagen der Kunstvermittlung. Spätestens hier treffen sich also Ansätze aus der Kunst und der Kunstvermittlung.

Die Tatsache, dass sich Kunstvermittlung und Kunst in manchen Aspekten angleichen, heißt aber nicht, dass Kunst und Kunstvermittlung beliebig gegeneinander austauschbar wären oder dass es auf eine professionelle und eigenständige Kunstvermittlung nicht mehr ankommt. Es bedeutet auch nicht, dass partizipatorische Kunst, Relational Art, Social Community Art oder wie auch immer ausgerichtete Projekte automatisch gute Kunst- beziehungsweise Kunstvermittlungsprojekte sind. Man sollte zudem bisweilen hinterfragen, ob ein Projekt, das in der Verantwortung für Gesellschaft und Mitmenschen entwickelt wurde, nicht einfach nur ein ethisch, sozial, ökologisch etc. motiviertes Projekt ist und vielleicht doch kein Kunstprojekt.

Von diesen Vorbehalten abgesehen ist es unbestritten, dass Kunst und Kunstvermittlung auch und gerade in ihren Überschneidungen anderen Formen öffentlichen Lebens den Boden bereiten können. Aus welchem der beiden Bereiche die Verantwortlichen und Ideen nun kommen, ist dann nachrangig.

Eva Schmitt (1974)
studierte Kunstpädagogik, Betriebswirtschaftslehre und Psychologie in Frankfurt a. M., Spanien und USA. Seit 2007 ist sie Referentin im Bereich Bildende Kunst des Goethe-Instituts.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2011

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