Kunstvermittlung

Bildung als poetische Handlung

Pädagogische Arbeit in Kultureinrichtungen stellt die Verbindung von Leben und Kunst infrage.

Kunst und Erziehung tragen von Natur aus ein revolutionäres Potenzial in sich. Damit verändern sie unser Weltwissen und befähigen uns dazu, neue Sicht- und Verhaltensweisen zu entwickeln. Künstler und Lehrer zugleich zu sein setzt eine ständige Bereitschaft zum Entdecken und Entwickeln neuer Wege voraus. Davon einmal abgesehen verlangt die Erschließung neuer Arbeitsbereiche dieser Art einiges an Beharrlichkeit und Know-how – und dies allemal in Brasilien.

Die Aufgabe des Pädagogen in einer Kultureinrichtung besteht darin, eine kritische Auseinandersetzung mit der Beziehung von zeitgenössischer Kunst und Leben durch die Herstellung eines Kontakts zur Kunst und zum künstlerischen Schaffen in Gang zu setzen. Die von den Künstlern aufgeworfenen Fragen, Probleme und Lösungsansätze bringen uns in eine Situation der Grenzüberschreitung und ermöglichen es uns, unseren Ansatz, Erziehung durch Kunst zu leisten, zu bereichern. Wir wollen Besuchern und Schülern nicht nur eine stimulierende Begegnung mit den ausgestellten Werken bieten, sondern auch einen Raum eröffnen, in dem der Pädagoge sein Publikum empfängt und nach neuen Beziehungsformen zwischen Kunst und Mensch sucht und diese zur Disposition stellt.

Raum für neue Erzählungen

Von Beginn meiner Beschäftigung mit der Kunstpädagogik an hatte ich die Absicht, Kunstlehrer und Sozialarbeiter an öffentlichen Schulen und in NGOs mit in meine Projekte einzubeziehen. Die Lehrer haben es mit einer Altersklasse zu tun, in der sich das Wissen von und über die Welt herauszubilden beginnt: Ihre Schüler sind aufgeschlossen und wissbegierig und fordern uns deshalb dazu heraus, immer neue Erklärungsansätze zu (er)finden. Ich fragte mich: Wie können wir einen Raum für neue Erzählungen und die Intervention des Publikums eröffnen? Wie gelingt es, ein Umfeld zu schaffen, das poetische Handlungen möglich macht, ein Umfeld also, in dem sich die Menschen wohl und frei fühlen, sich mit der Kunst und mit sich selbst auseinanderzusetzen?

Ich hatte die Gelegenheit, im Bildungszentrum Centro Educacional Unificado Casa Blancaam Stadtrand von São Paulo eine Fortbildungsveranstaltung für 450 Lehrer öffentlicher Schulen durchzuführen, die von der Biennale von São Paulo unterstützt wurde. Die Mikrofone wanderten unablässig durchs Publikum und lieferten ein Echo der intensiven Anteilnahme an dem Gespräch über Lebensformen und Kunst, das sich unter den Teilnehmern entspann und währenddessen es zu teilweise heftigen Kontroversen kam. Wir sprachen über das Werk Pare, repare, prepare des Künstlerpaars Allora und Calzadilla, welches sechs Musiker zusammenführt, die abwechselnd den vierten Satz von Beethovens 9. Sinfonie spielen – und zwar in einem Klavier. Ein Musiklehrer stand auf und fragte an seine Kollegen gewandt: „Wer kennt hier eigentlich Beethovens Neunte?“ Als ob er ahnte, dass das Stück nur wenigen bekannt war, bot er an, es zu singen. Nach allgemeiner Zustimmung sang er mit markanter und schöner Stimme den gesamten vierten Satz. Dies kam so unerwartet, so unvorbereitet, dass sich unter dem andächtig lauschenden Publikum eine gespannte Stille ausbreitete, die auch nach dem Beifall noch den Raum auszufüllen schien.

Dieser Vorfall gab mir zu denken. Wie wunderbar es doch ist, wenn sich jemand frei und willens genug fühlt, so aus sich herauszugehen! Ich fragte mich: Wie können wir einen solchen Raum innerhalb der Kultureinrichtungen garantieren? Die große Herausforderung ist meiner Meinung nach, Fachkompetenz, ein geschultes Team, Infrastruktur und eine stringente konzeptionelle Leitlinie miteinander zu vereinen und zugleich Leerstellen für das Ungewöhnliche offenzulassen. Die Anwesenheit und die Beteiligung jedes Einzelnen könnten dann einen lebhaften Austausch entstehen lassen, wo sich alle über das Gegebene hinaus engagieren, nachfragen und sich über den Sinn von Leben und Kunst in unserer Zeit Gedanken machen.
 
Immer ein Glas Meer ...

Das Institut für zeitgenössische Kunst Tomie Ohtake, das 2001 seine Pforten in São Paulo öffnete, widmet sich der bildenden Kunst, Architektur und Design. Als eine relativ junge Einrichtung mit einer aufgeschlossenen Leitung bietet es der kunstpädagogischen Arbeit ein Experimentierfeld für neue Ansätze in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Der dahinterstehende Gedanke sieht vor, Expertise und Ideen der teilnehmenden Fachleute in den Mittelpunkt zu stellen, diese mit heterogenen Gruppen interagieren zu lassen und eine Kommunikation innerhalb des als demokratisch verstandenen Kunstraums zu fördern.

Der Aktionsradius der Stiftung der Biennale von São Paulo, die ihren Sitz in einer Stadt mit elf Millionen Einwohnern hat, ist enorm. Die Stiftung steht symbolisch betrachtet für das ein, was allen gehört: die Kunst. Eine Ausstellung von der Größe der Kunst-Biennale ist immer eine große Herausforderung: von der Bestimmung eines Themas über die Entwicklung einer argumentativen Struktur und eines Projekts, die Sichtung eines Geländes für die Ausstellung, den Ausstellungsraum, die Anordnung der Exponate bis hin zur Frage, was mit jedem einzelnen Werk gezeigt werden, welche Beziehung mit ihm aufgebaut werden soll – und wie man die Besucher gut empfangen kann. Wie die Intention eines jeden Werks herausstellen, die zu etablierenden Beziehungen mit den Beteiligten der Ausstellung teilen? Wie einen Raum für bedeutsame Erfahrungen schaffen? Auf 25.000 Quadratmeter passen eine Menge Leute.

Der Dialog mit Lehrern und Pädagogen schien der erste wichtige Schritt hin zu einem ersten Kontakt mit Schulen, NGOs und sozial schwachen Milieus. Auf der 29. Biennale im Jahre 2010 hatten die verantwortlichen Kuratoren die Idee, die thematischen Ebenen der Ausstellung („terreiros“) stärker mit einer poetischen Reflexion über Kunst und Politik in Bezug zu setzen. Das Motto der Ausstellung spiegelte dies wider: „Há sempre um copo de mar para um homem navegar“ – „Es gibt immer ein Glas voll Meer zum Segeln“ (Jorge de Lima, A invenção de Orfeu). Es gelang, einen Raum aufzutun, in dem Kunst neu gedacht werden konnte.

Für das kunstpädagogische Projekt brachten die Kuratoren immer wieder neue Vorschläge ein, wie der Dialog zwischen Kunst und Publikum angeregt werden könnte. Ausstellungsteam und Besucher sollten miteinander ins Gespräch kommen, Kunst und Leben in Bezug zueinander gesetzt und eine Diskussion über den Sinn der Arbeit der Künstler vor dem Hintergrund realer Alltagsproblematiken in Gang gebracht werden.

Die Herausforderung, vielen Menschen gleichzeitig Aufmerksamkeit zu schenken und mit jedem Einzelnen in Dialog zu treten, birgt eine Mischung aus absoluter Objektivität und einer intensiven Subjektivität in sich. Man muss gut organisiert sein, um das Publikum angemessen willkommen zu heißen. Entscheidungen müssen schnell und zu jedem Augenblick getroffen werden. Zugleich soll allen – Publikum und Ausstellungsteam gleichermaßen – ein offenes Ohr geschenkt und sollen sie in ihren Bedürfnissen, ihren jeweiligen Gedankengängen und Sinnkonstruktionen ernst genommen werden.

Das aktive Verfolgen des Geschehens war der Kompass dieser Suche. Es war uns daran gelegen, dass die Menschen einander begegneten und die besten Bedingungen dafür gegeben waren, dass aus dem dabei entstehenden Kollektivkörper etwas ausstrahlte, allmählich ein Gespräch entstünde und sich, ähnlich einer Flamme in einem Feuerrad, immer weiter ausbreitete und auf andere überginge. Das Gespräch als Feuer, als Triebwerk für unsere Reise.
Stela Barbieri
ist bildende Künstlerin, Geschichtenerzählerin und arbeitet seit Juli 2009 als pädagogische Kuratorin der Fundação Bienal São Paulo; seit August 2002 leitet sie die pädagogische Vermittlungsarbeit „Ação Educativa“ des Instituts Tomie Ohtake, São Paulo.

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Heike Muranyi
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2011

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