Kunstvermittlung

Mit Goethe ins Museum

Sechs südamerikanische Goethe-Institute eröffnen eine Initiative zu einem spannenden Dialog über die Bildungsarbeit an Museen.

Den Impuls für das Projekt, einen Dialog über die Bildungsarbeit an Museen in Südamerika anzuregen und hierzu ein Netzwerk auf lokaler, regionaler und internationaler Ebene zu schaffen, gaben Petra Behlke-Campos, Leiterin des Goethe-Instituts Peru, und Reinhard Maiworm, seinerzeit Leiter des Goethe-Instituts in Chile und heute in Mexiko. Es kamen interessierte Museumsleute und Museumspädagogen aus dem Umfeld der Institute Lima, Bogotá, La Paz, Santiago de Chile, Córdoba und Montevideo zu Workshops zusammen. Der Museumsdienst Köln war neben dem Bundesverband Museumspädagogik als einer der Partner eingeladen, sein Programm als Beispiel einer aktuellen bundesdeutschen Museumspädagogik vorzustellen.

„Hut ab – die Kolleginnen und Kollegen der Estancia in Alta Gracia haben ein erstklassiges Programm!“, lautete der Kommentar, der am ersten Abend an die Dienststelle nach Köln gemailt wurde. Der Workshop für die 36 in Córdoba versammelten Museumspädagoginnen und -pädagogen begann sehr ungewöhnlich:

Wir wurden aufgefordert, die Augen zu schließen. Die schabenden Geräusche eines Besens auf dem alten Steinboden waren zu hören, aus der Ferne vernahm man Hammerschläge auf Eisen, eine Schmiede vielleicht, eine Frauenstimme sang traurig ein Lied, ein Seil berührte meine Hand, in die andere Hand wurde ein Stück duftendes Brot gedrückt. Die unsichtbare Geschichte der ehemals in der Estancia lebenden und leidenden Sklaven aus Afrika wurde über diese Methode erlebbar gemacht und war der museumspädagogische Beitrag, der die Intention des Museumskonzeptes dem Publikum vermittelte. Das war ein wunderbarer, über viele Sinneskanäle gestalteter erlebnisorientierter Einstieg in die Diskussion der verschiedenen museumspädagogischen Arbeitsansätze in Argentinien und Deutschland.

Dann wurden alle aufgefordert, ein Gedicht nach einem Schreibrezept des deutschsprachigen Dichters Eugen Gomringer umzuschreiben. Der wichtige Vertreter der Konkreten Poesie verfasste den Text „Avenida“ auf Spanisch – in der Sprache seiner Mutter, die aus Bolivien stammte. Im Gedicht werden nur sechs Wörter verwendet, und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten den Auftrag, Wörter in die vorgegebene Struktur einzusetzen, die das Museum, ein Exponat und/oder das eigene Selbstverständnis zum Ausdruck bringen.

Das so entstandene Gedicht meiner chilenischen Kollegin, Lucía Cariños, die als Pädagogin an der Gedenkstätte Museo de la Memoria y los Derechos Humanos arbeitet, verwunderte zunächst wegen seiner Thematik: Sie schrieb über ein Seepferdchen, und keiner brachte damit zunächst die Gedenkstätte in Beziehung, bis Lucia dann die Zusammenhänge erläuterte: Die Seepferdchen waren die sichtbaren Firmenzeichen auf der Toilettenkeramik, die die Gefangenen in den wenigen Momenten der Ruhe sehen konnten. Die Auflösung der Symbolsprache löste in der Gruppe Betroffenheit aus, denn das Zeichen eröffnete trotz der Reduzierung einen ganzen Kosmos an Emotion und Weltsicht. Das Beispiel macht deutlich, was Museumspädagogik zu leisten imstande ist, nämlich die Herstellung intensiver Beziehungen zu den Exponaten, die an Emotionen rühren und den Menschen öffnen für eine intensive Auseinandersetzung.

Im Verlauf der Workshops wurden die verschiedenen Aufgaben der Museumspädagogik im Spannungsfeld zwischen Öffentlichkeitsarbeit und Bildungsauftrag beleuchtet, die möglichen Besuchergruppen untersucht, Netzwerke von Kooperationspartnern konstruiert und Finanzierungsmodelle diskutiert. Spontan formierten sich Arbeitsgruppen, die sich regelmäßig zum Gedankenaustausch treffen wollen. Es wurde der Wunsch geäußert, die Ausstellungen der Goethe-Institute mit museumspädagogischem Programm auszustatten und die beteiligten Museumskollegen zu unterstützen; auch wurden Ideen für Schulprojekte angestoßen, wie beispielsweise Schnupperkurse auf Deutsch im Museum.

Weitere Informationen zu den Workshops mit Materialien, Textbeispielen und Planungskonzepten auf
http://www.goethe.de/museumspaedagogik

Karin Rottmann (1954, Köln)
veröffentlichte eine Reihe kunst- und museumspädagogischer Artikel und Schulbücher. Seit 1996 ist sie hauptamtlich Museumspädagogin im Museumsdienst Köln und arbeitet zurzeit als Leiterin der Schulprogramme für die städtischen Museen.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2011
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